Mainz - Es gibt Momente, da holt das Leben die Satire ein. Da lassen auch gestandene Medienprofis Sätze vom Stapel, die die kühnsten Träume jedes Gag-Autors übertreffen. Es sind Momente, für die Martin Sonneborn einiges riskiert, mitunter sogar Kopf und Kragen. Der ehemalige Chefredakteur des Satiremagazins "Titanic" versteht sich als Berufsprovokateur. Getarnt als Außenreporter lockt er für die "Heute-Show" (ZDF) Politiker und Bürger mit der Kamera in die Falle.
YouTube ist sein bester Kunde
Jüngst entlockte er einem Pharmalobbyisten das Geständnis, billig produzierte Tabletten aus Fernost seien genauso wirksam wie teure Pillen aus Deutschland. Das klang so, als wäre der Kanzlerin versehentlich der Satz herausgerutscht, in ihrem Job ließe es sich nicht vermeiden, den Wähler zu belügen. Der Videobeitrag wurde ein Renner im Internetportal Youtube. Er trug dem Reporter neben begeisterten Kommentaren von Fans der "Heute-Show" aber auch eine Rüge des ZDF-Programmdirektors Thomas Bellut ein.
Der war - nicht ganz zu Unrecht - verärgert, hatte Sonneborn sein Opfer doch mit der Formulierung geködert, das Interview werde in einer der "heute"-Sendungen des ZDF ausgestrahlt, bevorzugt im "heute-journal", dem Flaggschiff der Fernsehnachrichten. Stattdessen fand sich sein Opfer als Witzfigur in der "Heute-Show" wieder. Sonneborn musste versprechen, die Marke "Heute" nicht mehr als Köder zu benutzen.
Es war ein Preis, den er gerne dafür zahlte, dass sein Film Konsequenzen hatte: Als Geschäftsführer des Verbandes der Pharmaindustrie Pro-Generika e.V. musste der Lobbyist Peter Schmidt inzwischen seinen Hut nehmen, unter anderem wegen seines blamablen Auftrittes in der "Heute-Show".
Taktgefühl ist ihm nicht fremd
Fragt man Martin Sonneborn heute, ob ihm der Mann ein bisschen leidtut, guckt er für den Bruchteil einer Sekunde tatsächlich zerknirscht. Höflichkeit und Taktgefühl, ahnt man, sind für den ehemaligen Chefredakteur des Satiremagazins "Titanic" keine Fremdwörter. Bei aller Freude an der Provokation scheint er durchaus zu wissen, was sich gehört.
Man darf sich den privaten Martin Sonneborn als einen Menschen vorstellen, der auf rührend altmodische Weise konservativ wirkt. Der Familienvater sitzt vor einem gutbürgerlichen Gasthaus in Berlin-Charlottenburg, ist mit Jeans, Wollpullover und Windjacke unauffällig gekleidet, fällt aber schon durch seine Körpergröße von knapp zwei Metern auf. Dabei ist er keiner, der den Kellner wild gestikulierend an den Tisch winkt. Still und in sich gekehrt, so wirkt er auf den ersten Blick.
Sonneborn sagt, Peter Schmidt sei vor seiner Tätigkeit als Geschäftsführer von Pro-Generika Mitglied der Arbeitsgruppe Gesundheit und Soziale Sicherung der SPD-Fraktion gewesen. "Es war genau diese Verbindung von Politik und Lobbyismus, die wir mit dem Beitrag anprangern wollten." So gesehen hat er mit seinem Film einen Glückstreffer erzielt. Allerdings, da macht er sich keine Illusionen, wird der Balanceakt zwischen Satire und investigativer Recherche für ihn in Zukunft noch schwieriger werden.
Sonneborn hat bei der Themenauswahl fast freie Hand
Zwar lässt ihm die Redaktion der "Heute-Show" bei der Themenwahl freie Hand, aber gelegentlich liegt die Schmerzgrenze des öffentlich-rechtlichen Fernsehens deutlich tiefer als seine eigene. Sonneborn sagt, einen Beitrag zum Thema sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche habe das ZDF erst gar nicht gesendet. "Wir hatten dazu ein extrem geschmackloses Bild gefunden." Welches, verrät er nur hinter vorgehaltener Hand. "Vielleicht können wir den Gag später noch mal verbraten."
Doch wer soll ihm jetzt noch die Tür öffnen? Um Politiker der Linken aufs Glatteis zu führen, hatte er schon einmal in die Trickkiste gegriffen und das schüttere Haupt mit einer Perücke geschmückt - ohne nennenswerten Erfolg, wie ein Foto beweist: "Die Leute dachten, ich sei Theo Koll." So wird er sich in Zukunft wohl notgedrungen auf Leute stürzen müssen, die bei der bloßen Erwähnung seines Namens nicht gleich zusammenzucken.