Max Mutzkes Wurzeln in Krenkingen So klingt der Schwarzwald

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Startpunkt der musikalischen Karriere des ehemaligen Stefan-Raab-Schützlings und Song-Contest-Teilnehmers Max Mutzke war sein südbadisches Heimatdorf Krenkingen. StZ-Autor Ingmar Volkmann erzählt, wie alles begann.

Max Mutzke im Schwarzwald, im Hintergund sein Heimatdorf Krenkingen. Dort ermöglichte ihm sein Vater seine  ersten musikalischen Gehversuche. Foto: Ingmar Volkmann 10 Bilder
Max Mutzke im Schwarzwald, im Hintergund sein Heimatdorf Krenkingen. Dort ermöglichte ihm sein Vater seine ersten musikalischen Gehversuche. Foto: Ingmar Volkmann

Waldshut-Tiengen - Das Beste an Stuttgart ist der Schwarzwald, sagen amerikanische Touristen und Schauspielintendant Armin Petras. Abgesehen von der geographischen Gewagtheit dieser Aussage ist man auch als Stuttgarter spätestens dann in den Schwarzwald schockverliebt, wenn man dort einen Tag mit Sänger Maximilian Nepomuk Mutzke verbracht hat.

Max Mutzke, Ziehsohn von TV-Entertainer in Rente, Stefan Raab. Deutschlands erster und einziger Castingshow-Gewinner, aus dem nach der Casting-Karriere etwas geworden ist. Einer der wenigen deutschen Teilnehmer am Eurovision Song Contest, der nicht Letzter wurde, sondern respektabler 8., 2004 in Istanbul. Veröffentlicht Album um Album, mal Soul, mal Jazz und immer mit einer Stimme, deren Bandbreite ungeheuerlich ist. Zuletzt veröffentlichte er das Album Experience mit der NDR Radiophilharmonie, das im Feuilleton gefeiert wurde. Mensch Mutzke, du gehörst doch nach Hamburg oder Berlin!

Der Grundstein für die Karriere wurde in einem 200-Einwohner-Dorf gelegt

„Nö“, sagt der 35-Jährige, der seine Mütze, sein Markenzeichen, nur beim Essen absetzt. „Der Schwarzwald ist viel größer als Berlin. Das ist meine Heimat, hier hat für mich alles angefangen.“ Vor dem Treffen mit der Stuttgarter Zeitung hatte Mutzke laut nachgedacht, ob für ihn alles im Jazzhaus in Freiburg begann, wo er seine ersten großen Konzerte sah, oder ob die entscheidende Weichenstellung nicht viel früher erfolgte und sich für letzteres entschieden. „Die Freiheit, das zu tun, was ich möchte, Musik zu machen, haben mir meine Eltern mitgegeben. Daher ist Krenkingen der Ort, an dem für mich alles begann.“

Also auf in den winzigen Stadtteil von Waldshut-Tiengen, der weniger als 200 Einwohner hatte, als Max Mutzke hier mit seinen fünf Geschwistern aufwuchs. „Macht es dir etwas aus, wenn ich fahre?“, fragt Mutzke, und schiebt den Reporter auf den Beifahrersitz. „Das geht schneller und einfacher, weil ich die Schleichwege kenne“, sagt Mutzke und gibt Gas. No Versicherungsschutz, no Risk, no Fun, mehr Rock’n’Roll geht im Schwarzwald aber nun wirklich nicht.

Über Stock und Stein, über Waldweg und Feldweg: der Popstar rast

Mutzke brettert über Feldwege: „Hier habe ich mit 13 das Autofahren gelernt.“ Mutzke rast einen steilen Waldweg hinauf. „Hier bin ich mit 14 zum ersten Mal Unimog gefahren.“ – „Haben Sie überhaupt einen Führerschein, Herr Mutzke, oder sind Sie der Marco Reus des Pop?“ Er grinst. „Ich habe alle Führerscheine, inklusive LKW und Motorsäge.“ Beruhigend.

Mutzke hält auf einer Anhöhe, das winzige Krenkingen liegt zu Füßen. Wäre das Wetter besser, könnte man im Hintergrund die Alpen sehen. So aber Nebelschwadenbilder, wie Udo Lindenberg mit dem Freundeskreis singen würde, und Kindheitserinnerungen, erzählt von Max Mutzke.

Mutzke wuchs ohne Radio und damit ohne Kenntnis der aktuellen Charts auf

„Das gelbe Haus dort war unseres. Mein Vater hat als Arzt praktiziert, die Türen standen immer offen. Er hat Schlagzeug gespielt und unsere musikalischen Gehversuche gefördert, wo es nur ging. Wir sind in einer Mischung aus Villa Kunterbunt und Michel aus Lönneberga aufgewachsen.“ Der Vater, Gottfried Mutzke, Pfeifenraucher, Schwarzteetrinker, Jazz-Liebhaber, legte an freien Tagen Platten auf, von Miles Davis oder Herbie Hancock. Schlecht für das Standing von Max Mutzke in der Schule, weil er ohne Radio und damit ohne Kenntnisse der Charts aufwuchs. Gut für seine musikalische Sozialisation.

