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„Maultaschen-Komplott“ Der Friedhof der Kuschelmenschen

Marc Schieferecke, 25.12.2012 11:18 Uhr

S-Mitte - Es ist nicht zu viel verraten, zu verraten: Am Ende wird alles gut. Das dürften selbst Gelegenheitsleser schon nach der Lektüre des Klappentextes ahnen. Am Ende kuschelt sich sogar alles und jeder schmiegsamer aneinander, als die gemeine Lebenserfahrung ahnen lässt. Selbst Riette Blarer, die sperrige Millionenerbin, findet einen Mann, den sie schätzt und der sie ehrt: die Rotlichtgröße Carlo. Ob dies „Das richtige Ende“ ist – so ist das Schlusskapitel des Romans „Maultaschen-Komplott“ tatsächlich überschrieben – bleibt Geschmackssache.

Wie das gesamte Buch, das Jürgen Seibold über den Plan verfasst hat, den Immobilienhaie hegen: gute Teile des Hospitalviertels abzureißen, mit Einheitsbauten zu verstellen und möglichst teuer weiterzuverkaufen. Dem müsste das Café Büchse weichen, in dem Freiwillige Obdachlose bewirten. Daran entzündet sich allerlei.

Die gesamte Handlung „ist völlig frei erfunden“

Tina empört die Ungerechtigkeit derart, dass sie ihren Geliebten Roland aus der gemeinsamen Wohnung wirft. Schließlich war der bis vor nicht allzu langer Zeit selbst Immobilienhai. Ein schüchternes Protestchen gebiert eine volksbewegende Wut gegen das Projekt, die bis zur allmontäglichen Demo der gegen Stuttgart 21 gleicht. Und Roland heckt eine Intrige aus, vordergründig, um das Quartier zu retten, indem er es selbst vermarktet, tatsächlich, um das Herz seiner Tina zurückzugewinnen.

Die gesamte Handlung „ist völlig frei erfunden“, sagt Seibold. Als der Autor die Geschichte erdachte, wusste er nicht viel mehr, als dass deren zentraler Ort tatsächlich existiert. Das Café Büchse ist die Wärmestube der Evangelischen Gesellschaft. Eigentlich ging es ihm und seinem Verlag darum, eine glaubwürdige Fortsetzung des Romans „Bloß keine Maultaschen“ zu veröffentlichen. Dass tatsächlich aktuell geplant ist, das Hospitalviertel zwar nicht abzureißen, aber grundlegend umzubauen, erfuhr er erst bei einer Lesung vor Ort. „Bis dahin war mir gar nicht bewusst, dass es dort eine Großbaustelle gibt“, sagt Seibold – die für den neuen Hospitalhof. Der Autor lebt in der heimeligen Gemeinde Leutenbach gleich hinter Winnenden.

Selbstverständlich bleibt die Wärmestube an der Büchsenstraße ungeachtet all dessen nicht der einzige Ort, den Stuttgarter bei der Lektüre wiedererkennen werden. Gewiss auch nicht der einzige Mensch, obwohl der Autor versichert, dass alle Figuren nur in seiner Fantasie leben. Zumindest wer das reale Vorbild für den stadtbekannten Historiker ist, der nebenbei Kolumnen für die örtliche Tageszeitung schreibt, dürfte jeder erraten, der nicht erst vor ein paar Wochen zugezogen ist.

Seibold selbst nennt seinen Roman eine Komödie

So mischt sich Tatsächliches in einer Art Maultaschen-Kompott mit Ersonnenem – und Versponnenem. Die zwiegesichtige Nachbarin Gunda Späth verhext Roland mit einem verzauberten Eintopf. Im letzten Fünfzehner Richtung Fernsehturm geben sich dreimal wöchentlich neben lebendigen Kulturschaffenden verstorbene Prominente ein skurriles Stelldichein. Dort bekommt Roland den entscheidenden Tipp für das richtige Ende von einem jener Toten, die sich am Waldrand beim Fernsehturm – eher bekannt als Schwulentreff denn als Friedhof der Kuschelmenschen – regelmäßig einen Wein gönnen.

Kevin, der Obdachlose, ist eigentlich ein Computerspezialist, und Almut, die Wunderschöne, verlockend wie die Weiblichkeit selbst, ist eigentlich ein Mann. Wer derlei nicht mag, möge sich das Geld für das Maultaschen-Komplott sparen. Wer derlei liebt, kann solchen Aberwitz in der Tradition shakespearescher Dichtung deuten.

Seibold selbst nennt seinen Roman eine Komödie und sortiert sie in der Rubrik „Spaß“ ein. Als solcher darf das Buch durchaus gelten, es ist unterhaltsam, sprachlich gewandt und auch ansonsten handwerklich gut geschrieben. Leser, denen der Roman dennoch missfällt, können sich zumindest in ihrer Küche mit dem Nachwort trösten. In dem stehen schwäbische und ungarische Rezepte für Gerichte, die im Verlauf der Rettung des Hospitalviertels gegessen werden.

„Maultaschen-Komplott“, erschienen im Silberburg-Verlag, ISBN 978-3-8425-1209-2, 285 Seiten, 12,90 Euro.