Marathon Das Glück liegt auf der Straße

Von  

Arne Gabius ist Deutschlands bester Langstreckenläufer. Hinter dem 34-Jährigen liegt das erfolgreichste Jahr seiner Karriere. 2016 soll noch besser werden. Marko Schumacher hat Gabius besucht.

StZ-Reporter Marko Schumacher (links) begleitet Arne Gabius beim Laufen. Foto: Baumann
StZ-Reporter Marko Schumacher (links) begleitet Arne Gabius beim Laufen.Foto: Baumann

Stuttgart - Die große Freiheit eröffnet sich direkt neben dem Gefängnis. Nur ein paar Schritte sind es von seiner Wohnung in Stammheim, dann beginnen am Rande der Justizvollzugsanstalt die kilometerweiten Felder bis nach Ludwigsburg. Und genau dort beginnt Arne Gabius zu laufen. Es ist sein Revier, die Landwirte grüßen ihn von ihren Traktoren, manchmal ist er mehrmals täglich unterwegs. „Ich muss mich häufig quälen, nicht zu laufen“, sagt Gabius: „Das Laufen ist meine große Leidenschaft und eröffnet eine Freiheit, die man sonst im Leben nicht hat.“

Arne Gabius, 34 Jahre alt, in Hamburg geboren und aufgewachsen, in Tübingen zum Mediziner ausgebildet, in Stuttgart sesshaft geworden, ist Deutschlands bester Langestreckenläufer. Als Stargast des Silvesterlaufs in Backnang beendet er an diesem Donnerstag das alte Jahr, das das erfolgreichste seiner Karriere war. Und startet am nächsten Morgen ins neue, das mit den Olympischen Spielen in Rio noch aufregender werden könnte. Es ist turbulent geworden im Leben des Arne Gabius, seit er auf den Marathon umgestiegen ist.

20 Jahre lang hat Gabius auf Tartanbahnen seine Runden gedreht. Mit 15 wird er Hamburger Schulkreismeister über 1000 Meter, zwei Jahre später deutscher Jugendmeister über 3000 Meter. 17 nationale Titel sammelt er anschließend bei den Aktiven, die 5000-Meter-Distanz sind seine Paradestrecke. Hier wird er 2012 in Helsinki Vizeeuropameister hinter Mo Farrah, dem Olympiasieger aus Großbritannien. Es ist sein größter Erfolg als Bahnläufer, seine einzige Medaille bei internationalen Großveranstaltungen, bei denen er ansonsten nicht selten schon im Vorlauf scheitert. „Niederlagen“, sagt Gabius, „erlebt man intensiver als Siege.“

Der erste Halbmarathon in New York

Ein letztes Mal geht er im vergangenen Sommer bei der Leichtathletik-WM in Peking an den Start, landet über 10 000 Meter auf Platz 17 – und verabschiedet sich danach „mit etwas Wehmut“ von der Bahn. Noch größer aber ist die Vorfreude auf sein neues Leben als Straßenläufer, gegen das sich Arne Gabius lange gesträubt hat und in das er sich nun endgültig stürzt.

Aus einer Laune heraus und ohne spezifisches Training läuft er im Frühjahr 2014 in New York seinen ersten Halbmarathon, kommt nach 62:09 Minuten ins Ziel – und stellt erstaunt fest: „Hey, das macht mir ja Spaß, das kann ich.“ Und als im Herbst 2014 in Frankfurt sein Marathondebüt in 2:09:32 Stunden folgt, ist er sich sicher: „Das ist genau mein Ding.“ Nach dem Rennen kündigt er an, im Jahr darauf noch eine Minute schneller zu laufen und den deutsche Uraltrekord des DDR-Läufers Jörg Peter aus dem Jahr 1988 zu brechen. Es ist ein kühnes Versprechen – doch Gabius hält Wort, als er am 25. Oktober dieses Jahres zum zweiten Mal beim Frankfurt-Marathon an den Start geht.

Mit verhärteten Oberschenkeln macht er sich auf die letzten zwölf Kilometer, er schreit vor Schmerzen. Es ist am Ende ein einziger Kampf, Gabius gewinnt ihn. In 2:08:33 Stunden kommt er hinter drei Afrikanern ins Ziel und ist schnellster Deutscher aller Zeiten, 14 Sekunden schneller als Jörg Peter damals in Tokio. Mit letzter Kraft hält Gabius eine Deutschland-Fahne in die Kameras und ist so glücklich, wie er es nie zuvor auf der Bahn war. Es ist „der schönste Moment“ seiner Karriere, dem ein paar Tage später mit seiner Hochzeit auf Hawaii der private Höhepunkt folgt.

Die unvergesslichen Momente in Frankfurt

Die Schuhe seines Rekordlaufs stehen zwischen unzähligen anderen im Flur seiner Dachgeschosswohnung in Stammheim, an der Wand hängen die handgeschriebenen Plakate, mit denen seine Freunde an der Strecke standen. Er wird ihn nicht vergessen, diesen Moment, mit dem seine Karriere erst so richtig Fahrt aufgenommen hat. Jetzt endlich bekommt er die öffentliche Anerkennung, die er früher immer vermisst hat: „Von dieser Popularität träumt jeder Leichtathlet“, sagt Gabius, als er zwischen zwei Trainingseinheiten von seinem neuen Leben als Marathonläufer erzählt.

