Medikamente Das Versteckspiel mit Tamiflu

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Der Streit um das Grippemittel geht weiter. Wissenschaftler werfen dem Pharmakonzern Roche vor, Daten hinter dem Berg zu halten. Der Druck, Studiendaten frei zu geben wird immer stärker.

Manche Mediziner haben Zweifel daran, dass Tamiflu bei Grippe hilft. Foto: dpa
Manche Mediziner haben Zweifel daran, dass Tamiflu bei Grippe hilft.Foto: dpa

Stuttgart - Zu Zeiten der Schweinegrippe konnte man sich glücklich schätzen, wenn man ein Rezept für das vermeintlich einzig wirksame Grippemittel Tamiflu ergattern konnte. Einige ganz Verwegene boten ihr Mittel bei Internet-Auktionen meistbietend an und konnten sich mit dem Erlös mindestens ein luxuriöses Abendessen finanzieren. Tamiflu wurde als eine Art Wundermittel gegen Grippe gehandelt und ist mittlerweile das meistverkaufte Medikament gegen Influenza weltweit.

Als 2009 die Schweinegrippe kursierte, orderten viele Länder für Hunderte von Millionen Euro Berge dieses Mittels, um sie für den Fall der Fälle nach einem Notfallplan an strategisch wichtigen Stellen verteilen zu können. Die angeschafften Vorräte verfallen jedoch spätestens 2013 und müssen dann entsorgt werden – was ebenfalls nicht ganz billig wird.

Doch bereits zu dieser Zeit gab es Zweifel an der Wirksamkeit der Substanz mit dem Wirkstoffnamen Oseltamivir. Seit Jahren kursierten, wie damals in dieser Zeitung berichtet, unter Experten Hinweise auf eine unzureichende Datenlage. Und noch immer kann Tamiflu nicht endgültig beurteilt werden, weil der Schweizer Pharmakonzern Roche sich nun schon seit Jahren weigert, die erforderlichen Daten offenzulegen. Eine Initiative des medizinischen Fachjournals „British Medical Journal“ (BMJ) erhöht nun den Druck auf Pharmakonzerne: Fiona Godlee, Chefredakteurin des BMJ, erklärte in einem Editorial, dass das Journal vom kommenden Jahr an nur noch Studien veröffentliche, in denen die Pharmakonzerne sämtliche Daten für unabhängige Wissenschaftler zugänglich machen. Dazu gehört auch, dass die relevanten anonymisierten klinischen Daten auf eine begründete Anfrage hin verfügbar gemacht werden. Diese Ankündigung des BMJ ist vor allem an Roche gerichtet. Auf einer übersichtlich gestalteten Internetseite des BMJ ist das Katz-und-Maus-Spiel des Konzerns mit Wissenschaftlern festgehalten.

Im Jahr 2009 forderte die Cochrane Collaboration im Rahmen einer allgemeinen Bewertung von Grippemitteln der Wirkstoffklasse der Neuraminidase-Hemmer bei Roche die dazu notwendigen Daten an. Die Cochrane Collaboration ist ein internationales Netzwerk von Ärzten und Wissenschaftlern, die medizinische Studien unter die Lupe nehmen. Die Cochrane-Analysen sind wissenschaftlich anerkannt als umfangreiche und detaillierte Studien zu Nutzen und Schaden diverser Therapien und Medikamente. Bei der Datensichtung von Tamiflu sollte es um die Ergebnisse gehen, die beweisen, dass das Grippemittel auch gegen Grippe wirkt. ­Die Einsicht in die Daten wird bis heute aus Gründen verwehrt, die zuweilen an Ausflüchte erinnern. Zum Beispiel wurde argumentiert, man benötige noch eine Datenschutzerklärung oder sei gerade selber mit der Auswertung der Studien beschäftigt. „Was hat Roche zu verbergen?“ fragt daher Fiona Godlee auf der BMJ-Website.

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