Massentierhaltung Der Markt ist noch nicht gesättigt
Christine Keck, 02.01.2012 16:38 Uhr
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40 Tage fressen bis zur Schlachtreife: im niedersächsischen Megastall, dessen Hühner bei Emsland Frischgeflügel unters Messer kommen, ist der Platz knapp. Foto: ddp
40 Tage fressen bis zur Schlachtreife: im niedersächsischen Megastall, dessen Hühner bei Emsland Frischgeflügel unters Messer kommen, ist der Platz knapp. Foto: ddp
"Wir haben die gesundheitlichen Gefahren der Massentierhaltung bei Weitem unterschätzt."
Der Epidemiologe Dick Heederick, Uni Utrecht

 

Jeden Montag, 17 Uhr, seit mehr als einem Jahr macht Uschi Helmers mit bei der Mahnwache gegen das "Geschwür" in ihrer 8000-Einwohner-Gemeinde. "Das Elend vom Emsland wird zu uns exportiert", warnt die 62-Jährige, dick eingepackt in Winterjacke und Schal. Sie ist die stellvertretende Vorsitzende der Wietzer Bürgerinitiative und hätte sich nie träumen lassen, in ihrem Ruhestand zur Expertin in Sachen Geflügelzucht zu werden.

Der Westen Niedersachsens ist Geflügelland. Nirgendwo in der Republik ist die Konzentration an Hühner- und Putenställen so hoch wie im Emsland mit seinen 30 Millionen Mastplätzen. Mittendrin sitzt Franz-Josef Rothkötter, der als Futtermittelhändler in die Branche einstieg und seinen ersten Schlachthof 2003 eröffnete. Längst hat er die Tiefkühltruhen der Discounter mit Billigware bestückt, das weiße Fleisch ist beliebt, der Markt noch bei Weitem nicht gesättigt: Der Hühnerfleischkonsum stieg von 2003 bis heute von neun auf 11,5 Kilo pro Kopf. Die Europäer essen im Schnitt gut 17 Kilo, da lässt sich noch mehr verdienen, wissen die Marktführer Wiesenhof, Stolle und Rothkötter.

Die Schlachtfabrik in Wietze hat aufgerüstet: mit Natodraht, Zaun, Schäferhunden. "Das sieht aus wie ein Hochsicherheitsknast", sagt Uschi Helmers, "Schauen Sie mal - so viele Überwachungskameras." Sie grüßt den Mann vom Sicherheitspersonal, umarmt den 82-jährigen Pfarrer, der extra aus Celle hergefahren ist, und lässt sich von einem Landwirt von der Gründung einer neuen Bürgerinitiative ein paar Orte weiter erzählen.

Nicht alle gehen auf Distanz zum Masthuhn

"Weniger Fleisch ist die einzige Lösung", sagt Uschi Helmers und nippt an ihrem Früchtetee. Ein Mitstreiter hat Weihnachtskekse mitgebracht, auf einem Tisch stehen Glühwein und Linsensuppe. "Früher hat ein Stück die Woche doch auch gereicht", sagt Helmers. Sie will keine Verlagerung der Fabrik, sondern eine Entscheidung der Verbraucher gegen Produkte von Rothkötter und Co. Mehr Verkehr, mehr Atemwegserkrankungen und vor allem die Belastung durch mehrfach resistente Keime rund um die Mastbetriebe seien inakzeptabel. Eigentlich dürften nur kranke Tiere Antibiotika erhalten, doch das Medikament erhöhe eingesetzt als Wachstumsbeschleuniger den Profit, kritisiert Helmers.

Die Abluft aus Ställen hat der Epidemiologe Dick Heederik von der Universität Utrecht näher untersucht und ist zum Schluss gekommen: "Wir haben die gesundheitlichen Gefahren der industriellen Massentierhaltung bei Weitem unterschätzt." Im Umkreis von 1000 Metern um die Anlagen sei das Risiko einer MRSA-Infektion deutlich erhöht, warnt Heederik. Die antibiotikaresistenten Keime würden durch die Luft übertragen - also nicht nur durch Direktkontakt, wie bisher angenommen wurde. Es wurde zu viel weggeschaut, kritisiert der Professor. Die Niederländer wollen es nun genau wissen: Eine mehrere Millionen teure Studie soll Klarheit über die Bakterienschleuder Maststall bringen.

