Leserkonferenz bei der StZ Plädoyer für die kritische Distanz
Matthias Schmidt, 04.05.2011 07:18 Uhr
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Zu Gast in der Redaktion: Leserkonferenz bei der StZ. Foto: Honzera
Zu Gast in der Redaktion: Leserkonferenz bei der StZ. Foto: Honzera

Stuttgart - Zu den Sachen, über die bei der Leserkonferenz der Stuttgarter Zeitung am Dienstagabend durchaus fachkundig hätte debattiert werden können, gehören die Olympischen Winterspiele von Oslo 1952. Denn damals hat Bernd Zäh angefangen die StZ zu lesen und nie mehr damit aufgehört. War aber kein Thema. Auch die heißblütige Leser-Blatt-Beziehung von Marlies Beitz, die „mindestens drei Mal im Zorn gekündigt“ hat, aber jedes Mal Entzugserscheinungen bekam, wurde nur knapp erwähnt. Denn am Ende ging es doch wieder, wie jedes Mal in dieser Gesprächsreihe, vor allem um die StZ von heute.

Interessant war es trotzdem. Denn so, wie Marlies Beitz von den „Höhen und Tiefen in einer intensiven Beziehung“ sprach, so emotionsgeladen ist das Verhältnis von vielen Lesern zu ihrer Zeitung – heute vermutlich mehr denn je. Rainer Pörtner jedenfalls, der Politikchef der Stuttgarter Zeitung, hat in den zurückliegenden Monaten erlebt, dass sich etwas verändert hat. „Kritik an Journalisten hat es schon immer gegeben, aber die Heftigkeit der Kritik hat zugenommen und auch die Schnelligkeit, mit der die Reaktionen bei uns landen.“ Guttenberg, Mappus, Fukushima, sprich Plagiatsaffäre, Wahlkampf und Atompolitik – unter allen drei Stichworten ist der StZ in Leserbriefen vorgeworfen worden, sie transportiere nicht nur Nachrichten, sie mache vielmehr Stimmung.

In direktem Kontakt mit der Redaktion

Ein berechtigter Vorwurf? „Die StZ richtet sich zu sehr nach der jeweils populären Meinung“, sagt der Abonnent Thomas Schüle, Marketingfachmann in einer IT-Firma. „Sie braucht mehr investigative Geschichten, mehr Differenzierung.“ Auch wenn ihm gleich mehrere Teilnehmer der Runde widersprechen und beispielsweise die Leistungen der StZ-Reporter Andreas Müller, Jörg Nauke, Thomas Braun und Michael Ohnewald loben, setzt Schüle mit einer weiteren Bemerkung ein zentrales Thema des Abends. „Berichte müssen sich klar von Kommentaren unterscheiden. Sonst fühle ich mich nicht gut informiert.“ Auch der StZ-Chefredakteur Joachim Dorfs hält dies für einen wichtigen Punkt. Angesichts einer sich verändernden Medienwelt aber müssten sich Journalisten immer wieder aufs Neue damit befassen. „Es ist klar, dass Tageszeitungen heute mehr als früher die Nachrichten einordnen und Hintergründe erläutern müssen. Bei der Einordnung spielt die persönliche Einschätzung des Autors natürlich eine Rolle, der Bericht enthält dadurch mehr Meinung, als das in Zeitungsberichten vor zehn oder 20 Jahren der Fall war.“

Trotzdem gebe es Grenzen der Verwischung. Bericht und Kommentar dürften nicht dasselbe enthalten, im Bericht müsse das Bemühen des Journalisten spürbar sein, konkurrierende Argumente und gegensätzliche Standpunkte zu erhellen. „Er muss eine kritische Distanz zu den Handelnden halten und sollte sich mit keiner Seite gemein machen.“ Die StZ-Leserin Eva Horn, Mitarbeiterin der Grünen-Landtagsfraktion, hält die Neutralitätsfrage für nicht so entscheidend. Sie wünscht sich Zeitungen, die ihre Stärken bewusst ausspielen. „Wenn eine Tageszeitung so werden will wie ,Spiegel Online’, dann hat sie schon verloren. Sie soll nicht so hektisch sein, sondern ausdifferenzierter, globaler und unaufgeregter.“

