Medien Anarchie am späten Abend

Ulla Hanselmann, 06.12.2012 17:11 Uhr

Stuttgart - Danke und Tschüss – der Weltuntergang ist doch kein Weltuntergang“. So lautet das Motto, das Jan Böhmermann seiner „Late Line“-Tour aufgebrummt hat; er spielt damit auf die sicher nicht zutreffende Maya-Prophezeiung für den 21. Dezember 2012 an. Irgendeine Überschrift muss so ein verrücktes Projekt ja haben, mag sich der 31-Jährige, den ZDF-Kultur-Zuschauer als Co-Gastgeber von Charlotte Roche bei „Roche & Böhmermann“ kennen, gesagt haben. Verrückt? Na ja, Böhmermann nennt es lieber „bizarr“: Die „Late Line“-Tour ist ein Hybrid zwischen Hörfunksendung, TV-Talk und Live-Show.

Dazu muss man wissen: eigentlich handelt es sich bei „Late Line“ um eine Radiosendung für junge Leute. Vier Moderatoren talken im Wechsel montags bis donnerstags am späten Abend zwischen 23 und 1 Uhr in den jungen Radioprogrammen der ARD mit Hörern, auch im SWR-Jugendsender DasDing; donnerstags ist Jan Böhmermann dran. Die am 20. November gestartete Live-Tour katapultiert Böhmermann nun aus dem knuffigen Radiostudio hinaus auf eine Bühne. Seine Show ist live im Radio zu hören – und gleichzeitig im Fernsehen bei Eins Plus zu sehen. Nach Bremen und Frankfurt macht der gebürtige Bremer heute in Baden-Baden Station.

Reden mit viel Drive

Reden um des Redens willen, mal mit, mal ohne übergreifendes Thema, ohne Struktur, aber mit ganz viel Drive – das ist das Konzept von „Late Line“. Hörer rufen an, Jan Böhmermann leiht ihnen sein Ohr und quasselt sich den Mund fusselig, ziellos, aber mit viel Elan, stellenweise sogar mit Esprit. Ganz egal, um was es geht: ohne eine Überdosis Ironie macht es Böhmermann nicht, der gelernter Journalist ist, mit Kollegen den Deutschen Fernsehpreis für die RTL-Comedyreihe „TV Helden“ gewonnen hat und von sich sagt: „Mein Hauptberuf ist Komiker“. Ins visuelle Medium Fernsehen übertragen, hat das „LateLine“-Konzept bislang Szenen wie diese hervorgebracht: Böhmermann sitzt in einem Ledersessel, führt seine Strümpfe vor und labert über deren Länge. Ein andermal macht er eindeutige Bewegungen mit einem Telefonhörer im Genitalbereich und flachst dazu mit dem Anrufer Alex, „der dummen Sau“. Dazwischen ruft er Facebook- und Twitterbeiträge ab und muss Hörfunkverkehrsmeldungen vor der Kamera verlesen. In Frankfurt holt er die 23-jährige „Late Line“-Hörerin Sandra, die im Publikum sitzt, zu sich nach vorne und sagt: „Chill dich mal“, bevor er mit ihr ein Brainstorming anstellt: Wie soll der neue Jugendkanal heißen? „Cool TV“ und „Ekel TV“ lautet das Zwischenergebnis.

Die „Late Line“-Tour, die explizit auf „freie Themenwahl“ setzt, ist vielleicht ein bisschen beides. Ein Wagnis? Eher nicht. Im Publikum, es umfasst nicht mehr als ein paar Dutzend junge Leute, sind viele Fans, „da ist keiner zufällig hier“, sagt Böhmermann im Gespräch mit der StZ. Die Sendung ist exemplarisch für das neue, junge Fernsehen, das in Digitalkanälen wie Eins Plus oder ZDF Kultur eine Spielwiese gefunden hat: Dessen Vertreter hätten „kein Geld, dürften aber alles machen – „auf Sendern, deren Programm keiner sieht“, fasst Böhmermann zusammen. Die Live-Tour bezeichnet er als „vorweihnachtliches Trainingslager“, als Herausforderung für alle Beteiligten. Für ihn, weil er zwei Stunden lang improvisieren müsse und durch das Visuelle eine neue Ebene bekomme, um lustig zu sein, aber auch für die ARD, die eine Kooperation über mehrere Sendeanstalten hinweg stemmt. Dass das gelingt, lässt ihn auf mehr „coole Inhalte“ in der ARD hoffen. Denn: „Es fucked mich total ab, um mal als Mann von der Straße zu sprechen, dass im Fernsehen unterhaltungsmäßig nur die Generation meiner Großeltern bedient wird.“

Von Thema zu Thema

Der Anarchie seiner Show entspricht den natürlichen Zyklen des TV. „Bevor im Fernsehen etwas Neues entsteht, muss man das Alte kaputt machen.“ Tatsächlich setzt sein Talk-Experiment die Dekonstruktion der klassischen Talkshow konsequent fort, die mit „Roche & Böhmermann“ begonnen hat. Auch dort irrlichtern die Moderatoren von Thema zu Thema und entlarven die hohlen Mechanismen der TV-Unterhaltung, indem sie mit ihnen spielen. Sind bei ihnen noch eingeladene Gäste mit von der Partie, kommt „Late Line“ ohne aus – die Show ist der Moderator, der Moderator ist die Show.

Und der bricht mit sämtlichen Fernsehregeln: Er macht technische Abläufe transparent, übt sich in permanenter – ironischer – Selbstreflexion („Was für eine Scheiß Sendung, jetzt schon“) und betätigt sich als Medien-Großkritiker. Ob Rundfunkgebühren, der Jugendkanal, die ARD-Themenwoche – bevorzugt nimmt er das etablierte, „alte“ TV ins Visier. In Frankfurt schaltet er auf einem Mini-Fernseher das ZDF ein, wo Thomas Gottschalk bei Markus Lanz zu Gast ist. „Da kommt sofort dieses Samstagabendunterhaltungsgefühl auf“, kommentiert Böhmermann, und Sidekick Sandra ergänzt. „Gottschalk ist gekleidet wie ein irischer Kobold“. Punktuell genial, öfters zäh oder auch ganz daneben – das kommt heraus, wenn man die Jungen Fernsehen machen. Irgendwann werde man ,Wetten, dass . . ?’ ersetzen“, behauptet der Meister der Selbstironie mal in seiner Show. Ob sich wenigstens diese Prophezeiung bewahrheiten wird?