Medizin Beschneiden für die Gesundheit?

Von Birgitta vom Lehn 

Im vergangenen Jahr haben sich die US-amerikanischen Kinderärzte für Beschneidungen ausgesprochen – gewissermaßen als medizinische Vorsorge. Nun kommt die Kritik von europäischen und kanadischen Kollegen.

Ein Zweijähriger wird in einer Privatklinik beschnitten. Foto: dpa
Ein Zweijähriger wird in einer Privatklinik beschnitten. Foto: dpa

Stuttgart - Eine Gruppe von 38 Ärzten und Forschern aus 16 europäischen Staaten sowie Kanada haben im Fachblatt „Pediatrics“ nun erstmals offiziell Gegenposition zum umstrittenen Pro-Beschneidungsartikel der amerikanischen Kinderärztevereinigung (AAP) vom vergangenen Sommer bezogen. In diesem Artikel hatte die AAP behauptet, eine Beschneidung von Säuglingen habe bedeutende gesundheitliche Vorteile. Diese reichten vom Schutz vor Harnwegsinfekten, HIV/Aids und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten bis hin zur Verhütung von Peniskrebs.

Der Artikel der US-Ärzteschaft hatte im Deutschen Bundestag später als wichtige Grundlage für die gesetzliche Neuregelung der Beschneidung gedient. Nach Ansicht des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) steht diese Neuregelung durch die jüngste Gegenveröffentlichung im selben renommierten Fachblatt nun aber nur noch auf „tönernen Füßen“. Denn die angeblichen Vorteile der Beschneidung seien fraglich und darüber hinaus ohne praktische Bedeutung für die westliche Welt. Ein Harnwegsinfekt trete nur bei einem von 100 Jungen auf und sei meist leicht antibiotisch zu behandeln. Bei einer Komplikationsrate von zwei Prozent würde ein solcher Infekt zum Preis zweier Komplikationen durch Beschneidungen verhindert. Zu den Komplikationen der Beschneidung zählen Nachblutungen und Infektionen bis hin zum tödlichen Ausgang.

Die Vorteile sind teuer erkauft, sagen Kinderärzte

Auch das Aids-Argument sticht nach Ansicht des BVKJ nicht: In den USA, wo bis zu 80 Prozent der Männer beschnitten sind, liege die Aidsrate viel höher als in Europa, wo fünf bis zehn Prozent beschnitten sind. Peniskrebs treffe nur einen von 100.000 älteren Männern und komme in den USA und Europa gleich häufig vor. „Dies belegt, dass eine Beschneidung keine wirksame Vorbeugemaßnahme dagegen sein kann“, sagt der Kinderärzteverband. Zudem wären selbst nach den AAP-Daten 300.000 Beschneidungen nötig, um einen Fall von Peniskrebs zu vermeiden.

Die Autoren des „Pediatrics“-Artikels betonen zudem, dass die Vorhaut kein bedeutungsloses Stück Haut sei, sondern eine wichtige Rolle bei der mechanischen Funktion des Penis in der Sexualität einnehme. Stattdessen könne eine Beschneidung langfristige Nachteile im urologischen, psychologischen und sexuellen Bereich haben. Die Medizinergruppe ist sogar der Ansicht, dass die Beschneidung aus medizinischer Vorsorge eine Verletzung der Kinderrechtscharta der Vereinten Nationen darstellt. Ärzte und Ärzteorganisationen sollten daher Eltern davon abbringen, ihre gesunden Söhne beschneiden zu lassen.

Die Stellungnahme der amerikanischen Ärzteschaft bleibe für die westlichen Kollegen unverständlich und könne nicht unterstützt werden, heißt es nun in großem Einvernehmen der europäischen und kanadischen Ärzteschaft. „Die Beschneidung von kleinen Jungen ohne medizinische Notwendigkeit steht im Gegensatz zu unseren ärztlichen Prinzipien“, sagt der BVKJ-Präsident Wolfram Hartmann, der zu den Autoren des „Pediatrics“-Artikels gehört. Er bedauert, dass der Text erst jetzt von der Zeitschrift veröffentlicht wurde, obwohl er der Redaktion seit Oktober vergangenen Jahres vorgelegen habe. „Wir haben bereits bei der Anhörung vor dem Rechtsausschuss des Deutschen Bundestages auf diese Stellungnahme hingewiesen, aber man wollte dies nicht hören und hat sich darüber hinweggesetzt“, beklagt er.

Ärzte empfehlen, dass Jungen selber entscheiden

Das britische Nachrichtenmagazin BBC hat bereits darüber spekuliert, warum die amerikanischen Ärzte so hartnäckig für die Beschneidung plädieren. Ein wichtiger Grund könnte auch das Geld spielen, heißt es. Denn Säuglingsbeschneidung ist in den USA ein Milliardengeschäft: eine Million Beschneidungen pro Jahr, alle 30 Sekunden eine Vorhautamputation. Der Trend ist allerdings auch dort rückläufig.

Die amerikanische Beschneidungspraktik geht auf den Gründer der dortigen Ärztevereinigung, Lewis Sayre, zurück, der vor 140 Jahren geglaubt hatte, viele physische und psychische Leiden hätten ihre Ursachen im Genitaltrakt und die Beschneidung sei ein probates Mittel, diese Probleme zu lösen. Gleichzeitig wollte man damit gegen Masturbation angehen und etwas für die Hygiene tun. Allerdings gibt es auch in den USA, vor allem in Kalifornien, seit Jahren eine starke Antibeschneidungsbewegung. Auf der Website „Jews Against Circumcision“ (deutsch: Juden gegen Beschneidung) heißt es: „Wir sind klug genug zu verstehen, dass die Penisverstümmelung bei kleinen Jungen keine akzeptable Praxis mehr in der heutigen Zeit ist.“ Die europäischen und kanadischen Kinderärzte fordern deshalb, mit einer Beschneidung wenigstens so lange zu warten, bis die Jungen alt genug sind, selber zu entscheiden.

Maximilian Stehr, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Kinderurologie der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie, berichtet über negative Folgen – sowohl für den Patienten als auch für dessen Sexualpartner. Der Sensibilitätsverlust des Mannes sei das eine, der von der Frau oft als schmerzhaft empfundene Geschlechtsverkehr aufgrund des Sekretverlusts beim beschnitten Mann das andere. Künstliche Gleitmittel würden häufiger benötigt, und Paare mit beschnittenen Männern praktizierten häufiger riskante Sexualpraktiken wie Analverkehr und Fellatio. Es handle sich nicht um einen „harmlosen oder folgenlosen“ Eingriff. Mit steigendem Alter komme es auch zu einer Verhornung der Eichel mit weiterem Sensibilitätsverlust.