Den sechs Kindern standen verschiedene Proberäume zur Verfügung. „Die Dorfbewohner waren der Hammer. Wenn wir im Sommer mal wieder bis 23 Ohr bei offenen Fenstern geprobt haben, gab es am nächsten Tag keinen Anschiss, sondern Lob.“ Max Mutzke, der Hochdeutsch spricht, imitiert den alemannischen Dialekt der Ureinwohner im Südschwarzwald, den der Reporter nur laienhaft wiedergeben kann: „S isch gut gsi, i han mi mitm Glas Wein ausigsetzt und heb ghorcht.“

Ein Freund meldet Max Mutzke bei Stefan Raab an, ohne Mutzkes Wissen

Später dann Schlagzeugunterricht, Abgang von der Hauptschule, um in Freiburg an einer freien Musikschule Musik zu studieren, nach zwei Jahren Rückkehr an die Schule, um erst den Realschulabschluss nachzuholen. Ein Freund meldet Mutzke bei Stefan Raab an – ohne Mutzkes Wissen („Ich wollte nie in eine Castingshow und dann wegen meiner Monoaugenbraue berühmt werden“). Mutzke singt alle in Grund und Boden, nimmt am Song Contest teil und legt danach seine Abiturprüfungen ab, anstatt als Posterboy für Nutella und andere nach kurzem Hype zu verglühen.

„Stefan Raab hat mir geraten, allen kurzfristigen Verlockungen zu widerstehen, um langfristig von der Musik leben zu können. Er war quasi mein Tropenarzt, der mir zu den richtigen Impfungen geraten hat.“ Und siehe da, der Entertainer der Nation sollte Recht behalten. Und nicht nur Max Mutzke macht bis heute Musik, auch sein Vater spielt immer noch in einer Band, „bei den Spätzündern, zusammen mit einem Lehrer, einem Gefängnisdirektor und einem Grafen“, erzählt Mutzke Junior.

Mutzke covert Mutzke, der Radioheads „Creep“ covert, im Auto: Ganzkörpergänsehaut

Rückfahrt von der Schwarzwaldalm nach Tiengen. Mutzke wieder im Formel-1-Modus, wir rasen durch eine befahrbare Landschaftsmalerei, vielleicht verlangsamt ihn seine eigene Musik? Aus den Boxen des Autos klingt Max Mutzke, verstärkt durch die NDR Radiophilharmonie. Mutzke singt live im Auto mit, Mutzke covert Mutzke, wie er Radioheads „Creep“ covert. Die Zeit bleibt kurz stehen, ehe das nächste Lied anfängt, „Ohne dich“, Mutzke singt wieder mit, allerdings zum Spaß auf Vollschwäbisch, damit das Ganze nicht zu pathetisch endet. Brutal harter Cut.

Rückkehr nach Tiengen, kurzer Abschiedsspaziergang durch die wunderschöne Altstadt, für die das Wort pittoresk erfunden wurde. Mutzke ist hier der Sonnenkönig, ein Gruß hier, ein Schwätzchen da, nie aufgesetzt, sondern auf Augenhöhe. Dieselbe Tour hat er kürzlich mit Fernsehkoch Tim Mälzer unternommen, mit dem er eng befreundet ist, auch der Schwarzwald-Künstler Stefan Strumbel ist eng mit Mutzke und oft zu Gast.

Der Popstar und sein alter Schlagzeuglehrer erzählen sich schmutzige Witze

Der Metzger ist ein alter Schulfreund, Mutzke erzählt tolle Raufboldgeschichten. Espresso bei Jürgen, dem örtlichen Textilhändler, der auch für Mutzkes Bühnenoutfits zuständig ist, en passant wird ein neuer Mantel für den nächsten Auftritt auf dem Roten Teppich anprobiert. Finale bei Wolfgang, dem Instrumentenhändler, der gleichzeitig Mutzkes Schlagzeuglehrer war, „aber nur kurz, weil ich ihm nicht viel beibringen konnte. Das macht keinen Sinn mehr, wenn der Schüler nach wenigen Stunden besser als der Lehrer ist.“

Mutzke und sein Lehrer erzählen sich im Hinterzimmer Witze auf Alemannisch, die zu schweinisch sind, als dass man sie hier wiedergeben könnte. Tränenreicher Abschied, so viel uninszenierte und ehrliche Heimat an einem Tag macht wehmütig. Wäre denn ein kleines Häuschen in Tiengen frei? Vielleicht haben amerikanische Touristen und Armin Petras ja tatsächlich doch Recht: Das Beste an Stuttgart ist der Schwarzwald. Zumindest wenn man ihn von Max Mutzke gezeigt bekommt.