Levin goes lightly in Stuttgart Kernschmelze, Implosion, irgendwas in der Art

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Der Stuttgarter Club Schocken wurde am Mittwochabend zur musikalischen Kraftkammer. Levin goes lightly stellte sein neues Album vor – und brachte mit Band mehr Energie auf die Bühne, als man vertragen konnte.

Levin goes lightly ist jetzt eine Band, er steht hinter einer Farfisa-Orgel und füllt bei seiner Release-Party den Club Schocken. Weitere Bilder vom Mittwochabend zeigt die folgende Fotostrecke. Foto: Jan Georg Plavec 13 Bilder
Levin goes lightly ist jetzt eine Band, er steht hinter einer Farfisa-Orgel und füllt bei seiner Release-Party den Club Schocken. Weitere Bilder vom Mittwochabend zeigt die folgende Fotostrecke. Foto: Jan Georg Plavec

Stuttgart - Als am Ende der Stuttgarter Club Schocken völlig eingenebelt und der letzte Ton dieses phänomenalen Konzerts verklungen ist, nimmt Levin goes lightly den falschen Ausgang. Das Hemd komplett durchgeschwitzt, die Schminke verschmiert, eilt der Hühne Richtung Tür: frische Luft, Raum zum Atmen – statt Backstagebereich, der im Schocken ja im Keller liegt. Also da, wo wochenends Disco ist und dieses Konzert eigentlich hätte stattfinden sollen. Was sich die Veranstalter vom Label Treibender Teppich und das Schocken-Team aber schnell anders überlegt haben angesichts des sich abzeichnenden Zuschauerandrangs.

Die Release-Party des neuen Albums von Levin goes lightly ist nicht nur ein Treff der Nordbahnhofszene, von regelmäßigen Konzertgängern und generell hippen Gestalten – sie hebt auch den immer noch namenlosen Stuttgart-Sound auf eine neue Stufe. Also diesen, wie der an ganz vielen Platten aus dieser Szene beteiligte Tontechniker Ralv Milberg sagt, psychedelischen, fast schon jazzigen Zugang zu Popmusik, der auch die lauten Gitarren und schiefe Töne nicht scheut – solange der Sound stimmt und alles im Fluss ist.

Wir sind Levin goes lightly

An diesem Mittwochabend vollzieht das Stuttgarter Publikum die Metamorphose des Levin goes lightly nach. Es ist eine fast absolute Verwandlung: vom Solitär zum Teil einer Liveband, die der Künstler mit „Wir sind Levin goes lightly“ vorstellt. Aber auch der Sound macht den nächsten, ach was: die nächsten drei Schritte. Die ersten Shows von Levin goes lightly waren Soloauftritte: großer Mann mit Gitarre und ein paar Maschinen, die Loops und elektrische Rhythmen konnten, dazu der unangestrengt düstere Gesang und enorme Bühnenpräsenz.

Am Mittwochabend jedoch steht Levin Stadler hinter einer wuchtigen Farfisa-Orgel. Er hält sich an ihr fest, während der Rest des Körpers in jene Zuckungen verfällt, die diese Musik nahelegt. Die Monotonie der Rhythmusgruppe, das Repetitive kommt auf Levins aktuellem Album „Neo Romantic“ noch deutlich mehr zum Vorschein als auf der Vorgängerplatte.

Im Schocken wird fast das gesamte Album vorgetragen, und zwar in Bandbesetzung: Levin wie erwähnt hinter der Orgel, dazu Max Rieger von Die Nerven am Schlagzeug, Paul Schwarz an der Gitarre und Thomas Zehnle am Bass. Dadurch klingt das alles noch mehr nach Krautrock, wird der Sound viel dringlicher – wie sollte es auch anders sein, wenn nicht nur ein kleines Kästchen elektronische Rhythmen Richtung Boxen schickt, sondern obendrauf ein herrlich nach alter Schule klingendes Schlagzeug den Beat verstärkt?

Da ist etwas Neues entstanden

Vor allem eröffnet diese Kombination neue musikalische Welten: die Maschinenmusik, für die Levin goes lightly bisher stand, verträgt sich ganz wunderbar mit dem lärmigen Gitarrensound von Bands wie Die Nerven und Wolf Mountains, die ja in Teilen ebenfalls auf der Bühne stehen. Weil sich diese beiden musikalischen Zugänge im selben Stuttgarter Nordbahnhof-Geist entwickelt haben, passen sie so gut zusammen – und sind deshalb viel mehr als das, was man früher mal Electroclash nannte. Halt ein Stuttgart-Ding.

So mäandert dieser dank dem Livemischer Ralv Milberg ganz fantastisch klingende Abend vor sich hin – „mehr Happening als Konzert“ nennt es hinterher einer, weil der Abend tatsächlich auch eine Art Klassentreffen der, nennen wir den Begriff einfach mal, Stuttgarter Schule war.

Aber da ist eben auch musikalisch zusammengekommen, was zusammen gehört. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn dieses Konzert wirklich wie ursprünglich geplant im Schocken-Keller stattgefunden hätte: Kernschmelze, Implosion, irgendwas in der Art.

Aber dieses Konzert hat auch den großen Schocken-Raum bis unters Dach gefüllt, auch und vor allem im musikalischen Sinne. Der Club ist am Mittwochabend eine Kraftkammer, eigentlich zu klein für diese Musik, die rausdrängt in die Welt. Deshalb haben die Veranstalter die Clubtüre ständig offen gehalten, deshalb eilte Levin Stadler nach der überlangen, in einem unerhört kraftvollen und mächtigen Riff- und Soundgewitter mündenden Version des Songs „Speedways“ sofort nach draußen: weil man so viel Energie auf einmal kaum aushält.


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