Martin Walser im Literaturhaus Stuttgart Der ewige Streit mit Reich-Ranicki
Tim Schleider, vom 11.03.2010 08:29 Uhr
Gesundheitlich angeschlagen, und doch mit Furor: Martin Walser im Stuttgarter Literaturhaus. Foto: factum/Rebstock
Stuttgart - Man kann in den Tagebüchern von Martin Walser ganz unterschiedlich fündig werden - gerade sind unter dem Titel "Leben und Schreiben" die Jahrgänge 1974 bis 1978 erschienen; gerade hat Walser diesen neuesten Rowohlt-Band im Stuttgarter Literaturhaus vorgestellt; ein Gedanken- und Erinnerungsschatz!
Wer Walsers Werk gut kennt, wird in den mal kurzen, mal längeren, aber nie ausufernden Tagesnotizen viel Interessantes lesen über Entstehung und Hintergründe aller Mitte der siebziger Jahre werdenden Bücher und Projekte, über eine Amerikareise, über seine Freundschaften mit Dichter- und Gelehrtenkollegen. Wer sich dagegen für die Geschichte der Bundesrepublik interessiert, wer womöglich eigene Erinnerungen hat an diese Jahre der Nach-Brandt- und RAF-Ära, wird mit Gewinn Walsers Reaktionen auf die Zeitläufte studieren; damals, als die Intellektuellen heftig darüber stritten, was denn "links" und "kritisch" unter den geänderten Umständen nun bedeuten müsse, wie man sich zum Sozialismus und zur DDR zu stellen habe.
Um schließlich, ob nun linksliberal, sozi-links, moskau-links oder richtig-links, doch allesamt im Handstreich von den Rechten als "geistige Wegbereiter des Terrorismus" aus dem demokratischen Konsens herauskatapultiert zu werden. Wer etwa wissen will, was just diese Debatte mit der Gesundheit des deutschen Nobelpreisträgers Heinrich Böll angerichtet hat, der wird durch Walsers Notizen schlauer.
Eine andere Seite des Schriftstellerdaseins
Man kann aus Walsers Tagebüchern auch manches sehr Praktische lernen über den Schriftsteller als Kleinunternehmer. Der Autor Walser, so vertraut er seinem Notizblock an, fühlt ja nicht nur deswegen so heiß und innig für seine Texte und Bücher, weil sie nun mal Kunstwerke aus seiner Hand, aus seinem Sinn sind. Sondern schlicht auch deswegen, weil er von ihrem ökonomischen Ertrag leben muss, nebst den Seinen. Diese Seite des Schriftstellerdaseins macht sich der Leser ja meist gar nicht klar. Und deswegen ist es spannend zu lesen, wie Walser eifersüchtig registriert, ob sein Suhrkamp Verlag für den einen oder anderen Kollegen mehr Werbemittel investiert, in den Zeitungen bessere Anzeigen schaltet, sie überhaupt mit mehr Prozenten am Umsatz beteiligt.
Und als im Frühjahr 1978 ein Streik der Drucker über Wochen hinweg das Erscheinen der bundesdeutschen Presse behindert, hadert Walser mit den Gewerkschaften wegen der "vollkommenen Unterbrechung des Informationsflusses". Gerade ist doch seine Novelle "Ein fliehendes Pferd" erschienen. Und nun bleiben sie aus, die Rezensionen und die Einkaufslisten der Buchhändler und die Hinweise auf seine Autorenlesungen! "In Neumünster weniger Leute als vor 10 Jahren. Zumindest nicht mehr".
Und wen all das bisher Genannte so gar nicht interessiert, der wird trotzdem noch fündig - bei kleinen Alltagsszenen, bei flüchtigen und doch das Interessante treffenden Blicken aus dem fahrenden Zug, schließlich bei allerlei Lebensgedanken, zu glasklaren Worten gegossenen Sentenzen: "Ich tu gern, was meine Freunde von mir erwarten. Da ich nicht alles tun kann, kann ich nur befreundet sein mit solchen, die von mir erwarten, was ich tun kann." Das ist ja schon schön genug.