In der Kleinstadt Wietze gehen nicht alle auf Distanz zum Masthuhn. Der Gemeinderat hat den Schlachthof gebilligt - daran konnten auch die zwei Gegenstimmen von den Grünen und Linken nichts ändern. Bürgermeister Wolfgang Klußmann schwärmt von den 360 sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen für seine strukturschwache Kommune. Viele weitere könnten noch kommen. "Davon profitiert die ganze Region", sagt der CDU-Mann und versucht die Kränkungen zu vergessen: bis zu 400 Protestmails pro Tag, Beleidigungen, Beschimpfungen, Farbbeutelwürfe aufs Rathaus und eine wochenlange Besetzung der Schlachthofbaustelle. Die Polizei musste das Hüttendorf der Veganer räumen. "Das war nicht vergnügungssteuerpflichtig", stöhnt der Bürgermeister in seinem kleinen Rathaus.

Plötzlich fängt Klußmann an auszuteilen, nicht wütend, ganz sachlich: "Wir leben in einer Geiz-ist-geil-Gesellschaft", jeder wolle so günstig wie möglich konsumieren, sagt er und gibt fast im gleichen Atemzug zu, selbst beim Discounter einzukaufen. "Wir Kunden entscheiden an der Kasse, was produziert werden soll." Eine Botschaft, die Uschi Helmers unterschreiben würde. Sie will, dass sich alle mehr Gedanken darüber machen, woher das Essen kommt und bestellt Fleisch bei einem Neuland-Bauern, der die Tiere artgerecht hält.

Im Wietzer Supermarkt liegt das Geflügel dicht an dicht gestapelt in der Tiefkühltruhe, zu Preisen, die ahnen lassen, dass die Ware in großer Menge verkauft werden muss, um Gewinn zu machen. Geschnetzeltes, Brustfilet und ein ganzes Huhn, die eineinhalb Kilo kosten 2,99 Euro.

Kommentare (8)
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JAN
07
Marc, 11:46 Uhr

Wietze und die andere Schlachthäuser

Gut, dass die Stuttgarter Zeitung ein so wichtiges Thema aufgreift, denn es betrifft sehr viele Tiere... Sogar in Stuttgart ist der Schlachthof in Wietze ein Thema. Es gab wohl am 31.12.2011 eine Aktion auf dem Schlossplatz dagegen, siehe: www.tirs-online.de Was skurril ist, ist dass der Mensch es eigentlich nicht will Tiere Leid hinzufügen oder umzubringen, es passiert aber trotzdem, weil man sich nicht richtig vorstellen kann, was in Schlachthäusern passiert bzw. glauben, dass es schwierig ist kein Fleisch zu essen, obwohl in Deutschland schon ca. 6 Millionen Menschen Vegetarier sind. "Der Trend ins Vegetarische ist unaufhaltsam. Vielleicht isst in 100 Jahren kein Mensch mehr Fleisch." Helmut Maucher, ehemaliger Generaldirektor von Nestlé."

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JAN
04
Antonietta Tumminello, 20:40 Uhr

Ein Deutscher isst ungefähr

200 Gramm Fleisch pro Tag. Macht jährlich etwa 80 Kilo Fleisch pro Kopf und rund 6,5 Milliarden Kilo Fleisch für das ganze Land. Eine solche Masse an Fleisch kann man aber nur bereit stellen, wenn man die Tiere in Massen züchtet und im Akkord tötet. Diese Massentierhaltung ist nicht nur furchtbar für die Tiere, sie ist auch schlimm für unsere Umwelt, für das Klima und für die Gerechtigkeit auf der Welt.

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JAN
04
Ilse Baigner , 11:36 Uhr

Wer das Fleisch solcher Hühner frisst, ist ein Kannibale.

Und davon gibts bei uns noch viel zu viele. Diese Massentierhaltung ist unverantwortlich und einfach nur widerlich!

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