Die neuen Plattformen der Stuttgarter Zeitung, die Facebookseite und den Twitterkanal, schätzt sie allerdings auch. „Seit es bei der Zeitung den Newsdesk gibt, hat sich da viel getan. Da kann man in direkten Kontakt mit der Redaktion kommen, und man merkt: da sitzen ja Menschen!“ Am Dienstagabend sind sie dort übrigens noch recht lange gesessen im großen Konferenzraum, die StZ-Menschen und ihre Leser. Das Gespräch tut offensichtlich beiden Seiten gut. Die Reihe wird fortgesetzt.

Update 13.34 Uhr: Eva Horn hat über ihre Teilnahme an der Leserkonferenz gebloggt.

 

Kommentare (10)
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MAI
04
Rolf Richard , 19:11 Uhr

Die kritisch eingestellten Journalisten müssen sich von der massenhaft verkommenden Spreu trennen.

Wird der Qualitätsjournalismus als Wächter geschwächt, so ist der Unwahrheit, der Manipulation bis hin zur Lüge, Tür und Tor geöffnet. Große Lobbyverbände versorgen Berichtererstatter vertraulich mit vermeintlich heißen Insiderinfos. Fehlt die Zeit für die genaue Gegenrecherche, so ist der Skandalisierung keine Grenze mehr gesetzt. Jede Behauptung wird zur Nachricht. Börsenkurse reagieren in Sekundenschnelle auf vielerlei Nachrichten. Wird hier nicht von Journalisten mit Sorgfalt gefiltert, so verlockt dies zur Kursmanipulation. Da geht es dann um massive finanzielle Interessen.Im Zusammenhang mit diesem Thema gibt es eine Fülle von Behauptungen, die ohne Koordination über PR-Agenturen und andere Einrichtungen so hätten nicht laufen können. Nur winziges Beispiel ist die Behauptung, Lafontaine sei ein Populist. Doch diese Aussage ist völlig absurd angesichts des penetranten Populismus anderer Führungsfiguren. Beginnend bei einem Herrn von und zu Guttenberg, der selbst im Angesicht sterbender Soldaten in Afghanistan sich nicht schämte, eine PR-Show ohnegleichen abzuziehen. Kerner versuchte nicht mal ansatzweise Qualitätsjournalismus. Er bewahrte keine kritische Distanz, sondern ließ sich bereitwilligst in die übelste PR-Soße hineinziehen. Das ist Populismus übelster Sorte, die Guttenberg abzog, und Kerner outete sich in schlimmster Hofberichterstattung, PR hoch drei. Politiker werden als unglaubhaft empfunden, aber genauso viele Journalisten. Der "Weizen" muss sich endlich von der massenhaft verkommenden Spreu trennen. Nur so können wir einen immer wichtiger werdenden Pfeiler der Demokratie behalten, ganz gleich, ob in den Print- oder FS/Rundfunkmedien oder auch im Internet.

MAI
04
Booker_T, 15:24 Uhr

Stimmungsmache endlich zugegeben!

Das ist doch genau der Vorwurf, und er ist alles andere als eine Kleinigkeit: "der Bericht enthält dadurch mehr Meinung, als das in Zeitungsberichten vor zehn oder 20 Jahren der Fall war.“

MAI
04
Stuttgarter, 11:49 Uhr

Finanzen

Es wäre einfach nur notwendig, die finanziellen Verflechtungen der Zeitung mit Wirtschaft und Politik offenzulegen. So kann sich der Leser selbst ein Bild über Abhängigkeit und Unabhängigkeit machen und sich überlegen, ob er die Zeitung kaufen möchte und ob er ihr Glauben schenken möchte. Es gibt nicht umsonst die Auffassung, dass die STZ alles andere als unabhängig ist. Am Puls der Zeit ist sie schon sehr sehr lange nicht mehr. Sorry.

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