Markgröningen Mehr Standfestigkeit im Leben

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Ralph Demaisons ist Orthopädieschuhmachermeister. Die Schuhe, die er gemeinsam mit Lothar Nickels entwickelt hat, sind Unikate. Fünf Jahre haben sie getüftelt. Das hat sich gelohnt, denn sie eröffnen ihrem Träger neue Welten.

Kicken als Schuhcheck: Ralph Demaisons und Lothar Nickels testen, wie sicher  Nickels Stand im neuen Schuhwerk ist, Foto: factum/Granville
Kicken als Schuhcheck: Ralph Demaisons und Lothar Nickels testen, wie sicher Nickels Stand im neuen Schuhwerk ist, Foto: factum/Granville

Markgröningen - Lothar Nickels steht auf dem linken Bein und sieht sehr zufrieden aus. „Das konnte ich früher nicht“, sagt er. Er steht wie eine Eins, kippelt kein bisschen. Und das will etwas heißen. Denn die linke ist Lothar Nickels Problemseite. Sein linker Fuß ist deformiert, zudem ist das Sprunggelenk versteift. Damit sicher auf einem Bein zu stehen, wie es der 43-Jährige gerade tut, hat viel mit dem richtigen Schuhwerk zu tun. Denn Arme, um das Gleichgewicht zu halten, hat Nickels nicht. Er kam schon so zu Welt. „Eine Laune der Natur“, sagt er. Damit ist das Thema für ihn erledigt. Dysmelie nennt es die Fachliteratur. Nickels ist egal, wie es heißt. Hindernisse, die ihm das Leben erschweren, räumt er gern aus dem Weg. Menschen, die er zum ersten Mal trifft, nimmt er die Unsicherheit, indem er sagt: „Legen Sie mir einfach die Hand auf die rechte Schulter.“ Er hat es gern unkompliziert.

Er wechselt vom linken auf das rechte Bein, wippt, steht wieder mit beiden Füßen auf der Erde und geht mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck ein paar Schritte. „Früher war mein Gang eiriger“, sagt er, um seine Begeisterung für die verständlicher zu machen, die das Früher nicht kennen. Früher konnte er seine Schuhe auch nicht in Windeseile selbstständig von den Füßen streifen. Denn das ist die zweite Anforderung, die Nickels an seine Schuhe hat. „Meine Füße sind meine Hände“, sagt er. Mit ihnen isst er, macht sich Notizen auf seinem Smartphon oder zahlt im Lokal. Wenn andere die Hände auf den Tisch legen, legt er seine Füße dort ab. Das macht die Schuhfrage so wichtig. Sie müssen einerseits den notwendigen Halt geben und andererseits, kaum dass sie nicht gebraucht werden, schon von den Füßen verschwunden sein.

Seit April ist Lothar Nickels 1600 Kilometer gelaufen

Dieser Freitagvormittag in der Orthopädischen Klinik in Markgröningen ist ein guter Tag in einer Reihe guter Tage in jüngster Zeit. Lothar Nickels ist bester Laune. Seine Füße sind nach Jahrzehnten endlich nicht nur schmerzfrei. Sie tragen ihn jetzt auch mühelos zu neuen Erfahrungen. Seit April hat er mehr als zehn Kilo abgenommen. Die App, die er auf seinem Mobiltelefon installiert hat, sagt, dass er mehr als 1600 Kilometer gelaufen ist. Durchs Gelände zu wandern, war früher unmöglich.

Fast 40 Jahre musste der Rundfunk- und Fernsehjournalist werden, bis er seine schweren, schwarzen, klobigen orthopädischen Schuhe mit den hohen Schäften endlich für immer ausziehen konnte. Erst versuchte er es mit Turnschuhen von der Stange, lief sich die Füße blutig, weiß aber nun, dass er auch in niedrigeren Schuhen genügend Halt hat. Eine wichtige Erkenntnis.