Ludwigsburg Doppelstunde mit dem Imam

Von Julian Illi 

Die Anschläge in Paris oder Pegida: Schüler haben viele Fragen zum Thema Islam, Islamismus und Zusammenleben der Religionen. Die Elly-Heuss-Knapp-Realschule hat daher einen Imam zum Gespräch eingeladen.

Pegida und die Gegendemonstrationen, wie hier in Suttgart, sind nur zwei der Themen, über  die Ludwigsburger Schüler mit einem Imam diskutierten. Foto: factum/Weise
Pegida und die Gegendemonstrationen, wie hier in Suttgart, sind nur zwei der Themen, über die Ludwigsburger Schüler mit einem Imam diskutierten.Foto: factum/Weise

Ludwigsburg - Schon der Beginn des Projektes kann als gelungenes Beispiel für ein Miteinander der Religionen gelten: Heidrun Gross, die Schulleiterin der Elly-Heuss-Knapp-Realschule in Ludwigsburg, wollte mit ihren Schülern über den Islam diskutieren. Auf der Suche nach einem geeigneten Gesprächspartner schrieb sie eine Mail an die katholische Diözese Rottenburg-Stuttgart. Und die konnte tatsächlich weiterhelfen: Der Leiter der Abteilung für interreligiösen Dialog, Wolfgang Rödl, empfahl Heidrun Gross, sich doch einmal bei Abdelmalek Hibaoui zu melden. Hibaoui sei nicht nur Imam in einer Reutlinger Moschee, sondern auch wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Islamische Theologie der Universität Tübingen. Gross folgte der Empfehlung. Gut drei Wochen später stand der Imam Hibaoui am Montag zum ersten Mal vor 60 Fünftklässlern im Musiksaal der Realschule.

Die Idee, einen Imam zum Gespräch an ihre Schule einzuladen, sei ihr in der Zeit nach den Anschlägen auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ in Paris Anfang Januar gekommen, erzählt Gross. Bei vielen Schülern, aber auch bei Lehrern und Eltern habe sie ein Bedürfnis nach Antworten festgestellt. Nach Antworten auf Fragen wie: Warum tötet die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) Menschen? Warum verüben Islamisten Anschläge? Aber auch: Warum dürfen Muslime kein Schweinefleisch essen? Oder: Warum nennt man Allah nicht Gott – oder Gott Allah? Für diese Fragen habe sie einen kompetenten Gesprächspartner gesucht, sagt Gross. In Abdelmalek Hibaoui habe sie ihn gefunden.

Hibaoui sagt, der Islam sei eine friedliche Religion

Manche der gut 50 Sechstklässler, mit denen sich Hibaoui bei seinem zweiten Besuch am Mittwochmorgen unterhält, haben ihre Fragen vorbereitet und aufgeschrieben, andere fragen spontan. Hibaoui nimmt sich viel Zeit, oft weist er in seinen Antworten auf eine Stelle im Koran hin. So erzählt der Imam davon, dass der Islam nicht nur eine friedliche Religion sei und Gewalttaten wie den Anschlag auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ verurteile, sondern er erklärt auch, dass laut Koran das Töten eines Menschen für einen gläubigen Muslim das schlimmste vorstellbare Verbrechen sei. „Im Koran steht: Wer einen Menschen tötet, der tötet die gesamte Menschheit“, sagt Hibaoui. Im Musiksaal ist es still.

Alle vermeintlichen Gotteskrieger, ob in Paris oder der IS in Syrien und im Irak, seien keine wahren Muslime. Sie würden stattdessen die Religion für ihre eigentlichen Ziele, nämlich Macht und Einfluss, missbrauchen, meint der Imam. „Das hat nichts mit dem Islam zu tun.“ Zwar sei auch er kein Freund von MohammedKarikaturen, wie sie das Satiremagazin abgedruckt habe, aber der Ärger über eine Beleidigung der Religion dürfe niemals zu Gewalt führen, betont Hibaoui. In seiner Moschee in Reutlingen empfehle er den Gläubigen daher, solche Zeichnungen einfach zu ignorieren. Oder, wenn sie ganz wütend seien, einen Leserbrief zu schreiben.

Das nächste Gespräch führt der Imam mit den Lehrern

Hibaoui glaubt, die Ängste vieler Menschen vor dem Islam entstünden vor allem durch Unwissenheit über die Religion. Als er selbst vor zwölf Jahren aus Marokko nach Deutschland gekommen sei, habe er seinerseits auch viele Vorurteile gehabt. Diese ließen sich aber nur durch Dialog abbauen, sagt Hibaoui. Auch die Pegida-Bewegung in Dresden sei weniger ein Protest gegen den Islam als gegen Fremdes.

Gemeinsam mit den Klassenlehrern haben die Schüler ihre Doppelstunde mit dem Islamexperten vorbereitet. Dafür und für die Nachbereitung der Diskussion sei extra Platz im Stundenplan freigeschaufelt worden, sagt die Schulleiterin. „Wir wollen unsere Schüler zu mündigen Bürgern erziehen. Wenn dafür zwei Stunden Mathe weichen müssen, ist das okay.“

Da vor allem Fünft- und Sechstklässler die meiste Orientierung in Sachen Religion bräuchten, habe man das Angebot zunächst auf diese Altersstufe beschränkt, erklärt Gross. Klar sei aber auch: es werde eine Fortsetzung geben, denn nicht nur die Schüler hätten Fragen. Die nächste Doppelstunde mit dem Imam werde es daher für das Lehrerkollegium geben.

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