Leser Uni Allergie, Intoleranz – oder alles Einbildung?

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Gluten, Laktose, Milchzucker – Nahrungsmittelunverträglichkeiten nehmen zu. Die Gründe erklärt Stephan Bischoff von der Uni Hohenheim bei der Leser-Uni der Stuttgarter Zeitung.

Bei der Leseruni geht es dieses Mal um Ernährung Foto: dpa
Bei der Leseruni geht es dieses Mal um Ernährung Foto: dpa

Stuttgart - Wer heute Freunde zum Essen einlädt, muss sich gut überlegen, was auf den Tisch kommt. Der eine ist laktoseintolerant, der Nächste verträgt kein Gluten, und ein Dritter reagiert allergisch. Nehmen Nahrungsmittelunverträglichkeiten zu, oder ist das alles Einbildung? „Ein Drittel bis die Hälfte der Bevölkerung in den Industrieländern verträgt bestimmte Lebensmittel nicht oder reagiert überempfindlich. Das hat tatsächlich zugenommen“, sagt Stephan Bischoff, Ernährungsmediziner an der Uni Hohenheim. Dies ist auch das Thema seines Vortrags: „Warum vertragen so viele Menschen ihr Essen nicht?“

Der Körper des Menschen kann unterschiedlich gereizt auf Substanzen in der Nahrung reagieren. Da gibt es zunächst einmal die Allergien, wenn harmlose Substanzen vom Immunsystem als Feind angesehen und attackiert werden. Eindrücklichstes Beispiel: Der Todeskuss einer jungen Frau. Sie reagierte allergisch auf Erdnüsse, doch ihr neuer Freund wusste nichts davon. Als er sie küsste, nachdem er kurz vorher ein Brot mit Erdnussbutter gegessen hatte, erlitt die Frau einen allergischen Schock und starb innerhalb von Minuten. „Das ist ein drastisches Beispiel.

Allergien sind vergleichsweise selten

Allerdings sind Allergien viel seltener, als man glaubt. Nicht mehr als zwei Prozent leiden hierzulande darunter“, erklärt der Ernährungsexperte. Sehr viel häufiger gebe es Intoleranzen. Bekanntestes Beispiel: die Laktoseintoleranz. Betroffene vertragen den Milchzucker Laktose nicht, weil sie das Enzym Laktase nicht in ausreichender Menge bilden können, das den Milchzucker spaltet. Immer häufiger hört man auch von der Fruktoseintoleranz. Dabei ist die Aufnahme von Fruchtzucker aus dem Darm gestört. Auch von einer Unverträglichkeit gegen Histamin ist immer häufiger die Rede. Das kann einem den Genuss eines Glases Rotwein vergällen. Über die Histaminunverträglichkeit wisse man aber sehr wenig, berichtet er.

Viel geforscht wird in Sachen Getreide: Wenn etwa Gluten im Körper Chaos auslöst, muss man unterscheiden zwischen der schweren Erkrankung Zöliakie und etwa der Weizenunverträglichkeit. Menschen mit Zöliakie vertragen Bestandteile des Klebereiweißes Gluten nicht, das in vielen heimischen Getreidesorten vorkommt. Die Ursache liegt in der Schleimhaut des Dünndarms. Sie ist dafür zuständig, wichtige Nährstoffe in den Körper durchzulassen und schädliche Substanzen zurückzuhalten. Bei Menschen mit Zöliakie ist diese Barriere undicht, Glutenbestandteile werden durchgelassen und vom Immunsystem attackiert, ebenso wie die gesunden Darmzellen – mit heftigen Folgen. Immer häufiger kommt auch die Weizenunverträglichkeit vor. Sie ist weniger besorgniserregend als die Zöliakie, da es sich dabei nicht um einen gezielten Angriff des Immunsystems auf die lebensnotwendigen körpereigenen Zellen handelt, sondern um eine Überreaktion auf bestimmte Eiweißbestandteile. „Das beeinträchtigt die Lebensqualität, ist aber nicht gefährlich“, sagt Bischoff.

Darmflora im Ungleichgewicht

Und schließlich gibt es noch die sogenannten Dysbiosen. Dies bedeutet, dass es ein Ungleichgewicht in der Zusammensetzung der Darmbewohner gibt. Im Verdauungstrakt leben mehr als 400 nützliche Arten von Mikroorganismen in einem empfindlichen Gleichgewicht. Sie sorgen nicht nur für die richtige Verdauung, sie sind auch ein wichtiger Bestandteil eines funktionierenden Immunsystems – vor allem für die Widerstandskraft des Körpers sind sie unentbehrlich. Man nennt das harmonische Zusammenleben Symbiose. Ist es gestört, spricht man von Dysbiose. Und dies zeigt sich in ganz unterschiedlichen Reaktionen des Unwohlseins.

Die Gründe für die Zunahme der Unverträglichkeiten sind vielfältig. Einerseits umweltbedingt: Die Menschen nehmen zu viel Zucker und Kohlenhydrate zu sich. Hinzu kommt eine einseitige Ernährung, häufig ist Fast Food die Hauptnahrungsquelle. Dadurch verändert sich die Durchlässigkeit der Darmbarriere. Andererseits spielt der Lebensstil eine Rolle. Wenn etwa Bewegung fehlt, wird die Darmdurchblutung schlechter. Auch dies schadet der Barriere. Zudem verändert sich die Wohngemeinschaft der Mikroorganismen durch den modernen Lebensstil.

Die besseren hygienischen Verhältnisse etwa führen dazu, dass das Immunsystem sich in früher Kindheit weniger mit Erregern auseinandersetzen muss und daher weniger lernt, sich zu wehren. Zudem ist in einem Haushalt mit nur einem oder zwei Kindern der Austausch der Bakterien eingeschränkt – und damit die Vielfalt im Darm. Allerdings, so Bischoff, müsse hier noch sehr viel geforscht werden.