Lesebühne „get shorties“ im Merlin Wahres und Unwahres von Ich-Erzählern

Von Eveline Blohmer 

Sechs Autoren der Lesebühne „get shorties“ haben im Merlin Kurzgeschichten vorgetragen. Dabei haben sie den Spagat zwischen Literatur und Unterhaltung gemacht Und das Publikum aus der Reserve gelockt.

Die Ich-Erzähler  (von links): Ingo Klopfer, Ralf Welteroth, Rainer Bauck, Carolin M. Hafen und Marcus Sauermann Foto: Eveline Blohmer
Die Ich-Erzähler (von links): Ingo Klopfer, Ralf Welteroth, Rainer Bauck, Carolin M. Hafen und Marcus SauermannFoto: Eveline Blohmer

S-West - Acht Weltpremieren, einige Offenbarungen, jede Menge Humor, ein wenig Melancholie, eine Herausforderung und Musik: das hat es am Freitagabend bei der kabarettistischen Lesungsshow „get shorties“ im Merlin für das etwa 100-köpfige Publikum gegeben.

Die Weltpremieren kamen aus den Federn und Mündern der sechs „get shorties“-Autoren. „Wir schreiben für jede Lesebühne neue Kurzgeschichten. Und wir schreiben sie fürs Hören“, sagte Ingo Klopfer. Der in Göppingen geborene Wahl-Stuttgarter hatte das Konzept Lesebühne im Berlin der 1990er-Jahre kennengelernt und 2001 seine eigene gegründet. Und die macht seither bei Auftritten im Großraum Stuttgart den, so Klopfer, „Spagat zwischen Literatur und Unterhaltung“. Das Besondere an den Texten sind laut dem 50-Jährigen die große Alltagsnähe und, bei allen Übertreibungen, die Authentizität.

Vermeintliche Offenbarungen

Wo Authentizität auf einer Bühne gezeigt wird, sind Offenbarungen nicht weit. Oder zumindest vermeintliche. Denn Klopfer und seine

Ingo Klopfer
Kollegen Rainer Bauck, Carolin M. Hafen, Marcus Sauermann, Volker Schwarz und Ralf Welteroth verrieten beim Vorlesen zwar nicht, ob etwas Wahres dran ist an der Geschichte. Aber die acht Geschichten, die sie an diesem Abend zum Besten geben, sind allesamt in der Ich-Form verfasst. Das Publikum musste sie deshalb zwangsläufig mit dem jeweiligen Autor und Vortragenden, dem Ich-Erzähler in doppelter Hinsicht, verbinden.

Ralf Welteroth
So wurde aus Ralf Welteroth ein Mensch, der einst auf einer Motorradtour durch den Harz in Sorge (Ort) landete, auch sonst häufig in Sorge (Zustand) gerät, und der Nachbarn namens Hitler, Heil und Möse hat, wobei er mit letzteren glücklicherweise per Du ist. Rainer Bauck tanzt bei Ü-30-Partys keinen „bewegungsarmen Finanzbeamten-Shuffle“, sondern
Rainer Bauck
wie ein Känguru, ist als Alleinstehender nur „zu 90 Prozent neidisch“, wenn er andere beim Knutschen beobachtet. Er hätte fast die Freundin seines Freundes geküsst und steht auf Bob Marleys „No Woman No Cry“. Marcus Sauermann musste als fünfjähriger Abschied nehmen von seinem entfernten Verwandten Hansi Kruse, einem schüchternen
Marcus Sauermann
Karussellbetreiber mit dreifingriger Hand und egoistischem Sohn, den er in einem Akt der Gerechtigkeit biss. Klopfer ist seit zweieinhalb Jahren Single, gibt sich auf Partnerportalen als Frau aus, findet Tanzen nicht viel besser als Bügeln, Ponyreiten oder Selbstmord und hat Yoga gemacht, „um mal wieder den Schweißgeruch von Frauen einzuatmen“. Carolin M. Hafen
Carolin M. Hafen
trainiert beim Yoga ihr Wurzelchakra, nennt ihren Freund „der Gute“ und misshandelt ihn wegen seines Schnarchens mit Socken und Seife. Und Volker Schwarz scheint jemand zu sein, der sein Auto für 25 Euro verkauft, Risotto einbrennen lässt und dafür den Kunstpreis der Stadt Stuttgart bekommt.
Volker Schwarz

Fakten zur Fiktion

Was Fakt und was Fiktion ist, wird hier nicht verraten. Nur so viel: Welteroth ist 51, lebt in Freiburg, arbeitet in der Anzeigenabteilung der Badischen Zeitung, als Moderator und als DJ. Bauck ist 48, lebt in Bad Cannstatt, ist Philologe und Historiker, arbeitet aber als Plattenverkäufer. Der 47-jährige Sauermann aus Ludwigsburg lebt vom Drehbücher-Schreiben und verfasst seine Texte für die Lesebühne nach eigener Aussage auf den letzten Drücker. Die 33-jährige Hafen ist eigentlich Bauzeichnerin und lebt in Spaichingen. Der Ingenieur Volker Schwarz aus dem Welzheimer Wald entwickelt Airbags und ist 49 Jahre alt.

Was stimmt und was nicht, ist aber auch einerlei. Manchmal geht es eben in erster Linie darum, dass ein Text unterhält – oder sich ein Kompliment gut anfühlt. „Jetzt drehen Sie sich alle mal nach rechts oder links und sagen ihrem Nebensitzer: Du siehst echt hübsch aus!“, forderte Ingo Klopfer das Publikum heraus und löste damit sichtlich positive Gefühle aus.

Diese transportierten zwischen den einzelnen Texten auch Andre Laschet (25) und Christoph Mack (26), was überaus stimmig war: Das Liedermacher-Duo nennt sich Mal Zwischendurch und passte auch von der Qualität seiner Texte zur Lesebühne.

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Danke: Nach zehn Jahren erfolgreichste und einzige Lesebühne Stuttgarts, mit vielen tollen Abenden, Lesungen und Texten hat uns zum ersten Mal nun auch die große Stuttgarter Zeitung wahr genommen und das mit einem wirklich sehr feinen Artikel. Vielen Dank. Nach unsere Buchpremiere im Buchhaus Wittwer im Januar und nun dieser Anerkennung von seiten der Presse scheint das ein super Jahr zu werden...und keine Angst, wir werden alles daran setzten unseren subkulturellen Status weiterhin hoch zu halten. Danke an die SZ und alle unsere Freunde und Besucher!

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