Ludwigsburg Ehemalige Müllkippe ist giftiger als gedacht

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Auch wenn sich auf der Poppenweiler Deponie inzwischen ein Biotop gebildet hat: am Lemberg sickern noch immer enorm viele Schadstoffe ins Grundwasser. Um die Problemzone abdichten zu können, müssen zehn Hektar Wald gerodet werden.

An der Oberfläche hat sich die Natur erholt, aber der Untergrund  der ehemaligen Mülldeponie Poppenweiler ist auf 100 Jahre hinaus verseucht. Foto: factum/Granville
An der Oberfläche hat sich die Natur erholt, aber der Untergrund der ehemaligen Mülldeponie Poppenweiler ist auf 100 Jahre hinaus verseucht. Foto: factum/Granville

Ludwigsburg - Albrecht Tschackert blutet das Herz, wenn er an das denkt, was auf den Lemberg zukommt: Der schöne Jungwald, seltene Tierarten, lange Spazierwege und Trimm-dich-Parcours – alles muss weg, weil der Untergrund verseucht ist. Und das vermutlich auf 100 Jahre hinaus. Lange hätten die Abfallentsorger vergeblich gehofft, das entweichende Methan und die Giftmenge im Sickerwasser werde mit den Jahren weniger, sagt der Abteilungsleiter der Abfallverwertungsgesellschaft (AVL). Doch die einst in der Poppenweiler Müllkippe eingelagerten Abfälle seien toxischer als angenommen.

Abfälle aus einer Gießerei

„Wir haben keine Wahl, die ehemalige Deponie muss abgedichtet werden“, sagte Tschackert, als er auf Antrag der Ludwigsburger SPD-Fraktion dem Bauausschuss des Gemeinderats Rechenschaft ablegte. Das Erstaunliche an der alten Müllhalde: in den 25 Jahren seit ihrer Schließung hat sich die Natur dort nicht nur erholt, sie hat sich zu einem Biotop für seltene Arten entwickelt, und die Randbereiche sind zu einem beliebten Ziel für Sonntagsausflüge geworden. Auch darum hat die AVL lange gezögert und wieder und wieder gerechnet.

Nun aber steht fest: bleibt alles, wie es ist, muss die Abfallgesellschaft in den nächsten 25 Jahren etwa 17 Millionen Euro allein für die Beseitigung der Risiken aufbringen, die von den Gas- und Schmutzwasser-Emissionen ausgehen. An der grundsätzlich fatalen Situation änderte das jedoch nichts. „Es ist bekannt, dass zum Beispiel auch Abfälle aus einer Gießerei dort abgekippt worden sind“, sagt Tschackert. Man wisse aber nicht, was sonst noch in Poppenweiler verbuddelt worden sei. Daher müsse man mit allem rechnen, was das chemische Periodensystem hergebe.

Eine Sanierung des Areals sei also nicht nur wegen der Umweltgefahren angezeigt, sondern auch kostengünstiger. In ihren jüngsten Berechnungen ist die AVL auf einen Betrag von 13 Millionen Euro gekommen. Darin enthalten sind sowohl der Aufwand für eine Belüftung der Deponie und eine anschließende Abdichtung des Grundes in der problematischen Zone als auch die Abholzung und Wiederaufforstung.

„Dieses Ergebnis gefällt mir gar nicht“, sagte die SPD-Sprecherin Margit Liepins. „Ich finde das grausig, richtig schlimm“, meinte die Grünen-Stadträtin Elfriede Steinwand. Sie wollte wissen, ob man nicht wenigstens die einstigen Verschmutzer zur Kasse bitten könne und warum man hier 50 Jahre lang alles „versaubeutelt“ habe.

Die Umweltverschmutzer – falls diese Firmen überhaupt noch existierten – seien nicht regresspflichtig, weil mit der Annahme des Abfalls die Rechte auf den Deponiebetreiber übergegangen seien, sagte Tschackert. „Und die Gemeinde Poppenweiler hat damals nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt.“ Die Brisanz der Müllkippen sei erst später erkannt worden.

Modernste Technik hilft

Von Versaubeuteln könne auch in Bezug auf die letzten Jahrzehnte nicht geredet werden, meinte der Deponieexperte der AVL. „Wir haben einfach gehofft, dass dieser Kelch an uns vorüberginge.“ Immerhin aber bringe die Verzögerung ein positives Ergebnis mit sich: „Wir können die Deponie belüften, das ist eine moderne Technologie, die ein Ingenieur erst in den letzten fünf Jahren entwickelt hat.“ Dabei pumpen Techniker Sauerstoff in die Ablagerungen und provozieren so chemische Prozesse, die den Methanabbau beschleunigen. Ist das geschehen, hält die Abdichtung, die aus mineralischen Stoffen und Kunststofffolien besteht, deutlich länger.

Die Sanierung soll in Etappen erfolgen: bis 2021 werde die Müllhalde belüftet. Danach soll das Gelände in vier Zonen aufgeteilt und nach und nach saniert werden. „Wir hoffen, dass das auch den Tierarten hilft“, sagt Tschackert. Ihnen stehe damit immer ein Rückzugsgebiet offen.