Mangel an Pflegekräften Pflegekräfte im Ausland angeworben

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Aus Personalnot gehen die Träger von Heimen neue Wege. Der ASB setzt auf ungarisches, die evangelische Heimstiftung auf portugiesisches Personal.

  Foto: Horst Rudel
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Stuttgart - D

ie portugiesischen Pflegefachkräfte können sich über mangelnde Aufmerksamkeit nicht beklagen: Zur Begrüßung in der vergangenen Woche waren sie zum Weißwurstessen mit dem Geschäftsführer eingeladen, diese Woche wartete vor der Deutschstunde erst einmal eine Führung zu Stuttgarts Sehenswürdigkeiten. Die evangelische Heimstiftung hat die acht Portugiesen angeworben und finanziert ihnen zunächst einen vier- bis fünfmonatigen Sprachkurs. „Wenn wir in Deutschland eine Stellenanzeige schalten, meldet sich niemand, in Portugal ist das Interesse riesig“, sagt Tabea Buck von der Personalabteilung der Heimstiftung.

Bei der Vermittlung geholfen hat die Zentrale Auslandsvermittlung der deutschen Arbeitsagentur (ZAV), die auch die Bewerbungsgespräche in Porto mitorganisiert hat. 70 Bewerbungen sind bei der Heimstiftung eingegangen, in Porto kamen Ende März noch einige Interessenten spontan hinzu. „Wir haben 30 Gespräche geführt“, sagt Tabea Buck. Das Sozialunternehmen mit Hauptsitz in Stuttgart warb freilich nicht allein um die Gunst der jungen Arbeitskräfte: drei weitere deutsche Unternehmen aus dem Gesundheitsbereich schauten sich in Porto Bewerber an.

Fünf Frauen und drei Männer haben sich schließlich für die Heimstiftung mit ihren 75 Einrichtungen in Baden-Württemberg entschieden. Diese finanziert ihnen den Sprachkurs, übernimmt Kost und Logis während der ersten Monate und zahlt monatlich 400 Euro Taschengeld. Wenn die Zuwanderer den Sprachkurs erfolgreich abschließen, sichert ihnen die Heimstiftung einen unbefristeten Arbeitsvertrag mit einem tariflichen Einstiegsgehalt von rund 2450 Euro zu, plus Zulagen.

Mindestens 30 Monate Treue halten ist ein Muss

Dafür freilich erwartet die Heimstiftung, dass die neuen Mitarbeiter ihr mindestens 30 Monate die Treue halten, sonst sind sie dazu verpflichtet, einen Teil der Ausgaben zurückzuzahlen. „Wir hoffen aber natürlich, dass die Mitarbeiter auf Dauer bei uns bleiben“, sagt Tabea Buck, die deshalb nicht nur Weißwurstessen und Stadtrundfahrten für die Fachkräfte organisiert hat, sondern ihnen auch sonst mit Rat und Tat auf Portugiesisch zur Seite steht. An der fachlichen Qualifikation besteht aus Sicht der Personalerin kein Zweifel: In Portugal absolvieren Pflegefachkräfte ein mehrjähriges Studium und nicht wie in Deutschland eine duale Ausbildung.

Bei Tabea Buck sind inzwischen auch die moralischen Zweifel ausgeräumt. „Wir hatten natürlich Bedenken, junge Kräfte aus einem Krisenland abzuwerben, aber man muss nur die Geschichten der Betroffenen hören.“ Buck erzählt von einer allein erziehenden Mutter, die in Portugal in der Augenheilkunde tätig war und dort 300 Euro verdiente. „Die Frau wollte unbedingt in Deutschland in der Pflege arbeiten, um ihre Tochter sicher versorgen zu können.“

Während die evangelische Heimstiftung mit den Zuwanderern noch beim Besuchsprogramm ist, arbeiten beim Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) landesweit seit einigen Monaten 60 Ungarn in den Pflegeheimen – und bei den Verantwortlichen ist auch bereits eine gewisse Ernüchterung herauszuhören: „Wir haben gesehen, wie wichtig die Sprache im Umgang mit den Pflegebedürftigen ist“, sagt der Personalchef des Landesverbandes, Marcus Mehlhose. Die aber sei vor allem anfangs nicht bei allen Angeworbenen in ausreichendem Maße vorhanden gewesen. „Das war im Heimalltag schwierig, deswegen haben wir geschaut, dass die Mitarbeiter Sprachkurse besuchen“, räumt Mehlhose ein. Anders als die Heimstiftung war der ASB nicht mit einem mehrmonatigen Vollzeitsprachkurs gestartet, sondern bot den Eingewanderten lediglich einen 21-tägigen Einführungskurs in die deutsche Sprache und das deutsche Pflegesystem.

Auch in Stuttgart fehlt Fachpersonal

Die Verantwortlichen des ASB hatten anderes erwartet: „Da in Ungarn in der Schule Deutsch Pflichtfach ist, gingen wir davon aus, dass bei allen Grundkenntnisse vorhanden sind“, erklärt der stellvertretende Landesvorsitzende Daniel Groß. Trotzdem sind die Verantwortlichen des ASB von der Anwerbeaktion überzeugt. „Inzwischen sprechen die meisten passabel Deutsch, und wir sehen, dass die fachliche Qualifikation stimmt“, sagt Mehlhose. Eine Alternative sieht der Personalchef ohnehin nicht: der deutsche Arbeitsmarkt sei leer, und Jugendliche seien nur schwer für den Pflegeberuf zu begeistern. „Das ist eine physisch und psychisch schwere Arbeit, auf die sich nur wenige einlassen wollen.“ Wie schwierig die personelle Situation vor allem in ländlichen Gebieten ist, macht er an einem Beispiel deutlich: In Mittelbaden konnte der ASB ein neues Heim nur zur Hälfte belegen, weil Fachkräfte fehlten.

In Stuttgart ist die Situation zwar nicht so dramatisch, aber auch hier fehlt es an qualifiziertem Personal, wie der Stuttgarter ASB-Chef Kersten Stier erläutert: „Ich könnte aus dem Stand sechs Pflegefachkräfte einstellen.“ In den fünf Pflegeheimen, die der ASB in Stuttgart betreibt, arbeiten 15 Ungarn, drei weitere sind wieder in ihre Heimat zurückgekehrt. Der Ortsverband hat seine Fühler inzwischen auch in andere EU-Länder ausgestreckt. In Madrid und Sevilla haben Stier und seine Leute am Flughafen Bewerbungsgespräche geführt und zehn Pflegekräfte mit Studium angeworben, die nun im Sommer ihre Arbeit in Stuttgart aufnehmen werden. „Wir finanzieren ihnen derzeit in Spanien einen Sprachkurs am Goethe-Institut“, sagt Stier. Ebenfalls angelaufen ist eine Kooperation mit einer polnischen Hochschule bei Krakau, die Pflegekräfte ausbildet und den Stuttgartern Praktikanten vermittelt. Die ersten werden im Herbst erwartet. „Wenn die jungen Menschen ihr Examen haben und hier gut zurechtgekommen sind, bieten wir ihnen einen Vertrag“, so Stier.

Im Stuttgarter Sozialamt sieht der Amtsleiter Walter Tattermusch die Entwicklung mit Interesse, aber auch mit einem Schuss Skepsis: „Es muss sichergestellt sein, dass die Fachkräfte sprachlich und soziokulturell geschult sind, bevor sie die Pflegebedürftigen betreuen.“ Er fordert deshalb eine gute Vorbereitung und eine langfristige Begleitung der Migranten.