Liederprojekt Gut gemeint, sehr gut gemacht

Annette Schwesig, 29.11.2012 11:34 Uhr

Stuttgart - Singen bei den Gauthiers: Vater Eric hat sein heimisches Wohnzimmer in eine gemütliche, überschaubare Bühne verwandelt. Der Choreograf selber lümmelt auf dem Sofa mit der Gitarre in der Hand, seine schwangere Frau sitzt, die Altflöte spielbereit auf dem Schoß, auf der Lehne, und der kleine Sohn hat zwei große Kochtöpfe umgedreht vor sich, die Kochlöffel fest entschlossen in der Hand. Dann beginnt die kleine Familie zu musizieren, singt „Jingle Bells“ und wünscht anschließend allen Freunden und Verwandten ein schönes Weihnachtsfest. Zu sehen ist dieses Idyll auf dem Internet-Portal www.singen-schenken.de. Auf dieser Seite kann man ein selbst gesungenes Weihnachtslied verschenken: mit einer Webcam oder auch dem Handy nimmt man sich selber beim Singen und Musizieren auf, lädt den Clip hoch und verschickt ihn als Videogrußkarte. Texte, Noten, Background-Mitsingfassungen und die nötige Software gibt es bei Bedarf kostenlos dazu. Nicht nur die Gauthiers, auch die Schauspielerin Ursula Cantieni sowie weitere prominente und weniger prominente Bürger haben bereits mitgemacht und ihre gesungenen Weihnachtsgrüße ins Netz gestellt.

Diese Aktion „Singen schenken“ ist Teil des vierten und letzten Teil des Liederprojekts, das der Stuttgarter Carus-Verlag gemeinsam mit dem SWR und Reclam verantwortet, und man ahnt angesichts dieser Art der medialen Verbreitung, welchen Weg alle Beteiligten seit dem Start der Aktion 2009 zurückgelegt haben. Die „Wiegenlieder“ machten damals den Anfang, danach folgten im Jahresabstand die „Kinderlieder“ und die „Volkslieder“, nun beschließen die eben erschienenen „Weihnachtslieder“ diese beispiellose Aktion. Auch wenn sich das mit Zahlen nicht abschließend belegen lässt: man kann getrost behaupten, dass die Unternehmung dazu beigetragen hat, dass in Familien und Kindergärten wieder mehr gesungen wird.

Ungeahnt große Zustimmung und Unterstützung

Dass die „Wiegenlieder“ nur den Auftakt dieser erfolgreichen Buch- und Notensammlung bilden würden, das hatte im Herbst 2009 niemand geahnt. Die Idee, die am Anfang dahinter stand, war gut gemeint, doch wie sehr sie den Nerv der Zeit treffen würde, war nicht abzusehen. Auch Cornelius Hauptmann ahnte wohl kaum, was er lostrat, als er sein Unbehagen an der mangelnden Singkultur formulierte. Der Konzert- und Opernsänger stellte nämlich bei einem Besuch in einer Schule fest, dass die Kinder nur noch wenige Lieder(texte) kennen. Kaum war dieser Befund ausgesprochen, bekam er Zustimmung und Ermunterung von allen möglichen Seiten. Und – wichtiger noch – vielfältige und ausdauernde Unterstützung: von Verlagen, Redaktionen, Rundfunkanstalten, Künstlern und sonstigen fleißigen Bienen.

Begonnen wurde mit Wiegen­liedern. Warum stand denn eigentlich am Anfang nicht die Sammlung mit Weihnachtsliedern, wäre das nicht naheliegend gewesen? „Ja, sicher, aber das wäre in der Tat zu naheliegend gewesen“, erklärt Johannes Graulich, der Geschäftsführer des Carus-Verlages. Denn wenn in Familien noch gesungen werde, dann an Weihnachten, das gehöre eben dazu, sagt er. „Wir aber wollten den Blick speziell auf das Singen mit Kindern richten, und dafür schienen uns die Wiegenlieder geeigneter zu sein“ sagt Graulich, selbst Vater zweier Kinder. Zudem wollte man auch einen neuen Blick auf alte Lieder werfen.

Hohe musikalische Qualität ist der Erfolgsgarant

Vermutlich ist genau diese Kombination aus pädagogischer Absicht und künstlerischem Anspruch der Grund für den großen und nachhaltigen Erfolg des Projektes. Wäre die Unternehmung nur gut gemeint gewesen, hätte man es bei der Interpretation und Aufnahme der Lieder nicht so genau genommen (ist ja eh „nur“ für Kinder), dann wäre das Liederprojekt vermutlich als eines von vielen ambitionierten Vorhaben zur frühkindlichen Förderung zwar gelobt, aber nicht gehört worden. Doch die Zahlen sprechen für sich: 300 Kinder aus 13 Kinderchören waren beteiligt, 100 Sänger und Instrumentalpartner haben 300 Lieder aufgenommen, mehr als 350 000 Euro beträgt der bisherige Spendenerlös zur Förderung des Singens mit Kindern. Allein von den „Wiegenliedern“ wurden 80 000 Bücher und 50 000 CDs verkauft. Und man braucht nicht über besondere prophetische Gaben zu verfügen, um vorauszusagen, dass auch die „Weihnachtslieder“ gut über die Ladentheken wandern werden. Und das liegt vor allem an der hohen musikalischen Qualität der aufgenommenen Lieder. Das erste Lied der ersten CD, „Es ist ein Ros entsprungen“, wird vom Kammerchor Stuttgart unter der Leitung von Frieder Bernius gesungen. Es ist schon eine gewisse Aussage, eine Weihnacht-CD, die sich in erster Linie an Kinder richtet, mit diesen Interpreten beginnen zu lassen. Doch das Niveau wird gut gehalten, die ganze restlichen 28 Lieder lang.

Berührend sind auch die Instrumentalfassungen: zum Beispiel „Maria durch ein Dornwald ging“ von Christine Busch und Kay Johannsen. Zum Schluss das Lied, das fast alle Beteiligten gerne singen wollten: „Stille Nacht“. Berückend schön und festlich gestimmt singen Vater und Sohn Prégardien. Ein sicherlich programmatischer, vor allem aber schöner Schlusspunkt eines Projektes, das angetreten ist, das Singen in den Familien zu stärken und dem dies auf eindrucksvolle Weise gelungen ist.