Marcel Reich-Ranicki spielt eine wichtige Rolle
Man kann in Walsers Tagebüchern aus den Jahren 1974 bis 1978 aber auch einfach nur ein weiteres Munitionslager sehen im nicht enden wollenden Streit eines der bedeutendsten deutschen Gegenwartsautoren mit dem immer noch bekanntesten deutschen Literaturkritiker. Am 27. März 1976, also mitten im Berichtszeitraum, erschien in der "FAZ" Marcel Reich-Ranickis Rezension von Walsers jüngstem Roman "Jenseits der Liebe". Überschrift des Artikels: "Jenseits der Literatur". Seitdem, wenn auch keineswegs durchgehend, sind sich die Herren gram.
Die Rezension war zweifellos ebenso vernichtend wie lächerlich anmaßend: "Ein belangloser, ein schlechter, ein miserabler Roman. Es lohnt sich nicht, auch nur ein Kapitel, auch nur eine einzige Seite dieses Buches zu lesen." Bei Walser lösen sie jedenfalls Existenzängste aus. Aus tiefster Kränkung entwirft er im Tagebuch spontan eine "Rede an Herrn R-R", in der er infolge mangelnder Mittel zum Prozessieren als Antwort blanke Gewalt androht: "Ich sage Ihnen also, dass ich Ihnen, wenn Sie in meine Reichweite kommen, ins Gesicht schlagen werde. Mit der flachen Hand übrigens, weil ich Ihretwegen keine Faust mache. (...) Sie werden, bitte, nicht auch noch die Geschmacklosigkeit haben, diese Ankündigung und ihre gelegentliche Ausführung als Antisemitismus zu bezeichnen."
Bisher waren diese Zeilen nur dem Tagebuch bekannt, nun also der Welt. Das viele, viele ganz andere, was in diesem Band zu lesen ist, spielt in den ersten Berichten über "Tagebücher 1974-1978" kaum eine Rolle, der Streit zwischen Walser und Reich-Ranicki steht dagegen wieder klar und deutlich wie Nosferatu im Raum.
Und leider fördert auch Walser selbst mit seinen aktuellen Lesungen diese Schieflage der Debatte - wie eben jetzt in Stuttgart. Während er im ersten, noch allgemeinen Teil der Lesung heftig kämpft mit den Folgen einer schweren Atemwegsentzündung und der Vortrag aller Ausschnitte irgendwie beliebig wirkt, sind, als endlich das "R-R"-Thema aufkommt, die Krankheitssymptome prompt wie verflogen.
Die alten Wunden sind noch offen
Die Stimme wird kräftig, der Eifer steigt; das Verlesen besagter "Rede an Herrn R-R" geschieht mit solcher Verve, mit solchem Furor, als wenn der Verriss noch keine zwölf Stunden alt wäre. Ach je, die alten Wunden, sie schwären noch. Dass viele anderen Kritiker sein Buch "Jenseits der Liebe" 1976 lobten, dass es sich bestsellerhaft gut verkaufte, dies alles erwähnt Walser zwar auch, triumphierend.
Aber doch nur, um eben so die Vermessenheit, die Hybris des Negativurteils von Reich-Ranicki noch stärker herauszustreichen. Anstatt, das wäre ja die andere Möglichkeit, schlicht den Schluss zu ziehen, dass die Macht des "Herrn R-R" in der "Prawda des deutschen Bürgertums" (Walser über die "FAZ") eben doch bei weitem nicht so groß war wie befürchtet.
Eine seltsame, eher verstörende Lesung, die Walser hier bot - getragen vom Beifall seiner zahlreich erschienenen Verehrer. Alle Versuche der StZ-Literaturkritikerin Julia Schröder als Moderatorin, den Abend wenigstens offen enden zu lassen, schlug der 82-Jährige aus. Ob er die Entschuldigung (besser schreibt man wohl: Satisfaktion), auf die er wohl seit 34 Jahren wartet, noch je bekommen wird, muss sich weisen. Wen das alles inzwischen ähnlich wenig interessiert wie den Autor dieses Artikels, dem bleibt zum Glück sein Werk.
Kritiker (Literatur, Film, u.a.) sind deshalb Kritiker geworden, weil sie das von ihnen kritisierte Handwerk (Schreiben, Filme drehen, u.a.) selbst nicht können und sich aus gekränkter Eitelkeit anmaßen, sich über jene zu erheben, die tatsächlich für Kunst und Kultur etwas leisten.
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