Medienethik Die Herrschaft der Algorithmen

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Alexander Filipovc leitet ab kommendem Semester den neu eingerichteten Lehrstuhl für Medienethik an der Münchner Hochschule für Philosophie. In einem Interview mit der StZ erklärt er die Ziele des noch jungen Fachgebiets.

Alexander Filipovic forscht auf einem neuen Terrain Foto: SJ-Bild
Alexander Filipovic forscht auf einem neuen Terrain Foto: SJ-Bild
München – - Alexander Filipovic übernimmt im September den neuen Lehrstuhl für Medienethik. Wissenschaftliche Grundlagen über die Verantwortung der Medien in der Gesellschaft zu erarbeiten ist das Ziel eines deutschlandweit bisher einzigartigen Kompetenzzentrums an der Münchner Hochschule für Philosophie.
Herr Filipovic, warum wurde jetzt ein neuer Lehrstuhl für Medienethik geschaffen?
Es gibt keinen unmittelbaren Anlass wie etwa einen medienpolitischen Skandal, aber es herrscht, glaube ich, allgemein die Überzeugung, dass die Digitalisierung, also der Erfolg des Internets , die Welt der Kommunikation so revolutioniert hat, dass wir neu über Medienethik nachdenken müssen.
Welche neuen Fragen stellen sich denn aus Ihrer Sicht?
Das ist zum Beispiel die Frage nach der Zukunft des Qualitätsjournalismus. Er ist teuer, wir brauchen ihn auch in der Online-Gesellschaft, wie lässt er sich also zukünftig finanzieren? Ein anderer Aspekt ist, dass in unserer Medienlandschaft inzwischen Algorithmen eine Rolle spielen, deren Wirkweise wir nicht so richtig verstehen. Also – Stichwort Filterblase – wir wissen nicht genau, welche Treffer Google nach oben setzt, welche nach unten. Solche versteckten Effekte der Digitalisierung müssen hinterfragt und diskutiert werden.
Die Hochschule für Philosophie, wo ihr Lehrstuhl angesiedelt ist, wird von Jesuiten geleitet. Welchen Einfluss hat das auf die Arbeit des neuen Kompetenzzentrums?
Auf die inhaltliche, die wissenschaftliche Arbeit hat das keinen Einfluss. Natürlich besteht eine Nähe zur katholischen Welt, aber ich verstehe mich als unabhängigen Wissenschaftler, der sich neben anderen Fragen auch dafür interessiert, wie Kirche sich in der Kommunikationsgesellschaft vernünftig positionieren kann.
Sich philosophisch mit dem Gebiet Internet zu befassen, ist das nicht so, als wolle man zu Fuß ein fliehendes Pferd einfangen?
Das Problem hat die Philosophie wohl mit fast jedem Thema. Ich denke aber, dass es notwendig ist, auch in diesem sich rasant entwickelnden Bereich immer wieder zurückzutreten und in Distanz zu den Dingen zu gehen, um einen guten und klaren Blick auf sie zu gewinnen. Das heißt aber nicht, dass man in dieser Distanz stehen bleiben kann, stattdessen suche ich beispielsweise Gespräche mit den Praktikern, um auf deren berufliche und praktische Schwierigkeiten konkrete Antworten geben zu können.
Die Digitalisierung hat sich ja parallel zur Globalisierung vollzogen. Kann man solche Themen wie Medienethik überhaupt noch national denken?
Wenn wir an die klassischen Massen­medien denken, Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen, dann gibt es in Deutschland ebenso wie in Frankreich oder Großbritannien schon noch relativ homogene massenkommunikative Räume. Deshalb halte ich es auch weiter für sinnvoll, innerhalb dieser Gesellschaften nach Antworten zu suchen, weil sie eng mit nationaler Politik zusammen hängen. Die Onlinekommunikation hingegen kann nicht mehr auf nationale Räume beschränkt betrachtet werden, eine Internetethik, etwa in Sachen Facebook, ist nicht mehr für einzelne Länder vorstellbar.
Sie bekommen es in der Studentenschaft mit einer Generation zu tun, die in Sachen Neue Medien von vorn herein anders gepolt ist als ältere Menschen. Wie kann man damit an einem Lehrstuhl umgehen?
Da mag mir mein noch relativ junges Alter entgegenkommen. Aber Sie haben schon Recht, wie die jungen Menschen heute aufwachsen, wie sie texten, mit Bildern umgehen und so weiter, da gibt es ganz neue Formen und damit auch neue Fragen. Man muss sich auf ihren Umgang mit Kommunikation einlassen, und Kenntnis davon nehmen, um Antworten auf die Heraus­forderungen der Gegenwart und Zukunft zu finden.
Welche Forschungsschwerpunkte streben Sie denn an?
Es wird zunächst um Grundlagenfragen gehen, also zum Beispiel um das Menschenbild, das manche Internetangebote präsentieren. Entsprechen die Kommunikationsmöglichkeiten, die uns dort angeboten werden, unseren Vorstellungen von zwischenmenschlichem Austausch, gibt es da im Hintergrund Dinge, die wir eigentlich gar nicht wollen, aber trotzdem in Kauf nehmen? Wollen wir, dass unsere Daten verkauft werden? Dann, wie oben gesagt, geht es darum, ob und wie Qualitätsjournalismus zu erhalten wäre, der auch für die Demokratie so wichtig ist. Und natürlich um die digitalen Möglichkeiten der neuen sozialen Bewegungen, die eine ganz andere Form politischer Aktivität schaffen.
Der frühere ZDF-Intendant Markus Schächter hat die neue Forschungseinrichtung mit initiiert. Wird er weiter aktiv beteiligt sein?
Er wird weiterhin dabei sein. Er hat schon im vergangenen Semester Vorlesungen im Bereich Ethik angeboten, zu denen er unter anderem Thomas Gottschalk und Thomas Bellut einlud, das ist sehr gut angenommen worden. Markus Schächter verfügt natürlich über zahllose Kontakte in der Medienwelt, und die stellt er uns zur Verfügung, weil er sehr davon überzeugt ist, dass die medienethische Frage heutzutage ungeheuer wichtig ist.