Leonberg/Kreis Böblingen Rückt der Landkreis enger zusammen?

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Kreis Böblingen
Die neue S-Bahn 60 und die Bundesstraße 464 verbinden den Altkreis Leonberg stärker mit dem Zentrum des Landkreises. Wächst der Kreis dadurch stärker zusammen? Dazu lohnt auch ein Blick in die Geschichte der alten Oberämter,

So sah das alte Oberamt aus, das  heute noch die Mentalität prägt. Foto: Stadtarchiv
So sah das alte Oberamt aus, das heute noch die Mentalität prägt.Foto: Stadtarchiv

Leonberg - Der große Berg zwischen Leonberg und Böblingen ist nicht nur eine geografische Barriere. Historisch betrachtet haben die beiden alten Oberämter wenig miteinander zu tun, und die Auflösung des Landkreises Leonberg ist 1973 nur gegen heftigen Widerstand durchgesetzt worden. „LEO muss bleiben“ war damals die einprägsame Botschaft, das Nummerntäfele wurde zum Politikum, welches heute, bei der Wiedereinführung der Tafeln, durchaus in den politischen Köpfen eine Rolle spielt.

Jenseits aller Symbolik pflegt der Altkreis eine eigenständige Dynamik, entlang der „Entwicklungsachse“ S-Bahn, aber auch dank innovativer Leuchttürme wie dem Weissacher Porsche-Entwicklungszentrum oder der künftigen Bosch-Denkfabrik. Dennoch oder gerade deswegen hofft etwa der Landrat Roland Bernhard, dass die neuen Verkehrsachsen mit der S-Bahn zwischen Böblingen und Renningen und der B 464 das gemeinsame Bewusstsein für „Kreis BB“ schärfen.

Um das Verhältnis zwischen Leonberg und dem industriellen Zentrum Böblingen/Sindelfingen zu verstehen, lohnt ein Blick in die Geschichte. „Historisch verbindet beide Städte wenig miteinander“, sagt etwa Helga Hager, die Archivarin des Landkreises. Zwar seien schon im 19. Jahrhundert viele Böblinger auf den Pferdemarkt gekommen, aber der Lebensraum im agrarischen Bezirk Leonberg war ganz auf die Oberamtsstadt zugeschnitten. Das bestätigt auch Bernadette Gramm, die Leonberger Stadtarchivarin: „Die Städte hatten eine Zentralfunktion, nicht nur bei der Verwaltung, sondern auch beim Einkaufen.“ Allenfalls die Viehmärkte brachten die landwirtschaftliche Bevölkerung miteinander in Kontakt. Auch hier hat das Oberamt Leonberg sich teils anders orientiert, wie Helga Hager berichtet: „Die Heimsheimer Bürger haben ihre Pferde ins Badische abgesetzt.“

Erste Berührungspunkte im 15. Jahrhundert

Immerhin, im tiefen Mittelalter gab es bereits einige zarte Bande zwischen den beiden Städten. Das hängt mit der Gräfin Mechthild zusammen, der Tochter des berühmten Grafen Eberhards im Bart. „Sie hatte ab 1450 ihren Witwensitz auf Schloss Böblingen“, erzählt Bernadette Gramm. Zu ihrem Einflussbereich gehörte auch Leonberg, so dass die Landwirte ihre Abgaben nach Böblingen entrichten mussten, so berichtet es die Leonberger Historikerin.

Das war nun keine besonders gute Erinnerung, wer zahlt schon gerne Steuern? Die gute Gräfin Mechthild dürfte demnach so beliebt sein wie das Böblinger Finanzamt heute – wobei auch das ein typisches Merkmal ist: Leonberg hat ein eigenes Finanzamt, das auf keinen Fall ob des enormen Steueraufkommens vom Land aufrecht erhalten wird. Auch die Tatsache, dass der Warmbronner Wald im 17. Jahrhundert noch vom Böblinger Forstamt verwaltet wurde, dürfte der breiten Masse der Bevölkerung kaum aufgefallen sein.

