Literatur Warum „Rain Man“ keine Hilfe ist

Von Wenke Böhm 

Marlies Hübner aus Stuttgart gibt in ihrem Erstlingswerk „Verstörungstheorien“ spannende Einblicke in ihr Leben mit Autismus. Ein geplanter Kinobesuch kann für die 31-Jährige schnell mal zu einem Debakel werden.

Marlies Hübner  bedient keine Klischees über Autisten. Sie hat ein erzählerisches Sachbuch geschrieben,  das Verständnis für die Behinderung wecken soll. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Marlies Hübner bedient keine Klischees über Autisten. Sie hat ein erzählerisches Sachbuch geschrieben, das Verständnis für die Behinderung wecken soll. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - "Ich werde nie der gesellschaftlichen Norm entsprechen.“ Marlies Hübner spricht das ganz nüchtern aus – gerade so, als würde sie sagen: „Der Toast ist fertig.“ Rund vier Jahre lang hatte sie Zeit, sich mit dem Gedanken abzufinden, dass sie Autistin ist. Dass sie eine seelische Behinderung hat, die nicht heilbar ist. Mit ihrem Buch „Verstörungstheorien“ macht sich die 31 Jahre alte Wahl-Stuttgarterin jetzt dafür stark, dass man Autisten so sein lässt, wie sie sind. Das Erstlingswerk ist am Montag im Berliner Verlag Schwarzkopf und Schwarzkopf erschienen.

„Ich weiß gar nicht, warum es so wichtig ist, über die Augen Kontakt zu halten“, sagt die zierliche Frau mit einem großem Muttermal auf der rechten Wange. Die Erwartung begegne ihr immer wieder, und genauso oft kann sie sie nicht erfüllen. Gesichter lesen könne sie einfach nicht, und damit erkenne sie auch keine Ironie oder Stimmung in der Mimik ihres Gegenübers. „Einige Menschen sind enttäuscht oder zutiefst beleidigt, wenn ich sie auf der Straße nicht wiederkenne.“ Dabei sei das kein böser Wille. Sie nehme ja nur Nebensächliches wie Frisur oder Brille wahr. „Mein Partner trägt eine markante Brille und einen Bart. Das ist besser. Ich gehe nicht gern mit anderen mit“, scherzt sie.

Ein Freund rät ihr zum Test

Die gebürtige Bautzenerin kam vor rund zehn Jahren nach Stuttgart – des Berufs wegen. Sie war Krankenschwester. Damals. Jetzt erfülle sie sich mit dem Schreiben einen Kindheitstraum. Länger schon betreibt sie den Internet-Blog robotinabox.de mit mehr als 200 Abonnenten. Über die Zeit vor der Diagnose redet sie nicht gern. „Zutiefst quälend“ sei sie gewesen. Sie habe früh gemerkt, dass sie anders ist, und jahrelang versucht, die gesellschaftlichen Erwartungen zu erfüllen. Bis ein Freund ihr sagte, sie „wirke unglaublich autistisch“ - und ihr mit 27 Jahren zu einem Test riet. Das Ergebnis hat sie völlig überrascht.

Die Experten diagnostizierten eine sogenannte Autismusspektrumsstörung. Die Spanne der Behinderung sei breit. Probleme und Begabungen würden sich ähnlich stark unterscheiden, wie bei anderen Menschen auch. Sie selbst habe soziale Probleme beim Aufbau und der Pflege von Beziehungen und brauche im Alltag eine ganz feste Tagesstruktur und Routine.

Beim Overload fehlen die Worte

Immer wieder mal erlebt sie einen Overload. „Mein Gehirn nimmt alles permanent wahr, ich kann nichts ausblenden. Kommt dann noch Stress dazu, ist es, als ob sich der PC aufhängt.“ Der Overload kündige sich zwar an, aber viel Zeit bleibe ihr dann nicht. Zuerst würden die Sinnesreize „schmerzhaft intensiv“. Es folge der „Meltdown“, oft mit Wut. Kommt sie jetzt nicht zur Ruhe, ist der „Shutdown“ unausweichlich. „Ich kann dann nicht sprechen. Das geht dann nicht mehr“, sagt Marlies Hübner.

Mit solchen Problemen sei man schnell isoliert. Viele Bekannte würden sie meiden, weil sie möglichen Schwierigkeiten lieber aus dem Weg gingen. Das sei traurig. Wütend machen sie dagegen die vielen Vorurteile. „Vergessen Sie Rain Man!“, sagt sie mit Nachdruck. Die meisten Autisten hätten keine Inselbegabung, wie die Figur in dem berühmten Oscar-Film mit Dustin Hoffman – eher mal Spezialinteressen, mit denen sie sich zu ihrer Entspannung intensiv auseinandersetzen. „Es gibt autistische Menschen mit Lernschwierigkeiten, autistische Menschen mit außergewöhnlich hoher Intelligenz und alles dazwischen“, stellt die 31-Jährige klar. Einige könnten Erstaunliches leisten, wenn die Arbeitsumgebung passe. Vor allem seien sie keine Menschen zweiter Klasse. „Man muss Autisten endlich mal richtig zuhören“, fordert Marlies Hübner.

Der Lieferservice ist für sie „ein Segen“

Den vielen Klischees möchte sie mit ihrem „erzählerischen Sachbuch“ entgegentreten, in das sie neben eigenen Erfahrungen auch Erlebnisse anderer Betroffener einfließen ließ. Elisabeth, ihre Protagonistin, mache eine positive Entwicklung durch, sagt Marlies Hübner, und fügt hinzu: „Sie ist konsequenter als ich, zumindest zum Ende hin.“

Marlies Hübner hofft auf eine Karriere als Schriftstellerin. Das sei ein Beruf, der sich gut in ihre Tagesstrukturen einpassen lasse. Im Alltag hält sie so gut es geht an ihren Routinen fest – und freut sich über den Lieferservice, der ihr die Einkäufe nach Hause bringt. „Ein Segen“ sei der. Jeder Ausflug ins Unbekannte birgt Unsicherheiten. Wie im Juli, als sie ausnahmsweise mal ins Kino gehen wollte und mitten in die schrille Parade zum Christopher-Street-Day geriet. Ein Debakel. „Alle meine Sinne sind ja vollkommen offen.“ Im Kino war sie an dem Tag nicht mehr. Marlies Hüber: Verstörungstheorien - Memoiren einer Autistin gefunden in der Badewanne. Schwarzkopf und Schwarzkopf, 14,99 Euro.