Männlichkeitssymbol Bart Rebellion gegen die Metrosexualität

Von Rolf Spinnler 

George Clooney, der „Bild“-Chef Kai Diekmann, der ARD-Nachrichtenmann Ingo Zamperoni – alle haben jetzt Haare im Gesicht. Das klassische Männlichkeitssymbol Bart erlebt eine Renaissance. Der StZ-Autor Rolf Spinnler ist den Gründen nachgegangen.

George Clooney trägt einen, Kai Diekmann, sogar Ingo Zamperoni: Vollbart. Foto: dpa
George Clooney trägt einen, Kai Diekmann, sogar Ingo Zamperoni: Vollbart. Foto: dpa

Stuttgart - „Wann ist ein Mann ein Mann?“, fragte Herbert Grönemeyer in einem Song vor dreißig Jahren. Auf diese Frage gibt es neuerdings wieder eine naheliegende Antwort: wenn er einen Bart trägt. Schließlich ist die Gesichtsbehaarung das sichtbarste sekundäre Geschlechtsmerkmal des Mannes, hervorgerufen durch das Sexualhormon Testosteron, das mit dem Beginn der Pubertät den Haarwuchs auf der Oberlippe, am Kinn und an den Wangen bewirkt. In vielen traditionellen Kulturen verkörperte dieses Sprießen des Barts den lebensgeschichtlichen Einschnitt, der die Kindheit beendete und den definitiven Eintritt ins Erwachsenenalter markierte: aus einem Jüngling wurde ein Mann.

Warum fingen dann aber die Männer bereits in der Steinzeit damit an, sich den Bart zu entfernen und das Gesicht glatt zu rasieren? Darüber gibt es viele höchst spekulative Theorien. Die plausibelste von ihnen besagt: schuld waren die Frauen, die Männer ohne Gesichtsbehaarung als Sexualpartner bevorzugten. Bereits in der Frühgeschichte der Menschheit betrieben Urfeministinnen das, was man heute Gender-Mainstreaming nennt: eine Einebnung der Unterschiede zwischen den Geschlechtern.

Grenzen des Gender-Mainstreaming

Doch die Möglichkeit der Gesichtsrasur, die sich im Verlauf der Jahrtausende dank technischer Innovationen vom Kieselstein bis zur Edelstahlklinge und zum Elektrorasierer immer bequemer und verletzungsfreier durchführen ließ, öffnete auch jene Kluft zwischen naturwüchsigem biologischem Geschlecht und kulturell variabler Geschlechterrolle, die heute von den Genderstudies zum Thema gemacht wird. Man(n) kann sich rasieren – oder auch nicht. Bärte und Bartmoden können soziale, religiöse und ethnische Unterschiede markieren, vor allem aber anzeigen, was der jeweils aktuelle Stand im Verhältnis der Geschlechter ist. Und es ist schon bemerkenswert, dass heute, wo Gender-Mainstreaming offizielles Regierungsprogramm ist und Frauen traditionelle Männerbastionen einnehmen, die Kerle ein klassisches Unterscheidungsmerkmal von Männlichkeit wiederentdecken.

Man(n) trägt also wieder Bart. Das Buch zum neuen „Bart-Hype“ gibt es jetzt auch. Der deutsch-irische Publizist Kevin Clarke hat im Berliner Verlag Bruno Gmünder einen opulenten Bildband herausgebracht, der ein paar Tausend Jahre Bartgeschichte Revue passieren lässt, vor allem aber heu­tige Männer mit ihren Bärten ins rechte Licht rückt: Sportler, Schauspieler, Popstars, Models, Hipster. Obwohl das Buch in einem schwulen Verlag erschienen ist, von einem homosexuellen Autor verfasst wurde und der Rolle des Barts in der Gay Community viel Platz einräumt, können auch Heteros und Frauen mit Gewinn darin blättern – schließlich waren schwule Männer in Modefragen häufig Trendsetter.