Medizin Hodenkrebs betrifft vor allem junge Männer

Von Gerlinde Felix 

Hodenkrebs ist die Krankheit des jungen Mannes. Doch zu wenige Männer zwischen 20 und 40 Jahren betreiben Vorsorge. Dabei gelte: je früher der Krebs diagnostiziert wird, desto besser sind die Heilungschancen, sagt der Tübinger Urologe Arnulf Stenzl.

Bei etwa 4000 jungen Männern wird jedes Jahr in Deutschland Hodenkrebs diagnostiziert. Foto: dpa
Bei etwa 4000 jungen Männern wird jedes Jahr in Deutschland Hodenkrebs diagnostiziert.Foto: dpa

Stuttgart - Während Prostatakrebs vor allem Männer ab 50 Jahren betrifft, ist  Hodenkrebs eine bösartige Krebserkrankung jüngerer Männer zwischen 20 und 40 Jahren. In der Altersgruppe zwischen 20 und 25 Jahren ist Hodenkrebs sogar der häufigste Krebs des Mannes. Jährlich erkranken etwa 4000 junge Männer daran. „Je früher der Krebs erkannt wird, desto besser ist die Prognose“, sagt Arnulf Stenzl, Direktor der Universitätsklinik für Urologie in Tübingen. Fünf Jahre nach der Diagnose würden mehr als 90 Prozent der Patienten leben. „Allerdings sind Aufwand und Nebenwirkungen umso größer, je fortgeschrittener die Krebserkrankung bereits ist.“

Bei der Früherkennung hapert es jedoch, denn in der Zeit zwischen der gesetzlichen Vorsorgeuntersuchung für 12- bis 14-Jährige, kurz J1, und dem 35. Lebensjahr gibt es praktisch keine Vorsorge. Es gibt zwar noch eine J2 für 16- bis 17-Jährige, die aber nicht von jeder Krankenkasse bezahlt wird. Junge Männer sind heute eher für das Thema sensibilisiert, aber trotzdem sind noch zu viele ahnungslos. Dabei wäre es wichtig, dass Männer einmal im Monat ihre Hoden selbst abtasten (siehe 2. Seite). Eine Früherkennung ist sonst nur mit einem Hoden-Ultraschall möglich.

Hodenkrebs ist eine bösartige Erkrankung, die rasch Tochtergeschwülste in den Lymphdrüsen des hinteren Bauchraums und in der Lunge verursacht. Diese Metastasen können unter Umständen Nieren- und Rückenschmerzen hervorrufen. Die Ursachen für Hodenkrebs sind noch nicht geklärt. Es gibt aber einige Faktoren, die das Risiko für Hodenkrebs erhöhen. Allen voran der Hodenhochstand, der das Risiko für Hodenkrebs um den Faktor 15 bis 30 erhöht. Er tritt bei ein bis drei Prozent der männlichen Neugeborenen auf; bei den Frühgeborenen sind es bis zu 30 Prozent. In diesen Fällen senken sich die Hoden bis zur Geburt nicht in den Hodensack ab, sondern verbleiben im Leistenkanal oder in der Bauchhöhle. Infolge der beengten Verhältnisse und einer zu hohen Umgebungstemperatur können sich die Hoden dann nicht normal entwickeln.

Muskelaufbauende Supplemente erhöhen das Risiko

Nur in sieben Prozent dieser Fälle nimmt der Hoden im ersten Lebensjahr ohne Therapie von selbst seine normale Lage im Hodensack ein. Falls nicht, ist eine hormonelle Behandlung oder eine Operation nötig. Trotz einer Korrektur ist das Risiko für späteren Hodenkrebs noch erhöht. „Aber die Hoden können nun zumindest im Hodensack abgetastet werden“, sagt Stenzl.

