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Marienhospital Trost spenden in dunklen Stunden
Heike Armbruster, 16.02.2012 16:00 Uhr
Manchmal reicht ein Händedruck aus, um einen Patienten Foto: Marienhospital
Manchmal reicht ein Händedruck aus, um einen Patienten Foto: Marienhospital

S-Süd - Durch das Fenster scheinen die Lichter der Halbhöhe. Vom Flur aus dringt das Geräusch von Schritten in das Krankenzimmer im siebten Stock. Die Nachtschwester dreht ihre Runde und schaut bei 38 Patienten nach dem Rechten. Wie viele von diesen Eindrücken der ausgemergelte Mann im Krankenbett mitbekommt, kann die Frau im Stuhl daneben nur erahnen. Sie hält Wache. Sitzwache.

Viel weiß Rosmarie Wölfle nicht von der Krankengeschichte des älteren Mannes, an dessen Bett sie sitzt. Der Patient hat einen Luftröhrenschnitt hinter sich, die Kanüle zeugt noch davon. Weil diese ihn beim Atmen stört, hat er jedoch schon häufiger versucht, sich die Kanüle herauszunehmen. Aufgrund seiner Demenz vergisst der Mann den Sinn des Plastikröhrchens in seinem Hals immer wieder. Auch um ihn daran zu hindern, harrt Rosmarie Wölfle am Bett des Patienten aus. In erster Linie aber will sie ihm Trost spenden. Unabhängig davon, ob er sich am Morgen noch an die Hand erinnert, die seine in der Nacht wiederholt ergreift.

Seit 20 Jahren gibt es Sitzwachen am Marienhospital. Derzeit engagieren sich 30 Frauen und Männer auf diese Weise ehrenamtlich, fast ausschließlich in den Nachtstunden. Die meisten Sitzwachen werden zwischen 21 und 1 Uhr oder zwischen 1 und 5 Uhr auf der Palliativstation eingesetzt, wo die schwer kranken und sterbenden Patienten liegen. „Für jede Nachtschwester ist es ein Schock, wenn sie beim Kontrollgang entdeckt, dass ein Patient gestorben ist. Wenn eine Sitzwache da ist, nimmt das den psychologischen Druck, weil der Patient nicht allein war“, sagt Schwester Hildegard Spieß, die die Einsätze der Sitzwachen am Marienhospital koordiniert.

Niemand übernimmt den Dienst unvorbereitet

Vor der Auseinandersetzung mit dem Tod darf sich keine der Sitzwachen scheuen. „Für uns ist es deshalb wichtig, dass wir niemanden unvorbereitet in diese Arbeit schicken“, sagt die Pflegewirtin Susanne Lutz, die am Marienhospital für die Fort- und Weiterbildung verantwortlich ist. Etwa alle zwei Jahre gibt es deshalb einen Kurs für neue Sitzwachen, der über acht Abende und zwei Wochenenden in den ehrenamtlichen Dienst einführt.

Eines ist Lutz besonders wichtig, hervorzuheben: „Sitzwachen sind nicht da, um Personalengpässe zu kompensieren.“ Pflegerisch seien die Krankenschwestern weiter verantwortlich für alle Patienten auf ihrer Station, auch wenn eine Sitzwache wie Rosmarie Wölfle im Krankenzimmer ist. Bei dem Mann mit dem Luftröhrenschnitt kommt die Nachtschwester kurz nach Beginn ihrer Schicht ins Zimmer und reinigt seine Wunde sowie die Kanüle von Schleim und Speichel, die dem älteren Herrn das Atmen erschweren. Allerdings kann sie danach sofort ruhigen Gewissens zu den übrigen Patienten gehen. In dem Wissen, dass Rosmarie Wölfle sie ruft, falls es dem Mann wieder schlechter geht.

Einmal hat Wölfle erlebt, dass ein Patient während ihrer Schicht gestorben ist. „Das war ein sehr, sehr ruhiger Tod“, erzählt sie. So friedvoll sei die Arbeit aber nicht immer. „Die anstrengendsten Wachen sind diejenigen, bei denen die Patienten dement sind. Da kann sich die Situation alle fünf Minuten ändern“, schildert Wölfle. Sie hat sich entschieden, Sitzwache zu werden, weil sie nach dem Berufsleben den Menschen etwas zurückgeben wollte – auch aber dem Marienhospital, in dem ihr Mann arbeitete, bevor er starb.

Nicht zur eigenen Trauerverarbeitung

Allerdings hat Wölfle nicht gleich nach dem Tod ihres Mannes mit der Sitzwache begonnen. „Jemand, der erst vor Kurzem einen ihm nahestehenden Menschen verloren hat, raten wir noch zu warten, denn der Sitzwachendienst kann nicht zur Trauerverarbeitung dienen“, sagen Susanne Lutz und Schwester Hildegard Spieß. Dennoch – und trotz der nächtlichen Stunden – entscheiden sich gerade ältere Menschen für diese Form des Ehrenamts. „Einige unserer Sitzwachen sind über 80 Jahre alt“, so Schwester Hildegard Spieß. Vielleicht ist es die Lebenserfahrung, die auf die Patienten beruhigend wirkt. Rosmarie Wölfle etwa schafft es, dem Mann mit dem Luftröhrenschnitt hin und wieder ein Lächeln zu entlocken, als sie ihm das Kissen aufschüttelt.

Auch wenn die Sitzwachen meist nur einmal in der Woche einen halben Nachtdienst übernehmen, bemühen sie sich, den Patienten bestmöglich zur Seite zu stehen. Selbst wenn der Patient keine Betreuung will. „Dann lese ich eben vor der Tür ein Buch“, sagt Wölfle. Doch zumeist werde ihr Einsatz von Angehörigen und Nachtschwestern sehr geschätzt und so erinnert sich Rosmarie Wölfle besonders gerne an einen Moment: „Die Frau eines Patienten hat mir die Hände ihres Mannes in meine gelegt, als sie nach Hause ging, um sich auszuruhen. Sie hat mir vertraut, auf ihn aufzupassen.“

Informationsabend Der nächste Kurs, der Ehrenamtliche auf den Sitzwachendienst vorbereitet, beginnt am 6. März. Bei einem Informationsabend am Donnerstag, 23. Februar, können sich Interessierte von 18 Uhr an im Konferenzraum St. Maria im Klinikgebäude, Ebene M0, informieren.
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