Leser-Uni Forschungsreisen unter Wasser

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Tauchen für die Forschung – das ist der Job von Franz Brümmer. An der Universität Stuttgart erforscht der Biologe Meere und Seen. Bei der Leser-Uni der StZ erklärt er, was man von Lebewesen unter Wasser lernen kann.

Der Biologe Franz Brümmer forscht an der Universität Stuttgart. Foto: privat
Der Biologe Franz Brümmer forscht an der Universität Stuttgart.Foto: privat

Stuttgart - Es gehört schon viel Erfahrung und einiger Mut dazu, völlig blind in die Tiefe zu tauchen. Wenn man trotz Scheinwerfer nur wenige Zentimeter weit sieht und auch nicht mehr die Richtung der aufsteigenden Luftblasen feststellen kann, dann wird die Orientierung unter Wasser schnell zum Problem. So ergeht es dem Stuttgarter Biologen Franz Brümmer und seinen Kollegen, wenn sie wieder einmal den Alatsee in der Nähe von Füssen erkunden. Dieser hübsch gelegene See hat es in sich. Er weist drei Wasserschichten auf: die sauerstoffhaltige Oberflächenschicht, den lebensfeindlichen, weil sauerstofflosen und schwefelwasserstoffhaltigen Tiefenbezirk und dazwischen eine dicht mit roten Schwefelbakterien besiedelte Schicht.

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Einen solchen See zu erkunden, ist eine Herausforderung – taucherisch wie wissenschaftlich. Doch Franz Brümmer bringt die besten Voraussetzungen dazu mit. Er ist Präsident des Verbandes Deutscher Sporttaucher und hat die Fachdisziplin Wissenschaftliches Tauchen an der Uni Stuttgart aufgebaut. Interessierte Nachwuchsforscher im Studiengang Technische Biologie, die, so Brümmer, „sicher und souverän“ tauchen können, lernen hier, wie Tauchen als wissenschaftliche Methode eingesetzt wird: Untersuchungen unter Wasser wie Messungen und Probenahmen gehören ebenso dazu wie die Fertigkeit, Fundstellen so zu dokumentieren, dass man sie später auch wiederfindet. Dabei ist das Wissen um ökologische Zusammenhänge ganz wichtig: „Die Studenten sollen lernen, was wo wie und warum vorkommt“, beschreibt Brümmer das Ziel, ökologisches und biologisches Wissen zu vermitteln. Neben der TU Freiberg in Sachsen sind die Stuttgarter die zweite Uni in der Bundesrepublik, die diese Ausbildung anbietet.

Technische Ideen von Meeresbewohnern abgeguckt

Mit solchen wissenschaftlichen Tauchgängen lassen sich Forschungsarbeiten von der Wasseroberfläche prima ergänzen – und nicht selten zusätzliche Erkenntnisse gewinnen. So lassen sich die Steilwände am Überlinger Ufer des Bodensees kaum vom Schiff aus erkunden. Lohnende Forschungsobjekte sind hier zum Beispiel die Verteilungsmuster und Lebensgemeinschaften von Süßwasserschwämmen und Dreikantmuscheln sowie unterseeische Grundwasserquellen.

Auch an den Steilwänden im Mittelmeer, wo Brümmer und sein Team immer wieder tauchen, lassen sich spannende Beobachtungen machen und neue Erkenntnisse gewinnen. Der Forscher am Institut für Biomaterialien und biomolekulare Systeme widmet sich dabei gerne Organismen, die sonst eher wenig beachtet werden: Schwämmen zum Beispiel oder Wurmschnecken. Diese Organismen warten mit besonderen biologischen Strukturen und bioaktiven Substanzen auf, die als Vorbild für die Entwicklung technischer Geräte, aber auch pharmazeutischer Wirkstoffe sowie vieler anderer Produkte dienen können. Bionik heißt dieses interdisziplinäre Forschungsgebiet, das Brümmer bei seinem Vortrag „Geniale Biomaterialen aus dem Meer“ mit Leben füllen will.

Wenn Brümmer auf Schwämme zu reden kommt, gerät er schnell ins Schwärmen. So betont er, dass diese Tiergruppe unter den wirbellosen Meerestieren die ergiebigste Quelle an Naturstoffen darstellt. Demnach wird etwa die Hälfte der jährlich rund 750 in marinen Organismen neu entdeckten Substanzen in Schwämmen gefunden. Doch auch andere Meeresorganismen faszinieren die Biologen. Sie erforschen diese Tiere mit dem Ziel, etwa aus dem Aufbau ihrer Zähne und Stacheln Hinweise auf technische Möglichkeiten zu bekommen, zum Beispiel zur Herstellung von Oxidkeramiken. Diese werden unter anderem für kratzfeste Computerdisplays gebraucht.

