Berlin - Die Politik hat neue Helfer entdeckt, um sie für ihre Sparziele im Gesundheitswesen einzuspannen. Seitdem Gesundheitsminister Philipp Rösler öffentlich die Wissenschaft in Form der "studienbasierten Medizin" in die Pflicht genommen hat, um mit ihrer Hilfe die Preisherrschaft der Pharmakonzerne zu brechen, ist die Wissenschaft selbst zum Politikum geworden.
Ausgangspunkt der Argumentation des Jungministers und seiner Helfer ist die unbestreitbare Tatsache, dass - sobald die Hürde der Zulassung nach dem Nachweis der Wirksamkeit und Prüfung der Unbedenklichkeit übersprungen ist - die Pharmafirmen den Preis für neue, verschreibungspflichtige Medikamente festsetzen können. Diesen Betrag haben dann die Kassen zu bezahlen. Die Preishoheit der Pharmaindustrie erklärt wenigstens zu einem Teil die ständigen wachsenden Kosten für Medikamente.
Da die Zahl der Patienten in einer älter werdenden Gesellschaft wohl kaum zu reduzieren ist, sondern immer weiter steigt, erkennen Pharmakritiker wie der Heidelberger Pharmakologe Ulrich Schwabe erhebliche Sparmöglichkeiten bei jenen Medikamenten, die durch geringe Veränderungen als neu verkauft werden, obwohl sie oft nicht halten, was der Preis verspricht. Wie andere seiner Zunft rät er zum vermehrten Einsatz von Nachahmerpräparaten (Generika) mit gleicher Wirksubstanz.
Ein großer Forschungsaufwand hat seinen Preis
Aber auch Schwabe erkennt an, dass der erhebliche Forschungsaufwand der Konzerne für wirkliche neue Medikamente auch seinen Preis haben muss. Nur sei eben die Frage, ob diese Preise so hoch sein müssten, wie sie heute sind, und ob diese Mittel dann auch wirklich so viel wirksamer seien als andere. Und da kommt die Wissenschaft ins Spiel.
Spätestens mit der politischen Entscheidung, mit Hilfe von Festbeträgen für bestimmte Medikamentengruppen mit gleichen Wirkstoffen der Kostenflut Herr zu werden, hatte die Stunde der evidenzbasierten Medizin geschlagen. Dabei soll mit Hilfe von gesicherten wissenschaftlichen Studien über den Nutzen eines Medikamentes befunden werden. So richtig ins Patientenbewusstsein ist heute noch nicht gedrungen, dass letztendlich nicht der Arzt oder die Ärztin, sondern der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) zuvor darüber entscheidet, welche Medikamente und welche Hilfsmittel von der Kasse überhaupt bezahlt werden und zu welchem Preis.