Somit war die Lebenswelt eines Leonbergers, Renningers oder gar Weil der Städters eher von der Homogenität der kleinen Einheit geprägt, die agrarische Gesellschaft orientierte sich in die Bezirkshauptstadt Leonberg. „Die Zugehörigkeit zum Oberamt war für die Identität der Bürger wichtig, um sich zu Hause zu fühlen“, sagt die Kreisarchivarin Helga Hager. Diese tiefenpsychologisch tief verwurzelte lokale Nähe gilt wohl auch noch in unserer modernen Zeit neuer Medien – zumindest erklärt das, warum trotz aller neuen Verwaltungsgrenzen der Altkreis von Wimsheim bis Schöckingen in der Lebensrealität der Menschen noch gut verwurzelt ist.

Die Rankbachbahn hat 1915 die Lage verändert

So war allenfalls die Frage spannend, ob die Straße von Leonberg nach Böblingen über Warmbronn oder über Renningen führen sollte: „Das wurde im 19. Jahrhundert heiß diskutiert“, berichtet der Renninger und Weissacher Stadthistoriker Mathias Graner. Mit der Industrialisierung hat sich die Welt verändert. Das Daimler-Motorenwerk wurde 1915 in Sindelfingen eröffnet, ein Zeichen des neuen Zeitalters der Fabrikarbeit, während Renningen noch ein kleines Bauerndorf war, das noch nach dem Zweiten Weltkrieg nur ein Drittel der heutigen Einwohnerzahl hatte. Genau im Jahr 1915 wurde auch die Rankbachbahn eröffnet. „Sie war eine eingleisige Strecke zwischen Renningen und Böblingen“, berichtet Mathias Graner. Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie ähnelt sich. Jahre, wenn nicht Jahrzehnte wurde um diese Strecke gerungen, die Reichs-Eisenbahndirektion wollte den Südbahnhof in Renningen nicht bezahlen, immer wieder gab es Einwände. „Also fast wie heute“, sagt Mathias Graner schmunzelnd, im Hinblick auf die seit 13 Jahren währende Debatte um die S 60.

Mit dieser neuen Strecke entstanden 1915 tägliche Pendlerströme von Renningen nach Sindelfingen. „Damals bedeutete eine neue Bahnstrecke eine ganz andere Dimension, einen Mentalitätswandel“, sagt der Archivar. Schließlich bewegte man sich sonst noch auf Pferdekutschen. Wie wenig Autos zu dieser Zeit noch verbreitet waren, zeigt ein Streitpunkt der alten Rankbachbahn: „Eine Straßenkreuzung mit der Bahn galt als zu gefährlich, weil dort täglich 20 Autos unterwegs waren.“

So änderten sich die Lebensgewohnheiten der Menschen allmählich, von einer Agrar- zu einer Industriegesellschaft. „Vor dem Siegeszug des Autos nach dem Zweiten Weltkrieg spielten kurze Verkehrsverbindungen für die Orientierung eine zentrale Rolle“, sagt auch die Kreisarchivarin Helga Hager. Nach dem Krieg, in den Zeiten des Wirtschaftswunder, als das eigene Auto die wichtigste Errungenschaft war, hat sich mit der Mobilität auch die Mentalität verändert – denn Wohn- und Arbeitsräume zogen sich immer weiter auseinander. Mit allen Herausforderungen für den ländlichen Raum, auf dass die Schlafstätten nicht zu Schlafstädten werden.

Leo-Center contra Breuningerland

Diese Herausforderungen zeigen sich auch in anderen Teilen des Lebensalltags der Menschen. Zum Beispiel bei den Einkaufsgewohnheiten. „Die Eröffnung des Breuningerlands in Sindelfingen oder die Kaufhäuser in der Böblinger Innenstadt haben in den 60er und 70er Jahren viele auswärtige Kunden angezogen“, sagt Helga Hager. Als es noch die Rankbachbahn gab, fuhren Renninger gerne zu Hertie oder Krauß. Gerade letzteres Bekleidungsgeschäft ist bezeichnend.

