Max Giesinger Die befreite Stimme

Von Ariana Zustra 

Bei der Show „The Voice of Germany“ sang er vor einem Millionenpublikum. Doch Max Giesinger war nicht glücklich mit seinen Auftritten.

Der neue Max Giesinger: in diesem Jahr soll seine CD mit selbst geschriebenen Songs erscheinen. Sein Castingstar-Image sei abgelegt, sagt er. Foto: Eva-Catherine Meyer 2 Bilder
Der neue Max Giesinger: in diesem Jahr soll seine CD mit selbst geschriebenen Songs erscheinen. Sein Castingstar-Image sei abgelegt, sagt er.Foto: Eva-Catherine Meyer

Karlsruhe/Waldbronn - Er kommt zu spät zum Interview im Baden-Badener Kongresshaus, weil er mit dem Schlagzeuger noch Kaffee trinken war. „Ich bin der Max“, sagt er mit badischem Singsang, schiebt sich einen Keks in den Mund, lümmelt sich ins Sofa, findet vieles „krass“ und „geil“. Er wirkt wie ein Student, der mittags aus dem Bett gefallen ist. Er sei nicht mehr nur „der aus der Casting-Show“. Man nimmt ihn jetzt als Musiker ernst.

Der 24-jährige Max Giesinger war vor einem Jahr Finalist bei „The Voice of Germany“, jener Show, bei der es allein um die Stimme gehen soll. Das neue Format entwickelte sich zum Straßenfeger, Kritiker lobten die Qualität der Sänger und das faire Miteinander. Kandidaten wurden Talente genannt, aus Juroren wurden Coaches. Die Leiter der Teams waren der Soulbarde Xavier Naidoo, der Pop-Rocker Rea Garvey, das Front-Duo der Countryband The Boss Hoss und die Sängerin Nena. Max brachte Talent mit. Er hat eine markante und zugleich samtige Stimme, kann außerdem Gitarre spielen. Er wurde Vierter.

Max Giesinger stammt aus dem Örtchen Waldbronn bei Karlsruhe. Mit elf besucht er eine Gitarrengruppe, bricht bald ab und bringt sich alles Weitere selbst bei. Während der Schulzeit tritt er in Kneipen und Clubs auf, kann sich in der Region als Singer-Songwriter etablieren. „Wenn man live gut ist und ein netter Typ, dann geht das voran“, sagt er. Nach einem „Work-and-Travel“-Programm in Australien beginnt er eine Banklehre, die er nach zwei Wochen schmeißt. Dann bewirbt er sich bei der Show.

Im Gespräch nennt er sie nur „das Ding“. „Ich dachte halt, es könnte eine coole Zeit werden, ich bin ein impulsiver Typ, der recht unbedarft an Neues herangeht.“ Von morgens um sieben Uhr bis abends um zehn hieß es proben, einsingen, aufzeichnen, Interviews geben. Abends fiel er ausgelaugt ins Bett. Keine Minute der Besinnung: „Es war total schwer, im Reinen mit sich zu bleiben. Ich hätte damals öfter mal mit meinen richtigen Freunden quatschen sollen.“ In Interviews während der Sendung sprach er stets von einer „grandiosen Erfahrung“. Heute schlägt er andere Töne an. „Du schwimmst auf dieser Welle und kommst nicht dazu, darüber nachzudenken, was um dich herum geschieht.“ Das war nicht nur Gutes.

Max fühlte sich als Mensch missverstanden

Er gehörte zum Team Xavier Naidoos. Wie die Zusammenarbeit mit ihm war? „Das war . . . interessant.“ Max grinst. Sympathisch sei Xavier gewesen und habe es gut mit einem gemeint. Aber wegen der Lieder, die der Soulsänger für ihn aussuchte, fühlte Max sich als Mensch missverstanden. Schmusesongs musste er vortragen, ihm wurde in der Staffel das Image des Teenie-Schwarms aufgedrückt. „Ich mochte die meisten Songs nicht, war immer froh, wenn ich die Live-Show hinter mir hatte“, sagt Max Giesinger heute.

Sein Tiefpunkt: das Wohlfühl-Schmalzlied „Vom selben Stern“. „Da hatte ich mal die Chance, mit einem Auftritt mehrere Millionen Menschen zu erreichen, und singe einen Song, der nicht ausstrahlt, was mich ausmacht. Auf genau diese drei Minuten beschränken dich die Leute aber.“ Max schämte sich. Bis heute hat er sich die Live-Shows nicht angeguckt. Er erträgt es nicht. In einigen Jahren sei er vielleicht soweit, meint er. „Ich war da nicht mehr der lebensfrohe Max, der ich eigentlich bin. Die Leichtigkeit war weg.“

Nach „The Voice of Germany“ kam das Loch. Den Ruhm konnte er nicht genießen. „Ich dachte, alle kennen mich jetzt von der falschen Seite“, sagt Max Giesinger. Er fühlte sich miserabel, zog sich wochenlang zurück. Musste zu sich finden, ordnen, was passiert war, bewerten: War das jetzt gut oder schlecht für mich? Und kam zu dem Ergebnis: dieses „Showding“ ist nicht grundsätzlich schlecht, tat ihm persönlich aber nicht gut. „Ich war menschlich nicht der Typ, der da hätte mitmachen sollen.“ Doch die „krasse Erfahrung“ habe ihm „krasse Türen“ geöffnet. Zu seinen Konzerten kämen nun mehrere Tausend Menschen, zig Mal so viel wie zuvor, sagt er. Nur merklich jünger sei das Publikum nun. Bei seinem ersten Auftritt nach der Show spürte er, was ihm die ganze Zeit gefehlt hatte: die Freiheit auf der Bühne. Er fand zu neuer Kraft, tingelte durch Deutschland, spielte beim Hamburger Holsten Festival, auf der Landesgartenschau in Nagold, bei den Deutschen Wellnesstagen in Baden-Baden.

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