Herr Mutschler, Sie sind in 73 Tagen von Adana in der Türkei bis nach Kairo geradelt und dabei 2860 Kilometer lang auf dem Sattel gesessen. Was hat Sie an dieser Region gereizt?
Ich habe Mitte der achtziger Jahre zwei Jahre lang in Saudi-Arabien gearbeitet. Damals fehlte mir die Zeit zu reisen. Aber ich wusste seitdem, dass ich den Nahen Osten noch einmal bereisen möchte. Seit 2009 bin ich im Vorruhestand, da hatte ich Zeit, mich vorzubereiten.
Das heißt, Sie haben monatelang trainiert, um für die Strapazen gewappnet zu sein?
Nein. Aber ich fahre schon sehr lange Rad und kenne meine Grenzen. Anspruchsvolle Pässe, das Queren von Canyons und lange Anstiege erfordern schon Ausdauer: Man muss beißen können bei einer solchen Tour. Und ein funktionierendes Fahrrad ist wichtig.
Wie sind die Verhältnisse für Radfahrer im Nahen Osten?
Man fällt schon sehr auf, schließlich wird das Rad dort nur für kurze Distanzen genutzt. Die großen Verbindungsstraßen sind mit unseren Autobahnen vergleichbar, ich bin, wenn vorhanden, auf dem Standstreifen gefahren, dort wird man toleriert. Wichtig ist ein Rückspiegel am Fahrrad, damit man sieht, wer hinter einem hupt – denn gehupt wird ständig. Der Verkehr ist gewöhnungsbedürftig, aber er hat ein System.
Wie haben Sie die Hitze ausgehalten?
Ich kann schwitzen, das ist überlebenswichtig. Und natürlich hatte ich immer einen Sonnenschutz auf dem Kopf.
Wie schnell sind Sie vorangekommen?
Ich bin nicht jeden Tag gefahren. An den Fahrtagen bin ich im Schnitt 70 Kilometer
geradelt, manchmal mit Rücken-, manchmal mit Gegenwind, manchmal mit Sandstürmen. Meine längste Tagesetappe waren 172 Kilometer.
Sprechen Sie Arabisch?
Ein paar Brocken. Aber durch meinen Arbeitsaufenthalt in Saudi-Arabien hatte ich Erfahrung mit der Mentalität, ich bin gut klargekommen. Wo Touristen sind, wird
sowieso auch Englisch gesprochen.
Sie waren allein unterwegs. Haben Sie sich manchmal einsam gefühlt?
Nein. Erstens habe ich unterwegs viele Rucksackreisende getroffen. Die waren zwar im Alter meiner Kinder, aber das hat keine Rolle gespielt, wir sind trotzdem schnell ins Gespräch gekommen. Mit meiner Familie habe ich dank Internet Kontakt gehalten. Zweimal habe ich auch Männer getroffen, die wie ich mit dem Rad unterwegs waren. Einer war ein knapp 60-jähriger Deutscher, der früher mal Oberbürgermeister war, der andere ein junger Bulgare. Mit beiden bin ich eine große Strecke gemeinsam gefahren und habe dadurch Stätten gesehen, die ich alleine nicht besucht hätte.
Und Sie haben auch überall eine Übernachtungsmöglichkeit gefunden.
Die Unterkünfte außerhalb der Großstädte sind teilweise sehr einfach und bieten wenig Komfort. Aber sie sind auch nicht teuer: Ich kam mit einem Budget von 15 bis 30 Euro am Tag aus. Zusätzlich hatte ich auch ein Zelt und einen Campingkocher dabei, um unabhängig zu sein. In den meisten Reiseführern wird auf die wenigen Zeltplätze hingewiesen.
Wie genau haben Sie ihre Strecke geplant?
Start und Endpunkt hatte ich natürlich festgelegt, ebenso die Richtung. Aber ich habe mir vorher keinen genauen Zeitplan gemacht, ich wusste nur, mein Ziel ist Kairo. Wenn ich allerdings jede Einladung zum Teetrinken angenommen hätte, wäre ich viel länger unterwegs gewesen. Besonders auf dem Land waren die Menschen gastfreundlich und neugierig. Natürlich kamen die Teegläser bei den Viehhirten nicht aus der Spülmaschine, da darf man nicht heikel sein.
Welche Orte haben die stärksten Erinnerungen hinterlassen?
Palmyra ist das schönste und größte Ruinenfeld von Syrien. Auch Petra in Jordanien hat mich sehr beeindruckt, dort war ich drei Tage lang. Diese antike Stadt mit direkt in den Stein gemeißelten Fassaden ist Ziel von Reisegruppen aus der ganzen Welt. Diese Leute habe ich oft bedauert, weil ihr Programm so gedrängt war und sie immer rechtzeitig am klimatisierten Bus zu sein hatten. Und der Suezkanal war ein Erlebnis, ich bin ihm von Suez bis Port Said auf seiner ganzen Länge gefolgt. Der Anblick der Containerfrachter, Öltanker, Kreuzfahrt- und Kriegsschiffe ist grandios. Aus der Ferne denkt man, die Schiffe gleiten durch die Wüste.
Viele der von Ihnen besuchten Orte sind oder waren Schauplätze der Aufstände des Arabischen Frühlings.
Ja, das berührt mich sehr, wenn ich im Fernsehen sehe, wie etwa in Homs heute das Militär gegen die Bevölkerung vorgeht.

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