Als „Erstmieter“ bezog das Mode-Center große Teile des Leo-Centers im Schicksalsjahr 1973 – als die Eröffnung der zentralen Leonberger Shoppingmall und die Kreisreform zusammenfielen. Am Leo-Center lässt sich übrigens recht gut belegen, wie vital die Altkreis-Beziehungen noch sind. Bei regelmäßigen Steckaktionen markieren die Kunden, woher sie kommen – die Stecknadeln bilden dann fast eins zu eins den Altkreis ab.

Spricht man mit den Vertretern des Leonberger Einzelhandels, dann ist die gemeinsame große Konkurrenz eher entlang der Stuttgarter Königstraße verortet. Bezeichnenderweise war das bei der Planung der Stuttgarter S-Bahn Anfang der 70er Jahre, als die schnelle Verbindungen direkt vor die Stuttgarter Ladentheken ermöglichte, ein Argument aus den Kreisstädten ringsherum, sich hier an den Kosten nicht zu beteiligen. Und was das „Hinterland“ betrifft, so gab es in Weil der Stadt schon immer eine Affinität Richtung Calw, Weissach gehörte zum Oberamt Vaihingen/Enz, und die Enzkreisgemeinden von Heimsheim bis Wimsheim tendierten häufig gar Richtung Pforzheim.

Die multiple Ausrichtung von Leonberg war also vielfach historisch gewachsen, als 1973 der Altkreis zerschnitten und in drei neue Landkreise aufgeteilt wurde. Einer, der wie viele damals den Aufkleber „LEO muss bleiben“ auf dem Auto hatte, war ein junger Verwaltungsinspektor im Leonberger Landratsamt, Bernhard Maier – später sollte er dann Landrat des neuen Gesamtkreises werden. „Ich habe den Kreis Leonberg wie meine Kollegen damals verteidigt“, erinnert er sich. Dass er mit seinen 120 000 Einwohnern heute im Konzert der Großen rund um Stuttgart viel zu klein wäre, sieht Maier zwar heute so. Damals dachte er anders.

Es war ein kleiner Volksaufstand gegen die „Einkreisung“, der letztlich erfolglos blieb. Der Kreis Leonberg wurde filetiert und verteilt auf die Kreise Böblingen, Ludwigsburg und Enz. „Das Strohgäu schwebt heute noch ein bisschen mittendrin“, meint die Kreisarchivarin Helga Hager. Der Phantomschmerz klingt bis heute nach.

Die Kreisreform hat einen kleinen Volksaufstand ausgelöst

Auch nach den politischen Unruhen der Kreisreformen blieb der Altkreis Realität, der jetzt voraussichtlich erfolgreiche Kampf um das LEO-Kennzeichen mag ein Symbol dieser kulturellen Eigenständigkeit sein. Leonberg gehört zwar zum Kreis Böblingen, aber nicht zuletzt das Verbreitungsgebiet der Leonberger Kreiszeitung ist eine wichtige Klammer des Erlebnisraums Altkreis. Die nun eine Infrastruktur-Querspange nach Böblingen bekommt.

„Es war schon vor 30 Jahren unser Plan, den Raum Leonberg besser verkehrlich anzubinden. Als ich noch Fraktionschef war und Reiner Heeb Landrat“, erinnert sich Bernhard Maier. Zunächst als „Kreisbahn“ geplant, hat schließlich der Regionalverband das Projekt umgesetzt.

Gibt es also eine gemeinsame Kreisidentität, und wird sie durch die neuen Verkehrswege gestärkt? Das zieht Bernhard Maier dann doch etwas in Zweifel. „Der Bürger identifiziert sich in erster Linie mit der Stadt und Gemeinde, in der er lebt“, meint der Malms­heimer. Landkreise seien Verwaltungseinheiten, die Krankenhäuser, Müllabfuhr oder Autokennzeichen organisieren müssten. Müsste er eine Bilanz ziehen, so fiele sie dennoch positiv aus: „Der Landkreis Böblingen hat von Leonberg profitiert, und das gilt auch umgekehrt.“

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