Als er früher auf großen Leichtathletikmeetings an den Start ging, musste er froh sein, wenn ihm das Hotelzimmer bezahlt wurde; für einen zwölften Platz bekam er 300 Euro Preisgeld. Jetzt rollen ihm die Marathonveranstalter auf der ganzen Welt den roten Teppich aus. Bei den großen Läufen in New York, Boston oder London winken Antrittsgelder in fünfstelliger Höhe, weil es nicht viele Weiße gibt, die mit den Afrikanern einigermaßen Schritt halten können. Endgültig vorbei sind die Zeiten, in denen er seine Eltern um finanzielle Unterstützung bitten musste.

„Die Wertschätzung auf der Straße ist eine ganz andere“, sagt Gabius: „Dort sind die Leistungen für die Zuschauer viel greifbarer als im Stadion.“ Der Marathon ist eine Massenbewegung, die Leichtathletik dagegen für viele inzwischen eine Randsportart. Und so können die meisten Leute mit den 13:12,50 Minuten, seiner Bestzeit über 5000 Meter, weitaus weniger anfangen als mit den gut zwei Stunden über 42,195 Kilometer. Denn sie wissen: Hobbyläufer brauchen doppelt so lange.

Ein gläserner Athlet in Zeiten von Doping

Arne Gabius tut viel dafür, die Leute auf seinem Weg mitzunehmen. Auf seiner Internetseite veröffentlicht er nicht nur sämtliche Trainingspläne, sondern auch alle relevanten Werte zum Thema Doping. Es ist sein Beitrag zum Kampf gegen den Generalverdacht, unter dem Marathonläufer stehen. „Mehr kann ein Athlet nicht tun, als alles offen zu legen und nichts zu nehmen“, sagt Gabius und nennt einen einfachen Grund für seinen rasanten Aufstieg in die Marathon-Weltspitze: knüppelhartes Training.

In der Vorbereitung auf seinen Rekord in Frankfurt ist er bis zu 260 Kilometer in der Woche gelaufen; einmal hat er drei Zehn-Kilometer-Tempoläufe an einem Tag gemacht, alle unter 30 Minuten. Das hat Gabius, 1,87 Meter groß und 65 Kilo leicht, von den Läufern aus Kenia gelernt. Ein Dutzend Mal war er dort schon im Trainingslager und wird im Januar wieder hinfliegen. „Die Kenianer treten richtig hart“, sagt Gabius – ganz anders als die Deutschen, die die Entwicklung „einfach komplett verpennt haben“ und „noch immer gern die Trainingspläne von vor 30 Jahren rausholen“. Auch deshalb hat Gabius keinen eigenen Trainer engagiert, seit vor vier Jahren die Zusammenarbeit mit Dieter Baumann zu Ende ging: „Es gibt in Deutschland keinen Coach, der mich weiterbringen könnte.“ Er ist ein Einzelgänger, fast der einzige in der Szene.

Rio sollen nicht seine letzten Spiele sein

Die Bestzeiten der Afrikaner – den Weltrekord hält Dennis Kimetto aus Kenia mit 2:02:57 Stunden – wird Gabius nie erreichen. Das heißt jedoch nicht, dass er sich im Sommer in Rio als chancenloser Außenseiter betrachtet. Ein olympischer Marathon ist ganz anders als ein Stadtmarathon. Es gehen nicht zehn Kenianer an den Start, sondern nur drei, es gibt auch keine Tempomacher, die aussteigen. „Die Kenianer müssen auf einmal taktieren. Da rücken wir plötzlich alle zusammen – und dann kann alles passieren.“ Eine Medaille sei nicht planbar, sagt Gabius, fest steht dagegen schon jetzt: „Es gibt nichts Größeres als einen olympischen Marathon.“

Das Gute ist: Rio soll nicht seine einzige Chance bleiben. Auch in Tokio will er 2020 an den Start gehen, womöglich auch noch vier Jahre später, mit 43. „Ich kann noch lange laufen.“ Deshalb sieht Gabius auch keinen Grund zu hadern, dass er nicht früher auf den Marathon umgestiegen ist. Die Jahre auf der Bahn seien nötig gewesen, um auf der Straße so schnell zu sein. „Im Marathon dauern die Schmerzen länger – sie sind aber nicht so groß wie auf der Bahn.“

Irgendwann werden sich aber auch seine Prioritäten verschieben. Eine Familie will er eines Tages gründen und als Arzt arbeiten. Auf den Feldern neben dem Stammheimer Gefängnis dürfte man ihm aber auch dann noch begegnen. „Ich werde mein ganzes Leben lang laufen“, sagt Arne Gabius. So viel Freiheit muss sein.