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Leonberg Im „Sommernachtstraum“ reimen sich Liebe und Triebe

Barbara Bross, 28.01.2013 18:37 Uhr

Leonberg – Selten ist eine Wand so würdevoll dargestellt worden wie am Wochenende von Irene Honecker und selten hat man im Theater eine eindrucksvollere Prügelei gesehen als jene zwischen Demetrius (Ziná Emadi) und Lysander (Matthias Ansel), die Torsten Hoffmann so eindrucksvoll choreografiert hat, dass die Zuschauer sich kaum mehr auf das nebenher gesprochene Wort konzentrieren können.

Man kann den Sommernachtstraum von Shakespeare als düsteren Albtraum der menschlichen Abgründe in Moll inszenieren oder aber, wie Annalies Müller und ihre Schauspieltruppe, die Bühne 16, es am Wochenende getan haben, als eher heiteren, manchmal gar slapstickhaften, immer aber erotischen Traum in überwiegend fröhlichem Dur.

Was steckt nicht alles in dieser Komödie um die Wankelmütigkeit von Liebe, die Herrschaft der Männer und der Triebe. Wie viel Poesie und Hintersinn, wie viel Schönheit und Subtext, wie viel Satire, aber auch Wahrheit und Psychologie stecken doch in der Übersetzung von Jürgen Gosch, Angela Schanelec und Wolfgang Wiens, die die Bühne-16-Regisseurin Annalies Müller für die Bedürfnisse ihrer Gruppe ein wenig zurechtgestutzt hat.

Höchste Konzentration ist gefragt

Allerdings gilt: ohne höchste Konzentration der Zuschauer kommt die geschliffene Feinheit des Shakespearschen Textes bei ihnen nicht an. Am Besten liest man das Stück vor dem Theaterbesuch, um die verschiedenen Ebenen des Stücks mit seinen drei Spielwelten wirklich zu verstehen. Theseus, der Herzog von Athen (väterlich-mild gespielt von Walter Schauss), bereitet seine Hochzeit mit der Amazonenkönigin Hippolyta vor (Andrea Reuff gibt sie voll sarkastischer Ironie). Egeus (Manfred Carrier als patriarchalisch gestimmter Vater) klagt seine Tochter Hermia an (Andrea Kauderer spielt sie als so patente wie ehrliche Seele), weil sie nicht den von ihm vorgesehenen Demetrius (Ziná Emadi) heiraten möchte. Denn ihre große Liebe gilt Lysander (Matthias Ansel als libidogeplagter Verliebter). Doch auch Demetrius ist neuerdings scharf auf Hermia und stößt die ihn innig liebende schöne Helena (Isabelle Kepler verleiht der von Ziná Emadi eiskalt Herumgestoßenen glaubhaft zunehmende Verzweiflung) gnadenlos von sich.

Aber auch im Wald und damit im Elfenreich von Oberon und Titania gibt es Stress mit den Hormonen. Peter Höfer ist der leidenschaftliche und charmant-boshafte Oberon, Elli Kocher gibt die erotisch-kesse Titania, die sich gern nimmt, was sie braucht. Auch mal von einem Esel, wenn es sein muss. Die Verwicklungen und Liebeswirren nehmen ihren Lauf, als der freche Puck (Nicole Bender als wunderbar cooler, über dem menschlichen Geschehen stehender Elf) für Gefühlswandlungen und körperliche Verwandlungen innerhalb der vielfältigen Liebschaften sorgt.

Wunderbar komisch inszeniert ist die dritte Ebene im Stück, in der tölpelhafte Handwerker ein lächerlich wirres und belangloses Theaterstück im Wald einstudieren, das sie bei der Hochzeit von Theseus und Hippolyta vorspielen wollen. Was für wunderbare Rollen für Schauspieler, die allesamt ihr darstellerisches „Unvermögen“ spielen dürfen: Klaus Schoßmaier gibt den unterbelichten Mond, Oliver Reuff den lendenlahmen Löwen, Eberhard Schmalzried den trockenen Zimmermann Squenz, Joachim Schäfer den herrlich eitlen Möchtegern-Starschauspieler Zettel (der in einen Esel verwandelt wird) und Marco Heinzelmann darf als Fräulein Thisbe sein komödiantisches Talent auf Stöckelschuhen und mit Piepsstimme ausleben.

Eine luftige Atmosphäre

Zur poetisch-verträumten, luftigen Atmosphäre des Stücks tragen neben den die drei Ebenen trennenden, flirrenden Musikstücken, die Ziná Emadi komponiert hat, auch die umhertanzenden und singenden Elfen Hannah Schneider, Emma Reuff, Nikolai Kauderer und Jan Kastner, angeführt von Oberelfe Jessica Keck, einen wichtigen Teil bei. Als Meister der Vergnügungen an Theseus‘ Hof verleiht Annika Binder Philostrat ihre Stimme und Alexandra Putschin ist der gelassene Waldgeist Regentrude. Für die Kostüme (modern in der Menschen-, verspielt in der Elfenwelt) hat Irene Honecker gesorgt, die Lichtregie hatte Danial Yaghmaee, den Ton Zaman Emadi im Griff. Jutta und Sabine Müller waren für die Maske verantwortlich, Karin Müller für die Fotos im Programmheft, Elli Kocher hat das dschungelhafte Waldbild gemalt und den technischen Überblick hat Klaus Schossmaier behalten. Auch auf der Bühne wird am Ende alles gut – und die Schauspieler bekamen nach der Premiere ihren verdient langen Applaus. Am 9. Februar um 19.30 Uhr wird das Stück ein letztes Mal im Spitalhof gezeigt.