Medizin Keine Krebstherapie von der Stange

Von wa 

Pharmakologen können anhand von Gentests vorhersagen, ob bestimmte Arzneimittel im Einzelfall wirken. Am Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart wird dieses Wissen nun in einer Studie genutzt, um die Behandlung von Brustkrebspatientinnen zu verbessern.

Mit rund 70 000 Neuerkrankungen im Jahr ist Brustkrebs die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Foto: dpa
Mit rund 70 000 Neuerkrankungen im Jahr ist Brustkrebs die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Foto: dpa

Stuttgart - Ohne Befund – das sind die zwei Worte, die jede Brustkrebspatientin am Ende ihrer Therapie im Untersuchungsbericht lesen möchte. Doch die Erleichterung, die die Frauen dann verspüren, hält nicht unbedingt für immer. Rezidiv nennen Ärzte es, wenn ein erfolgreich behandelter Krebs Jahre später wieder auftaucht. Und das ist gar nicht so selten, sagt Matthias Schwab, Leiter des Stuttgarter Dr.-Margarete-Fischer-Bosch-Instituts für Klinische Pharmakologie (IKP), das am Robert-Bosch-Krankenhaus angesiedelt ist. Etwa bei einem Drittel aller Brustkrebspatientinnen, die mit einer antihormonellen Therapie behandelt werden, wird ein Rezidiv festgestellt. „Hier muss unsere Kernfrage lauten: Wie kann das verhindert werden?“, sagt Schwab.

Tatsächlich hofft das Team des IKP, diese Frage bald beantworten zu können – zumindest für einen Teil der Betroffenen.„Wir wollen die antihormonelle Therapie bei Brustkrebs optimieren“, erläutert Hiltrud Brauch, die Leiterin der Brustkrebsforschung am IKP. Und zwar mithilfe der Präzisionsmedizin – so nennen es Mediziner, wenn Patienten eine passende Behandlung mit Krebsmedikamenten angeboten wird.

Patienten kennen diesen Forschungsbereich meist als personalisierte oder individualisierte Krebsmedizin. Dieser setzt auf die Erkenntnis, dass Krebs eben nicht nur Krebs ist: So wird zwar allgemein von Brustkrebs gesprochen. Doch gerade bei dieser Tumorerkrankung gibt es verschiedene Gruppen mit bestimmten genetischen Veränderungen, die bei jeder Patientin anders ausfallen . Daher schlagen die Medikamente nicht bei allen Brustkrebskranken gleich gut an. So auch der Wirkstoff Tamoxifen, der seit mehr als 40 Jahren als antiöstrogene Therapie im klinischen Einsatz ist.

Krebszellen brauchen Östrogen

Normalerweise benötigen Brustkrebszellen das weibliche Geschlechtshormon Östrogen, um wachsen zu können. Hier ist der Ansatz für das Tamoxifen. Für die Wirkung des Medikaments ist sein Abbauprodukt namens Endoxifen verantwortlich: Es besetzt die Östrogenrezeptoren des Tumors und blockiert somit die wachstumsfördernde Wirkung des Geschlechtshormons. Das Wiederauftreten von Brustkrebs wird so verhindert.

Bei manchen Frauen greift diese Wirkung nicht. Ihr Körper kann Tamoxifen nicht zum Wirkstoff Endoxifen umbauen. „Ihnen fehlt dazu ein bestimmtes Enzym. Oder aber sie können es nur unzureichend bilden“, sagt Brauch. Schon eine frühere Studie des IKP Stuttgarts hat gezeigt, dass ein nachteiliger Genotyp eine Rückfallquote von bis zu 40 Prozent zur Folge hat. Frauen, die den Gendefekt nicht haben, entwickeln dagegen nur zu rund zehn Prozent ein Rezidiv.

Die IKP-Forscher wollen nun Brustkrebspatientinnen schon vor der Therapie darauf testen, ob sie in der Lage sind, Tamoxifen so zu verstoffwechseln. Nur dann haben sie am Ende einen Wirkstoffspiegel, der ausreicht, um den Krebs wirkungsvoll zu bekämpfen. Ist das nicht der Fall, so sollen die Betroffenen zusätzlich die fehlende Menge an Endoxifen verabreicht bekommen. „Computer-basierte Modellrechnungen haben gezeigt, dass dies möglich ist und dass sich die dafür erforderlichen Dosen an Endoxifen berechnen lassen“, sagt Schwab.

Studie mit 600 Patientinnen

Noch darf dieser Ansatz erst in einer Studie mit rund 600 Brustkrebspatientinnen erprobt werden. Diese wird unter anderem vom Bundesforschungsministerium gefördert und soll im kommenden Frühjahr starten. Das IKP arbeitet dabei mit den Universitätskliniken Heidelberg und Tübingen zusammen, sowie mit verschiedenen industriellen Partnern. Schon ein Jahr später, Anfang 2019, sollen die ersten Ergebnisse vorliegen, sagt Matthias Schwab. Erfüllt die Studie die Erwartungen des Forscherteams des IKP Stuttgart, könnte das verbesserte Konzept in drei bis fünf Jahren auch im Klinikalltag angewendet werden, so seine Hoffnung.

Tamoxifen ist nicht das einzige Medikament gegen Krebs, das vor dem Einsatz einen genauen Blick der Ärzte auf das Erbgut der Patienten erfordert: Auch vor der Behandlung von Brustkrebs mit dem Antikörper Herceptin gibt es einen Gentest, der zeigt, ob die Frauen die genetische Voraussetzung besitzen, damit das Medikament wirkt.

Ein Fehlerkatalog für jede Krebsart

Noch machen personalisierte Therapien nur etwa 20 Prozent aller Krebsbehandlungen aus – meist in Kombination mit den Standardtherapien Operation, Chemo- und Strahlentherapie. Doch schon sind Forscher dabei, alle Gene zu entschlüsseln, die an der Entstehung einzelner Krebsarten beteiligt sind. Daraus soll dann eine Art Fehlerkatalog für jede Krebsart erstellt werden.

Für die Forscher vom IKP sind solche Therapien daher die Zukunft der Krebsmedizin – auch wenn die individuell angepassten Medikamente in vielen Fällen erst einmal teurer werden. Aber man müsse auch den Vergleich sehen, sagt Matthias Schwab: „Wenn man Patienten über Jahre hinweg mit einem Medikament behandelt, das seine Wirkung wegen eines genetischen Defekts nicht voll entwickelt, kann der Tumor nach einiger Zeit zurückkehren und hohe Folgekosten für das Gesundheitssystem verursachen.“