Leonberg Über alle Berge

Von Ulrike Otto 

Petra Küster und Bernd Nebendahl wollen hoch hinaus: Die Leonberger sind leidenschaftliche Bergsteiger. Nach ihrer Tour im Pamir-Gebirge in Tadschikistan sind sie wieder hier – gesund, stolz und schon mit neuen Zielen vor Augen.

17 Tage sind Petra Küster und Bernd Nebendahl unterwegs, um auf den Gipfel des Pik Lenin im Pamir-Gebirge zu klettern. Der Berg ist 7134 Meter hoch Foto: privat
17 Tage sind Petra Küster und Bernd Nebendahl unterwegs, um auf den Gipfel des Pik Lenin im Pamir-Gebirge zu klettern. Der Berg ist 7134 Meter hoch Foto: privat

Leonberg - Geschafft: Nach 17 Tagen und unzähligen Höhenmetern – allein 1200 waren es allein beim letzten Aufstieg – stehen Petra Küster und Bernd Nebendahl ganz oben. Und wer steht noch da? Lenin. Der in Bronze gegossene Kopf des russischen Kommunisten ziert den Gipfel des Pik Lenin (zu deutsch: Lenin-Spitze), der 1928 nach ihm benannt wurde.

Vier Wochen waren die beiden Leonberger in Tadschikistan im Pamir-Gebirge unterwegs, um den 7134 Meter hohen Berg zu besteigen und zurück ins Basislager zu gelangen. Am 6. August schließlich standen sie auf dem Gipfel. „Es war einer der besten Gipfeltage überhaupt. Es wehte wenig Wind und den ganzen Tag schien die Sonne“, erzählt Petra Küster. Dafür war es jedoch auch der längste Tag am Berg für das Paar: Morgens um 5 Uhr waren sie im dritten Lager aufgebrochen. 1200 Höhenmeter standen auf dem Programm, denn zunächst ging es erstmal bergab. Der Schlussanstieg wurde umso länger. Fast wäre das Paar wieder umgekehrt, um es am nächsten Tag erneut zu versuchen. „Aber ich bin kein Typ fürs Aufgeben. Ich habe gesagt, wir gehen weiter“, berichtet die 48-Jährige. Um 16.45 Uhr war die Bergspitze schließlich erreicht.

Doch damit war das Tagwerk noch nicht vollbracht, schließlich musste noch der Weg zurück ins dritte Lager geschafft werden. „Gegen Mitternacht waren wir zurück“, erzählt Bernd Nebendahl. War der nächtliche Abstieg nicht gefährlich? „Wenn der Mond scheint, sieht man bei dem Schnee schon sehr gut“, entgegnet der Physiker, der Messgeräte für faseroptische Kommunikation entwickelt.

Der Berg hat dem Paar einiges abverlangt. Wegen der starken Sonneneinstrahlung mussten sie die ganze Zeit komplett verhüllt laufen. Dazu ging beständiger Wind, im zweiten Lager mussten sie deshalb sogar einige Tage pausieren. Auch mit Temperaturschwankungen hatten sie zu kämpfen: War es im Schnee und nachts sehr kalt, so erhitzte sich das Zelt tagsüber auf bis zu 40 Grad Celsius im Inneren.

Einige Kilos haben beide während ihrer Tour abgenommen. „Dabei gab es jeden Tag Nudeln mit Soße. Aber das mag man schon nach drei Tagen nicht mehr sehen“, meint Petra Küster. Die Höhe sorgte für zusätzliche Appetitlosigkeit. Da halfen auch die 40 Tafeln Schokolade – für jeden eine pro Tag – nur bedingt.

Die Strecke auf den Pik Lenin hinauf ist nicht ungefährlich. Während der vierwöchigen Tour ging eine riesige Lawine ab, genau einen Tag, bevor die beiden diesen Abschnitt passierten. Außerdem führte der Weg einmal quer über den Gletscher, zwischen metertiefen Spalten hindurch und manchmal über schmale Holzbretter über die Vertiefungen. Besonders für die eher zierliche Petra Küster, die selbst nur 50 Kilo wiegt und einen 25 Kilo schweren Rucksack zu tragen hatte, keine einfache Aufgabe. „Aber eigentlich ist es anstrengender für die Psyche. Zuerst das Hin- und Herlaufen zwischen den Lagern, um das Gepäck hochzutragen. Dann das ständige Abwarten wegen des Wetters. Nichts Gescheites zu Essen. Das Entscheidende ist am Ende das Durchhaltevermögen.“

Beim Physikstudium in Stuttgart hatte sich das Paar kennengelernt und viele Gemeinsamkeiten festgestellt. Ein entspannter Urlaub am Strand? Das ist nicht ihr Ding. „Wir beide sind mit unseren Eltern schon immer ins Gebirge gefahren. Irgendwann hat uns das Wandern aber nicht mehr gereicht“, erzählt Petra Küster. Beide fingen mit Klettern an, machten eine Ausbildung für Touren über Eis und Gletscher und waren viel in den Alpen unterwegs. „Etwa die Hälfte der Viertausender in der Schweiz haben wir schon bestiegen“, sagt Küster und Nebendahl ergänzt: „Es gibt 82 Viertausender in der Schweiz.“

Die Berge im alpinen Nachbarland wurden den beiden irgendwann zu klein. In den Jahren 2000 und 2001 wagten sie sich schließlich in höhere Regionen. So bezwangen sie den Aconcagua, der mit 6962 Metern höchste Berg Südamerikas. 2003 folgte mit dem Mount McKinley in Alaska der höchste Berg Nordamerikas. Die Idee, die sogenannten „Seven Summits“, also die höchsten Berg der sieben Kontinente zu erklimmen, verwarfen sie aber schnell wieder. „Da sind zwei Berge dabei, die sind unheimlich teuer. Der Mount Everest ist fast unbezahlbar“, so Petra Küster. 2011 stiegen sie dann im Kaukasus auf den 5642 Meter hohen Elbrus, der höchste Berg Russlands. 2012 unternahmen sie eine Tour durch die Anden in Peru, wo sie drei Berge in kürzeren Etappen schafften. „Wir machen nur Touren, die man zu zweit schaffen kann“, sagt Bernd Nebendahl. Dabei sind sie dann am liebsten drei bis vier Wochen an einem Berg unterwegs.

Welchen Gipfel sie im nächsten Jahr anpeilen? Noch gibt es kein neues Ziel. Wobei ihnen die Berge im Pamir sehr gut gefallen haben. „Das wäre auf jeden Fall eine Idee“, sagt Bernd Nebendahl. Ein zusätzlicher Ansporn für den 47-Jährigen wäre der „Schneeleopard-Orden“. Auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion gibt es fünf Siebentausender. Wer sie alle bestiegen hat, erhält diesen Ordnen. Zu den fünf Gipfel zählt auch der Pik Ismoil Somoni. Bis 1962 hieß der Pik Stalin, danach Pik Kommunismus. Passend dazu das Zertifikat, dass man für die Besteigung des Pik Lenin erhält. In Anlehnung an Karl Marx steht dort: „Alpinisten aller Länder, vereinigt euch!“