Krimikolumne

Lilian Faschinger: „Die Unzertrennlichen“ Gefährliche Freundin

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Die Wienerin Sissi findet im Dorf ihrer Kindheit Übles. Ihre Verwandtschaft ist immer noch boshaftes Pack. Und ihre beste Freundin war vielleicht schon immer ein Biest.

Die Gerichtsmedizinerin Sissi Fux wird in „Die Unzertrennlichen“ von einer Beerdigung zurück ins böse Heimatdorf gelockt. Foto: Verlag
Die Gerichtsmedizinerin Sissi Fux wird in „Die Unzertrennlichen“ von einer Beerdigung zurück ins böse Heimatdorf gelockt.Foto: Verlag

Stuttgart - Der Großvater ist noch der Erträglichste in der Sippschaft der in Wien arbeitenden Gerichtsmedizinerin Sissi Fux. Opa ist zwar ein unbelehrbarer rechtsradikaler Grantler, der daheim in der Steiermark an kirchlichen Feiertagen und zu jedem sonstigen geselligen Anlass gerne eigene und nachträglich dazugekaufte Frontkämpferabzeichen der Hitler-Armee aufträgt. Aber wenigstens schläft er viel. Opa lässt am Tisch den Kopf nach hinten kippen und träumt von vergangenen und künftigen braunen Großtaten.

Die Großmutter, diverse Tanten, Cousins und Nachbarinnen sind da mit ihrer bigotten Frömmlerei, ihrer Tratschsucht, Skandalgier und sittenstrengen Einmischungseifrigkeit weit nervtötender. Aber die Autorin Lilian Faschinger schafft in „Die Unzertrennlichen“ genug Anlässe und Notwendigkeiten für Sissi, trotzdem regelmäßig in die alte Heimat zurückzukehren. Für schlechte Stimmung ist also gesorgt.

Die Steiermark als Eiterbeule der Bosheit

Sissi, schon früher unbeliebt bei der Verwandtschaft, bringt aus der Stadt eine Lebensgefährtin mit und beginnt im Dorf ein Verhältnis mit dem netten Doktor Stefan, der von sämtlichen alten Tratschtanten umschwärmt wird. Faschinger malt die österreichische Wohlanständigkeit so, wie wir sie aus vielen anderen Büchern kennen, als Eiterbeule der Bosheit. Aber sie bietet auch eine nicht gleich durchschaubare Kriminalgeschichte.

Sissis beste Freundin Regina, Stefans Frau und ein künstlerisches Multitalent, ist seit zwei Jahren verschwunden. Im Urlaub beim Baden im Meer ertrunken, heißt es. Die Leiche wurde nie gefunden Aber als Sissi den Spuren dieses Italienurlaubs nachgeht, um Reginas Gespenst aus ihrer eigenen Beziehung zu Stefan zu verscheuchen, stößt sie auf Merkwürdigkeiten.

Postumes Ende einer Freundschaft

Faschinger schafft es, eine Geschichte spannend zu halten, bei der es zunächst gar nicht um eine äußere Gefahr für Sissi geht. Die Krise ist eine emotionale, denn mit der Recherche muss Sissi Abschied nehmen vom Bild der herzensguten Freundin, ja, vom Glauben an diese Freundschaft überhaupt. Dabei bekommt „Die Unzertrennlichen“ ­allerdings ein Glaubwürdigkeitsproblem.

Kern von Sissis Vergangenheitsaufarbeitung wird ein USB-Stick, auf dem Notizen von Regina liegen. Deren Ton ist weder der eines autobiografischen Romans noch der eines Tagebuchs. Vielmehr liefern die Texte in steter Selbsterklärung für Außenstehende genau jene Ich-Beschreibung von Regina als manipulatives Biest, die Faschinger zu Sissis Ernüchterung und unserer Erhellung braucht.

Hat man über diese nicht wirklich überzeugenden Passagen aber erst einmal hinweg gelesen, gibt es wieder ein paar fiese Attacken auf die Postkartenidylle Steiermark und einen trotz seiner Vorhersehbarkeit sehr geschickt gehandhabten Not- und Gefahren-Showdown für Sissi. Man fragt sich bei Filmen und Büchern ja manchmal, wie die Figuren so doof sein können, aus dem Regen grundsätzlich in die Traufe zu fliehen. Bei der verwirrten Sissi aber ist diese kopflose Selbstauslieferung endlich einmal nachvollziehbar.

Lilian Faschinger: Die Unzertrennlichen. Paul Zsolnay Verlag, Wien. 319 Seiten, 19,90 Euro.

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