Ludwigsburger Schlossfestspiele „Ein Leben auf der Anklagebank ist nicht meins“

Tim Höhn, 02.05.2013 11:06 Uhr

Ludwigsburg - Die Frage ist, wer sich nun auf wen zubewegen muss, und vor allem: wer in der besseren Position ist. Thomas Wördehoff? Der Noch-Intendant der Ludwigsburger Schlossfestspiele sagt, dass er sich nach Alternativen umschaue, also nach potenziellen neuen Arbeitgebern: „Das muss ich tun, ich will ja weiterleben.“ Der Aufsichtsrat des Festivals sucht ebenfalls nach Alternativen, also nach Nachfolgern für Wördehoff. „Natürlich beschäftigen wir uns mit Namen“, sagt der Vorsitzende des Gremiums, der Oberbürgermeister Werner Spec, ohne Namen zu nennen. Insider gehen längst davon aus, dass keine Alternativen nötig sein werden, weil alles bleibt, wie es ist. Das wiederum wäre die eigentliche Sensation. „Ich vermute, dass bald verkündet wird, dass wir mit Herrn Wördehoff weitermachen, anders kann ich mir das gar nicht vorstellen“, meint ein Mitglied des Aufsichtsrats.

Dabei hatte das Gremium im November angekündigt, dass der Vertrag des Intendanten nicht über das Jahr 2014 hinaus verlängert wird. Wördehoff habe seit seinem Antritt 2010 wertvolle Arbeit geleistet, aber mit seinem modernen Programm und dem Verzicht auf Klassiker das Stammpublikum vergrault. Überdies fehle ihm das Gespür für Marketing.

Aus Wördehoffs Sicht ist die Kritik kurzsichtig. Der ehemalige Chefdramaturg der Ruhrtriennale sagt, er habe ein klares Ziel, wolle mit dem Festival „die Tiefe der europäischen Kultur beleuchten“, mit „spannenden Stars von morgen“, er wolle das Publikum überraschen. „Wir brauchen mehr Zeit“, sagt Wördehoff. 31 000 Besucher kamen im vergangenen Jahr. „Dauerhaft ist das zu wenig“, sagt Spec, dessen Stadt jährlich 800 000  Euro zuschießt. Der OB will wie Wördehoff große Kunst, vor allem aber mehr Zuschauer.

Vor der Sommerpause muss eine Entscheidung fallen

Dennoch verdichten sich die Hinweise, dass Wördehoff seine Zeit bekommen wird. Für sein neues Programm erhielt er Lob von allen Seiten, auch vom Gemeinderat. Der Vorverkauf läuft gut. Mit der Opernsängerin Cecilia Bartoli taucht diesmal ein bekannter Name auf, der die Fans des Bewährten milde stimmt. Zudem stellte Wördehoff kürzlich die Ergebnisse einer Studie vor: die Zahl der Erstbesucher steigt, das Publikum wird jünger. Das alles gefällt dem Aufsichtsrat. Auch Jürgen Walter, als Staatssekretär im Landesministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst ein einflussreiches Mitglied in dem Gremium, kann sich plötzlich wieder eine längere Zusammenarbeit vorstellen. „In diesem Jahr gibt es nichts zu kritisieren“, sagt Walter. „Ich wäre auch in Zukunft mit Wördehoff zufrieden.“ Was die Vorgeschichte angeht, habe man sich nicht mit Ruhm bekleckert, gibt er zu.

Tatsächlich wurde in der Vergangenheit reichlich Porzellan zerschlagen. Ludwigsburg hatte bereits Wunschnachfolger gefunden, und die Namen sickerten durch. Der Dirigent Thomas Hengelbrock und der Geiger Daniel Hope sollten mehr Glamour in die Stadt bringen, machten aber einen Rückzieher. Erst danach kam Wördehoff wieder ins Spiel, der also allen Grund hätte, sich als Notnagel zu fühlen. „Ein Leben auf der Anklagebank ist nicht meins“, sagt er, und spielt damit auf die Vorwürfe an, die ihn und sein Team in den vergangenen Jahren getroffen haben. Aber er registriert auch den Zuspruch, den er jetzt bekommt, und zeigt sich gesprächsbereit – unter der Voraussetzung, dass „man mit uns wirklich weitermachen will“.

Als Bittsteller muss er nicht auftreten, Wördehoff genießt einen guten Ruf in der Szene. Es wäre denkbar, dass er leichter einen neuen Job findet als die Stadt einen brauchbaren Nachfolger. Aber Wördehoff sagt: „Ich würde gern in Ludwigsburg weitermachen. Das ist nicht das einzige Festival, das ich mir vorstellen kann, aber ein besonders schönes.“

Der Aufsichtsrat will die Personalie bis zur Sommerpause gelöst haben. Spec deutet, noch zaghaft, die Gesprächsbereitschaft der Stadt gegenüber dem amtierenden Intendanten an: „Die Tür ist nicht zu.“ Dass Wördehoff sich tatsächlich noch einmal darauf einlassen will, findet wohl sogar Jürgen Walter erstaunlich: „Ich bin angenehm überrascht.“