Eine im Fachmagazin „British Journal of Cancer“ veröffentlichte Studie aus den USA liefert Hinweise darauf, dass auch muskelaufbauende Supplemente wie Kreatin und Androstendion das Risiko erhöhen. Für die Studie befragten die Wissenschaftler 356 Männer mit Hodenkrebs und 513 ohne. Es zeigte sich, dass Männer, die muskelaufbauende Supplemente einnehmen, ein um 65 Prozent höheres Hodenkrebsrisiko haben. Das Risiko erhöhte sich weiter bei jenen Männern, die bereits vor dem 25. Lebensjahr diese Supplemente einnahmen, die mehrere Supplemente verwendeten oder sie jahrelang einnahmen.

Welche Wirkung die Supplemente genau haben, müssen weitere Studien klären. „Vermutlich sind im Hinblick auf Hodenkrebs weniger die Wirkstoffe Kreatin und Androstendion das Problem, sondern vielmehr herstellungsbedingte giftige oder nicht deklarierte Zusatzstoffe. Leider sind nicht alle Supplemente qualitativ hochwertig“, gibt Stenzl zu bedenken.

Hodenkrebs beginnt schmerzlos. Wer eine Veränderung am Inhalt seines Hodensackes bemerkt, sollte daher bald zum Urologen gehen. Er wird die Hoden abtasten und eine allgemeine körperliche Untersuchung durchführen. Anschließend wird er sich die Hoden mit einem Ultraschallkopf anschauen, was keine Schmerzen verursacht, und das Blut auf Tumormarker untersuchen. „Allerdings treten Blutveränderungen nur bei 40 bis 50 Prozent aller Hodentumore auf. Deshalb eignen sie sich mehr zur Verlaufskontrolle“, sagt Stenzl.

Der Urologe fordert Aufklärung schon in der Schule

Ein vom Krebs betroffener Hoden wird zumeist komplett entfernt, das Tumorgewebe wird dann untersucht. Wurde der Krebs in der Frühphase entdeckt, reicht die Entfernung des betroffenen Hodens mit nachfolgenden Kontrolluntersuchungen. Haben sich die Tumorzellen bereits über die Lymphbahnen in Lymphknoten im Bauchraum ausgebreitet, sind eine Chemotherapie und eventuell eine Bestrahlung nötig. „Der Schwerpunkt liegt aber bei der Chemotherapie“, sagt Stenzl. Ist die Erkrankung bereits weit fortgeschritten, sind eine Hochdosis-Chemotherapie und unter Umständen eine Knochenmarktransplantation nötig. Nebenwirkungen bleiben nicht aus. „Die Chemotherapie kann zu einer fast vollständigen Sterilität führen, da die Medikamente die Hodenzellen massiv angreifen und die Spermienproduktion stören“, sagt Stenzl. Deshalb wird den Patienten empfohlen, Spermien einfrieren zu lassen, falls sie später noch ein Kind haben wollen. Allerdings muss der Patient selbst für die Kosten aufkommen. Die Erstgebühr beträgt etwa 360 Euro, die Untersuchung, Aufbereitung und das Eingefrieren kosten weitere 447 Euro. Etwa 375 Euro fallen als jährliche Gebühr für die Lagerung an.

„Die Bestrahlung beeinträchtigt die Testosteronproduktion, weil sie insbesondere die hormonproduzierenden Zellen in den Hoden schädigt“, sagt Stenzl. Und er fügt hinzu: „Beim operativen Eingriff muss man aufpassen, dass sympathische Nervenfasern, die für den Samenausstoß wichtig sind, nicht durchtrennt werden.“ Auch nach Jahren können Folgen einer Chemotherapie auftreten: „Etwa 30 bis 40 Jahre nach einer Chemotherapie besteht ein erhöhtes Risiko unter anderem für Herzprobleme und diverse Krebserkrankungen.“ Aus seiner Sicht unterstreicht das die Bedeutung der Früherkennung. Der Einsatz: fünf Minuten im Monat auf die Selbstabtastung der Hoden verwenden. „Dafür ist es nötig, dass junge Männer Bescheid wissen, am besten schon während der Schulzeit über Hodenkrebs informiert werden.“

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