Medizin Die HPV-Impfung wird nur wenig genutzt

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Weniger als die Hälfte der Mädchen ist gegen die Viren geschützt, die Gebärmutterhalskrebs auslösen können. Experten empfehlen die HPV-Impfung inzwischen für Mädchen ab neun Jahren. Sie können dann eine Spritze einsparen.

Um vor einer Infektion mit bestimmten Varianten der Humanen Papillomviren zu schützen, empfehlen Mediziner eine Impfung in den Oberarm. Foto: Techniker Krankenkasse
Um vor einer Infektion mit bestimmten Varianten der Humanen Papillomviren zu schützen, empfehlen Mediziner eine Impfung in den Oberarm.Foto: Techniker Krankenkasse

Stuttgart - Die Viren werden beim Geschlechtsverkehr übertragen und können Krebs auslösen: Humane Papillomviren (HPV) können zwar – wie alle Krankheitserreger – vom Immunsystem bekämpft werden. Dann verläuft eine Infektion unbemerkt. Sie können sich aber auch in den Zellen des Körpers einnisten. Damit erhöht sich das Risiko, dass sich Krebszellen bilden: Bestimmte Typen der HP-Viren gelten als Hauptursache für Gebärmutterhalskrebs. Für den Nachweis bekam der Heidelberger Krebsforscher Harald zur Hausen den Nobelpreis für Medizin.

Von den HP-Viren gibt es etwa 100 Varianten. Gegen zwei besonders aggressive Typen, HPV16 und HPV18, wurden zwei Impfstoffe entwickelt. Seit dem Jahr 2007 empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren die Impfung. Doch die Empfehlung wird in Deutschland nicht gut angenommen: Das Robert-Koch-Institut (RKI) und die Kassenärztlichen Vereinigungen haben die Impfquoten analysiert und nun im Versorgungsatlas veröffentlicht, einem Publikationsorgan für medizinische Studien. Die Forscher haben dabei die Daten von 1,13 Millionen Mädchen aus dem Jahr 2013 ausgewertet. „In der Gruppe der 12-jährigen Mädchen hatten bundesweit weniger als ein Prozent die drei erforderlichen Immunisierungen erhalten“, ist im Bericht zu lesen. „Bei den 17-jährigen Frauen hatten 40 Prozent die komplette Impfung erhalten.“

Baden-Württemberg ist Schlusslicht

Bei der Impfrate gibt es in Deutschland regional große Unterschiede. So hat sich gezeigt, dass zwischen den alten und neuen Bundesländern und in einzelnen Landkreisen die Raten weit auseinanderliegen. Im Ländervergleich sind bei den 12-jährigen Mädchen Baden-Württemberg und Bremen die Schlusslichter. Hier sind nur 0,3 Prozent vollständig geimpft. Am höchsten war die Quote in dieser Altersgruppe mit 2,2 Prozent in Sachsen-Anhalt.

Bei den 17-Jährigen ist die Quote in Bremen mit 30 Prozent am geringsten, in Mecklenburg-Vorpommern sind hingegen 59 von 100 Jugendlichen gegen eine HPV-Infektion geschützt. Auch in einzelnen Städten gab es nach Angaben im Versorgungsatlas erhebliche Unterschiede: Im bayerischen Kaufbeuren fanden die Forscher kein einziges 12-jähriges Mädchen, das geimpft worden war. In Brandenburg an der Havel waren es dagegen fast 22 Prozent. Mit 17 Jahren waren im Kyffhäuserkreis in Thüringen 70 Prozent der Jugendlichen vollständig geimpft, während sich im bayerischen Landkreis Mühlendorf nur 13 Prozent der 17-Jährigen für die Impfung entschieden hatten. Abschließend erklären die Wissenschaftler, dass in Deutschland auch sechs Jahre nach der Empfehlung durch die Stiko die bundesweite Impfquote „noch immer unter 50 Prozent liegt“.

Möglicherweise könnte ein neues Impfschema die Impfquote erhöhen, glauben die Experten. 2014 hat die Stiko das empfohlene Alter für die HPV-Impfung herabgesetzt. Nun sollen Mädchen von 9 bis 14 Jahren geimpft werden. Dafür spricht, dass das Immunsystem von jüngeren Mädchen besser auf die Impfung reagiert als das der älteren Mädchen. Daher benötigen die Jüngeren nur zwei Dosen des Vakzins, während die älteren Mädchen dreimal gepikst werden müssen – nach einem oder zwei Monaten und nach sechs Monaten (genauere Informationen finden Sie hier). Zudem könnte den Jüngeren noch während der Vorsorgeuntersuchungen (U11 und J1) zur Impfung geraten werden. In jedem Fall muss die Impfung vor dem ersten Geschlechtsverkehr erfolgen. Sobald das Immunsystem Kontakt mit den Viren hatte, nimmt die Wirksamkeit des Vakzins rapide ab. Da es noch keine Langzeitstudien gibt, ist bislang offen, ob die Impfung nach Jahren noch einmal aufgefrischt werden muss.

Die Impfung schützt nicht vollständig

Die Impfungen wirken gegen die beiden Virenvarianten, die 70 Prozent der Fälle von Gebärmutterhalskrebs auslösen. Einen sicheren Schutz gegen Krebs gibt es daher nicht. So ist beispielsweise auf der Internetseite der Barmer GEK zu lesen: „Gegen diese sexuell übertragbaren Viren gibt es mittlerweile eine Impfung. Sie wirkt gegen die häufigsten krebsauslösenden HP-Viren, bietet aber keinen völlig sicheren Schutz gegen Krebs.“ Und der Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg informiert: „Ob eine HPV-Impfung vor Krebs schützt, ist noch nicht bewiesen. Zwischen Infektion und Entwicklung eines bösartigen Tumors können bis zu 15 Jahre vergehen.“ Allerdings, so wird hinzugefügt, träten durch die Impfung weniger Krebsvorstufen am Gebärmutterhals auf. Da diese der Krebsentstehung vorausgingen, hielten Fachleute eine Senkung der Krebsrate auf lange Sicht für wahrscheinlich.

Möglicherweise verunsichern derartige Feststellungen Mütter und Töchter. Hinzu kommen diverse Meldungen über scheinbar schwerwiegende Nebenwirkungen. Sogar Todesfälle wurden mit den Impfstoffen in Verbindung gebracht. Bisher konnte ein direkter Zusammenhang allerdings nicht bewiesen werden. Immer wieder werden diverse Nebenwirkungen diskutiert – von Allergien über Herz-Kreislauf-Probleme bis zu chronischen Schmerzen. Erst im November entlastete die Europäische Arzneimittelbehörde (Ema) den Impfstoff vom Verdacht, zwei schwere Krankheiten zu verursachen. Die Vakzine waren mit den schweren, aber sehr seltenen Erkrankungen POTS und CRP-Syndrom in Verbindung gebracht worden. POTS ist eine Erkrankung, die mit Herzrasen, Schwindel und Übelkeit einhergeht, das CRP-Syndrom führt zu Bewegungsstörungen und chronischen Schmerzen. Nach dem Auftreten des Syndroms wurde in Japan 2013 die Impfempfehlung vorübergehend aufgehoben. Nach mehrfacher Prüfung gab die Ema Entwarnung: Es bestehe kein Zusammenhang zwischen der Impfung und den Erkrankungen. Vielmehr muss bei der Impfung mit grippeähnlichen Symptomen und Schmerzen am Einstich gerechnet werden.

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