Liederhalle in Stuttgart Den verborgenen Schätzen auf der Spur

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Von vielen Stuttgartern noch vor dem Bau als hässlich abgelehnt und hinterher teuerer als geplant: Die Stuttgarter Liederhalle war nicht unumstritten. Eine neue Führung zeigt das berühmte Gebäude von einer ganz neuen Seite.

Der Vorhang aus Seide bleibt fast immer hinter der Vertäfelung. Die Historikerin Carola Franke-Höltzermann präsentiert ihn bei ihrer Führung dem Publikum. Foto: Horst Rudel
Der Vorhang aus Seide bleibt fast immer hinter der Vertäfelung. Die Historikerin Carola Franke-Höltzermann präsentiert ihn bei ihrer Führung dem Publikum. Foto: Horst Rudel

Stuttgart - Sie ist der Inbegriff der 1950er-Jahre-Architektur und einer der bedeutendsten Kulturbauten der Nachkriegszeit. Anfangs aber war die Liederhalle in den Augen vieler Stuttgarter ein Skandalbau. Der Widerstand regte sich vor allem gegen den nackten Beton, neben den Mosaiken eines der markanten Stilelemente im Innen-und Außenbereich. Der Konzertbau von Rolf Gutbrod und Adolf Abel wurde dennoch fertig gestellt, und zwar in nur eineinhalb Jahren. Am 23. Dezember 1954 genehmigte der Gemeinderat 8,1 Millionen Mark. Rechtzeitig zum Deutschen Sängerbundfest im August 1956 wurde die Liederhalle am 30. Juli eingeweiht. Aber schon damals explodierten die Kosten: Der Bau wurde fast fünf Millionen Mark teuerer als geplant.

Auch heute noch wird an dem Bauwerk herumgedoktert

Im Rahmen einer Veranstaltungsreihe der Volkshochschule, die den Besuchern einen neuen Blick auf scheinbar Bekanntes öffnen will, zeigte die Kunsthistorikerin Carola Franke-Höltzermann 25 Interessierten die großen und kleinen Schätze der denkmalgeschützten Liederhalle – und wies auch auf Verschandelungen aus jüngerer Zeit hin. Tatsächlich waren auch da noch Gegner des so genannten schalungsrauen Betons am Werk. Nicht anders sind die über dem Beton angebrachten türkisfarbenen Vertäfelungen im Foyer und dritten Stock des Restaurants zu erklären. Dort oben speisten die Gäste zwischen Geranien auf dem Balkon, heute wird es auf dieser Ebene nur noch selten genutzt.

Dabei ist schon der Weg vom Mozartsaal über den Café-Bereich zum Restaurant für das wache Auge ein Erlebnis, wie Franke -Höltzermann ihrem Publikum zeigte. Vögel bevölkern die Bäume der Wandmosaiken in erdigen Farben. Den Fußboden durchziehen ebenfalls Mosaikbänder, und im Restaurant finden sie zum Beispiel als breiter Sims eines Innenfesters zum Foyer ihre Fortsetzung. Die Blumenkübel sind heute leider mit Steinkohle gefüllt, früher gediehen hier stilecht für die 1950er Jahre die Gummibäume. „Auch die Außenflächen waren ursprünglich über und über mit Bodenmosaiken bestückt“, weiß die Kunsthistorikern und vermutet, dass sie wegen der Rutschgefahr bei Nässe entfernt wurden.

Der Grundriss ist einem Konzertflügel nachempfunden

Wer hat als Konzertbesucher im Beethovensaal schon einmal bemerkt, dass dessen Grundriss einem Konzertflügel nachempfunden ist? „Der Baukörper ist aus seiner Funktion heraus entwickelt“, erklärt die Historikerin und weiß, dass Theodor Heuss einen der Blattgold verzierten Balkonplätze mit eigenem Vorraum und Kühlschrank hatte. Die Liederhalle ist unterkellert, und so werden die Tische, die bei Bällen im Sall stehen, durch eine Öffnung im Parkett nach unten transportiert werden. Auch einen wahrhaftigen Springbrunnen gibt es im Beethovensaal: Das Parkett wird an der betreffenden Stelle abgenommen, und darunter plätschert es.

Für die von Caterina Valente bis Anna Netrebko hoch gelobte gute Akustik sorgt die Teakholzvertäfelung mit Längsrillen – und die Architektur selbst. „Alles, was unruhig erscheint, ist gut für den Klang“, erklärt die Kunsthistorikerin. Bei der Gestaltung der Konzertsäle wurde der Akustikfachmann Lothar Cremer hinzugezogen. Dies war in den 1950er Jahren ein Novum bei der Planung. Der Silchersaal hingegen war als Vortragsraum konzipiert. „In den 80er Jahren wurde die schreckliche Akustikdecke angebracht“, kritisiert Franke-Höltzermann. „Keiner der drei Säle ist rechteckig. Es gibt im ganzen Haus keine Symmetrie. Das gilt auch für die Treppenaufgänge.“ Jeder der drei Säle fungiere wie ein eigenes Haus. „Das Foyer bildet den Marktplatz zwischen den drei Gebäuden.“ Die Mosaikbänder auf dem Marktplatzboden bilden dabei ein Leitsystem für die Besucher, denn sie führen einerseits zu den Toiletten, andererseits zu den Telefonkabinen mit Bullaugenfenstern. Im Zeitalter der Handys wurden sie zweckentfremdet – sie sind jetzt Besenkammern. Der Stuttgarter Liederkranz, der 1864 die erste Liederhalle an der damaligen Militärstraße errichtet hatte, hat ein Bleiberecht für alle Zeiten in der neuen Liederhalle, deren Grundstück er nach dem Krieg zum Wiederaufbau erworben hatte.

Führung Der Rundgang durch die Liederhalle mit anschließendem Konzertbesuch wird am 8. Mai um 17 Uhr von der Volkshochschule (Kursnummer 141-08360) wiederholt.