Leonberg Putzeinsatz am Tunnel statt Ödnis hinter Gittern

Von Bartek Langer 

Heimsheimer Häftlinge bringen die KZ-Gedenkstätte auf Vordermann. Dadurch sollen sie auf „draußen“ vorbereitet und in die Gesellschaft eingegliedert werden. Denn die Rückfallquote liegt bei 60 Prozent.

Die Häftlinge bringen das KZ auf Vordermann. Foto: factum/Bach
Die Häftlinge bringen das KZ auf Vordermann.Foto: factum/Bach

Leonberg - Am alten Engelbergtunnel geht es eher beschaulich zu. Wenn sich Fuchs und Hase tatsächlich gute Nacht wünschen, könnte man meinen, sie tun es vornehmlich hier. Mit dem Mahnmal und dem Museum der KZ-Gedenkstätteninitiative ist es ein Ort des Innehaltens.

„Dass es hier ein Konzentrationslager gab, stimmt nachdenklich, zumal ich Donauschwabe bin und meine Familie damals Ähnliches in russischer Gefangenschaft erlebt hat“, sagt Michael Bockel (Name geändert). Der stämmige Mann mit der Wollmütze nimmt einen kräftigen Schluck Kaffee, dann schmeißt er den Laubsauger an.

Dass in Leonberg während des Zweiten Weltkriegs Männer aus ganz Europa unter der Willkür der SS Flugzeugtragflächen fertigten und oft den Tod fanden, war ihm aber neu. „Ich hatte keinen Schimmer, dass es hier ein KZ gab“, gesteht er. „Dabei kenne ich Leonberg von früher wie meine Westentasche.“ Mit „früher“ meint der Mann die Zeit, als er noch auf freiem Fuß war.

Der Stuttgarter sitzt seit zwei Jahren in der Justizvollzugsanstalt Heimsheim ein. An diesem Wochenende aber bringt er mit zwei anderen Häftlingen aus dem gelockerten Vollzug die Gedenkstätte auf Vordermann. Das Trio befreit die Informationstafeln von Staub und entsorgt das kunterbunte Laub, das über die Wintermonate den Weg in den Tunnel fand. „Grobarbeit“, nennt es Klaus Talmon von der JVA .

Arbeiten wie diese sind ein fester Bestandteil der Freizeitgestaltung in der Haftanstalt auf dem Mittelberg. Die Gefangenen helfen schon mal, wenn es darum geht, ein Seniorenheim zu streichen oder die Bewohner musikalisch zu unterhalten.

„Dadurch sollen die Männer langsam in die Gesellschaft eingegliedert werden“, erklärt Ernst Weigandt, der Leiter des Freizeitdienstes in der JVA. Wie wichtig das ist, bekräftigt Klaus Talmon: „Wir haben eine Rückfallquote von 60 Prozent.“

Über den Einsatz der Häftlinge vor der Wiedereröffnung der Gedenkstätte nach der Winterpause am morgigen Dienstag – den Kontakt hatte übrigens der Musiker Robert Krauss nach einem Benefizkonzert in der JVA hergestellt – ist man bei der Gedenkstätteninitiative sehr dankbar.

„Bislang hatten wir das selbst gemacht“, erzählt Holger Korsten vom Vorstand. Doch die Arbeit werde immer mühsamer: „Unsere Mitglieder sind stark gealtert. Mit 74 bin ich noch einer der Jüngsten.“ Nachwuchs komme kaum nach. „Es gibt zwar Partnerschaften mit dem JKG und ASG“, berichtet er. „Doch leider ist das Ganze bislang nicht richtig zum Tragen gekommen.“

Nicht zuletzt ist das Reinemachen auch für die Insassen eine nette Abwechslung zum Alltag hinter Gittern. „Unter der Woche arbeite ich in der Schlosserei, aber gerade am Wochenende ist bei uns nichts los“, berichtet Bockel. Da sei Ablenkung überaus willkommen. „Zumal wir nur eine Stunde Hofgang am Tag haben“, sagt er und holt sich noch einen Kaffee. Der Freizeitdienst-Leiter Weigandt, ein begeisterter Camper, hat ihn auf seinem mobilen Herd gemacht.

Nachdem die blauen Säcke mit dem Laub im Sprinter verstaut sind, zieht Ernst Weigandt sogar eine Parallele zwischen KZ-Insassen und den JVA-Häftlingen: „Es gibt immer Leute, die auf andere herabschauen und pauschal urteilen.“ Das sei damals in der Nazi-Zeit der Fall gewesen.

„Auch Menschen, die im Gefängnis waren, bekommen wenig Chancen, wieder in der Gesellschaft anzukommen“, moniert Weigandt, den eben dieser Vergleich darin bestärkt hat, mit seinen Schützlingen im alten Engelbergtunnel aufzuschlagen. Dann holen er und sein Kollege Talmon die Trompeten und spielen den Klassiker „Amazing Grace“, „um der Toten zu gedenken“.

Voll des Lobes ist nicht zuletzt Holger Korsten von der Gedenkstätteninitiative. „Der Tunnel war noch nie so sauber, wie heute“, freut er sich und hofft auf ein Wiedersehen mit den starken Jungs im Frühsommer, wenn es dem wilden Wuchs auf dem Vorplatz an den Kragen geht. Michael Bockel muss aber vermutlich passen, er ist dann schon Freigänger.

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