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Artikel vom 07.11.14 "Forschungsreisen unter Wasser": : Gegendarstellung zum Artikel von Klaus Zintz "Forschungsreisen unter Wasser" (07.11.2014 in der Stuttgarter Zeitung): In dem Bericht wird der Eindruck erweckt, dass die an der Uni Stuttgart und TU Freiberg angebotenen Kurse die Teilnehmer und Teilnehmerinnen zur Durchführung von wissenschaftlichen Tauchgängen berechtigen würden. Diese Aussage ist irreführend und entspricht nicht den Tatsachen. Wissenschaftliche Taucheinsätze müssen in Deutschland nach einem Regelwerk der gesetzlichen Unfallversicherung (BG/GUV-R 2112 „Einsatz von Forschungstauchern“) durchgeführt werden. Diese Vorgabe ist für alle Einsätze bindend, ob an Instituten, Universitäten oder auch privaten Betrieben, die wissenschaftliche Arbeiten unter Wasser durchführen. Die an die Vorgaben der Berufstaucherei angelehnten Regeln geben eine intensive Ausbildung (meist 6-9 Wochen), verbunden mit einer zweitägigen Prüfung vor einer unabhängigen Prüfungskommission der Berufsgenossenschaft vor. Personen, die Sporttaucher ffür wissenschaftliche Unterwassertätigkeiten einsetzen und sonst auch die gesetzlichen und berufsgenossenschaftlichen Regelwerke nicht beachten, müssen im Falle eines Unfalles mit erheblichen juristischen Konsequenzen rechnen. Frank Donat Stellvertretender Vorsitzender des Berufsverbands Kommission Forschungstauchen Deutschland e.V. sowie Ausbildungsleiter des Instituts für Chemie und Biologie der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg

Artikel v. 7.11.14 "Forschungsreisen unter Wasser": Ich fühle mich veranlasst als Ausbilder für Forschungstaucher an der Universität Rostock zum Artikel von Klaus Zintz "Forschungsreisen unter Wasser" (7.11.2014 in der Stuttgarter Zeitung) Stellung zu beziehen: Prof. Brümmer suggeriert mit seiner Aussage, "Neben der TU Freiberg in Sachsen sind die Stuttgarter die zweite Uni in der Bundesrepublik, die diese Ausbildung (... Tauchen als wissenschaftliche Methode...) anbieten" einen falschen Sachverhalt. Sowohl als Präsident des größten deutschen Sporttauchverbandes (VDST), als Wissenschaftler und als Projektleiter sind Herrn Brümmer die Fakten zum Thema seit langer Zeit und hinreichend bekannt. Es mir ist daher unverständlich, dass trotzdem der Öffentlichkeit unkorrekte Informationen bzw. Halbwahrheiten offeriert werden! Es gibt in der Bundesrepublik Deutschland insgesamt 6 zugelassene Einrichtungen, die Forschungstaucher ausbilden und zwar nach dem im Regelwerk BGR/GUV-R 21112 "Einsatz von Forschungstauchern" definierten Ausbildungsplan. Forschungstauchen ist eine spezielle Form des beruflichen Tauchens und unterliegt wie alle anderen gewerblichen Tätigkeiten in Deutschland der gesetzlichen Unfallversicherung. Selbstverständlich nimmt bei der Ausbildung von Forschungstauchern die Vermittlung von Methoden wissenschaftlicher UW-Arbeit einen gebührenden Raum ein - damit ist es aber nicht getan! Vielleicht hatte Herr Brümmer bei og Aussage die Ausbildungsteile vor Augen, auf die er und die TU Freiberg bei der Ausbildung ihrer Sporttaucher offensichtlich (wegen des Mehraufwandes?) verzichten? Denn diese dort praktizierte Form der wissenschaftlichen Tauchausbildung ist unvollständig und sie existiert damit tatsächlich nur 2x in Deutschland - nämlich an der Uni Stuttgart und an der TU Freiberg. Schade nur, dass die Studenten möglw. erst im nachfolgenden Berufsleben das begreifen und dann mit ihrer "wissenschaftlichen Tauchausbildung" wenig anfangen können, weil sie nicht den Forderungen der DGUV entspricht. Man kann sich natürlich auch später fortgesetzt über geltende Arbeitsschutzregeln hinwegsetzen - das ist dann aber mE. wettbewerbsverzerrend: die Regeln der DGUV gelten bundesweit und nicht nur in meinem Bundesland MV! Mehr Informationen zum Thema: http://forschungstauchen-deutschland.de/ Dr. Gerd Niedzwiedz

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