Weitere Kreise
 
 

Ludwigsburg/Ingersheim Im Sog der Geschichten

Hilke Lorenz, 26.12.2012 16:34 Uhr

Ludwigsburg - Christa Lieb ist wie ein kleines Kraftwerk. Ihre Energie scheint schier unerschöpflich zu sein. Das sieht man der zierlichen Frau nicht unbedingt an. Und was sie tut, wirkt auf den ersten Blick auch wenig spektakulär. Die 72-Jährige sitzt an ihrem Computer und schreibt Dokumente ab, die – obwohl in schöner geschwungener Handschrift geschrieben – für viele Menschen heute nicht mehr lesbar sind. Was Christa Lieb tut, ist echte Kärrnerarbeit. Ohne sie täten sich viele nachgeborene Geschichtsforscher schwer. „Für uns ist das eine unendlich wertvolle Arbeit“, sagt Stefan Benning, der das Archiv der Stadt Bietigheim-Bissingen leitet.

Sie wollte schon immer den Dingen auf den Grund gehen

Christa Lieb, die Meisterin des Sütterlin und der altdeutschen Schreibschrift, ist Autodidaktin. Nach einem schweren Autounfall war ihr aus gesundheitlichen Gründen die Rückkehr an den Arbeitsplatz in einer Apotheke versperrt. Sie hätte ein Leben ausschließlich als Ehefrau und Mutter von drei Söhnen führen können. Aber es rumorte in ihr. Dennoch dauerte es bis 1999, bis die Kinder aus dem Haus und der Ehemann in Rente waren. Nun begann ihr neues Leben – mit dem Abschreiben der Kriegsbriefe ihres Schwiegervaters. Den Dingen auf den Grund gehen, das wollte sie schon immer. In der eigenen Familie und draußen. Vielleicht erklärt das Liebs Ausdauer und Geduld. Wer sich ganz nah ans Geschehen begibt, lernt dazu.

Wie etwa in Bietigheim-Bissingen. Seit 2005 arbeiten Benning und Lieb nun schon zusammen. Es fing mit einer Ausstellung zur Geschichte der Stadt im Jahr 1945 an. Ehrenamtlich führte Christa Lieb Interviews mit Zeitzeugen und bekam obendrein auch noch viele Dokumente zur Verfügung gestellt. Die Sache wurde zum Selbstläufer. Unter den Schriftstücken waren auch jede Menge Feldpostbriefe. Christa Lieb schrieb auch sie ab. Mittlerweile gibt es im Stadtarchiv Bietigheim Bissingen fast so etwas wie eine Lieb-Edition. Das Archiv hat einen dicken Band mit Feldpostbriefen aus den Jahren 1939 bis 1945 sowie einen aus der Zeit des Ersten Weltkriegs herausgegeben. Eine Textsammlung über die Auswanderungsgeschichte des Orts vom 18. bis zum 21. Jahrhundert wartet nur noch auf das Vorwort des Archivleiters.