Medizin Was tun mit Schreibabys?

Von Birgitta vom Lehn 

Säuglinge mit anhaltenden Anpassungsproblemen und ihre Eltern benötigen dringend mehr Hilfen. Das ergab eine Studie, die den derzeitigen weltweiten Stand des Wissens über Schreibabys zusammenfasst.

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Stuttgart - Die Wiege steht parat, die Vorhänge sind genäht, die Spieluhr mit der Einschlafmelodie wartet auf ihren Einsatz. Und dann das: statt den Eltern im Babystress das liebevoll eingerichtete Nest mit ausgiebigem Schlaf zu danken, schreit das kleine Wesen praktisch pausenlos und immer wieder. Frust statt Freude kehrt in den Alltag mit dem Neugeborenen ein, aus dem niedlichen Wonneproppen wird eine Nervensäge, die das Familienleben ernsthaft auf die Probe stellt. Schlimmstenfalls gefährdet „exzessives Schreien im Säuglingsalter“, wie Fachleute es nennen, das Wohl des Kindes: „Schätzungsweise 100 bis 200 Kinder pro Jahr sterben durch ein Schütteltrauma“, berichtet der Münchner Medizinsoziologe Dieter Korczak.

Auch deshalb widmen Forscher dem Thema immer wieder Aufmerksamkeit, selbst wenn in den allermeisten Fällen das Schreien irgendwann von selbst aufhört. Zum einen suchen die Experten nach Ursachen im Magen-Darm-Trakt – Stichwort Koliken – , zum anderen machen sie „Regulationsstörungen“ im Bereich der Eltern-Kind-Beziehung verantwortlich. So leiten sich auch die unterschiedlichen Behandlungsempfehlungen ab, die von Akupunktur über Heilkräuter und Chiropraktik bis zu Psychotherapie reichen.

Überblick über Studien zu Schreibabys

Das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information (Dimdi) in Köln hat nun erstmals einen Überblick veröffentlicht, wie wirksam und effizient die einzelnen Maßnahmen tatsächlich sind. Dafür überprüften Korczak und sein Team insgesamt 22 wissenschaftliche Studien – allein zehn stammten aus dem ­angloamerikanischen Raum, nur eine aus Deutschland. Obwohl fast alle Mängel aufwiesen und ihre Ergebnisse deshalb nur mit Vorsicht zu genießen sind, wagen die Autoren ein paar Empfehlungen. So wirken bei Dreimonatskoliken – höchstens jedes zehnte Schreikind leidet darunter – „gezielte orale Interventionen mit Fenchel(samen), hydrolisierter Kost oder minimaler Akupunktur“. Doch bevor man von Muttermilch auf Fläschchenkost umstellt, sollten pflanzliche Tinkturen ausprobiert werden.

Jedoch sei auch nicht auszuschließen, räumen die Autoren ein, dass der sogenannte Hawthorne-Effekt für die positive Wirkung der oralen Maßnahmen verantwortlich sei: Die Eltern könnten allein aufgrund der ihnen zuteilgewordenen Aufmerksamkeit als Studienteilnehmer gelassener und entspannter geworden sein, was sich positiv auf die Eltern-Kind-Beziehung ausgewirkt habe. So empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie nur in wirklich schweren Fällen wie Durchfällen oder Blutarmut sowie bei genetischer Veranlagung, eine Allergiediagnostik zu machen. Dass echte Koliken nur selten für das Schreien verantwortlich sind, lässt sich auch daran ablesen, dass die betroffenen Säuglinge ihre Schmerzmimik bevorzugt vor und nicht nach den Mahlzeiten zeigen. Der Großteil der Schreibabys ist deshalb nicht physisch zu kurieren. Stattdessen reduzieren verhaltenstherapeutische Maßnahmen das exzessive Schreien meist effektiv, betonen die Autoren.

Helfen Schreiambulanzen?

Ob sogenannte Schreiambulanzen helfen, weiß man allerdings nicht, dazu fehlen Daten. Das Gleiche gilt für Angaben zu Kosten und Nutzen solcher Behandlungen. Ein englischer Bericht bezieht sich nur auf das dortige Gesundheitssystem, ist aber nicht auf deutsche Verhältnisse übertragbar. „Festzuhalten“ bleibe, so das Fazit der Autoren, dass die Versorgung und der Zugang zur Versorgung von Schreikindern und ihren Eltern in Deutschland „nicht entsprechend dem geschätzten Bedarf gewährleistet“ seien.

Als wirkungsvoll erweisen sich Behandlungen zudem immer nur dann, wenn eine persönliche Beratung oder Unterstützung erfolgt. „Anonyme Aufklärungskampagnen verpuffen, das kennen wir auch aus anderen Bereichen wie Alkohol bei Jugendlichen“, sagt Dieter Korczak. Eltern sollten stattdessen „niedrigschwellige“ Angebote zu Entwicklungsberatung, Beruhigungstechniken, Strukturierung des Tagesablaufs und Reizreduzierung erhalten. Während „bildungsaffine“ Eltern den Weg in die Schreiambulanzen meist von alleine finden, sei dies bei sozial benachteiligten und „bildungsungewohnten“ Eltern kaum der Fall. Korczak findet es deshalb sehr schade, dass sich das „Bremer Modell“ der Familienhebamme, die sich vor und nach der Geburt intensiv um die Familie kümmerte, nicht durchsetzen konnte.

„Die Familienhebamme wiederbeleben“

Neben Korczaks Rat, die Familienhebamme wiederzubeleben, empfehlen die Autoren, künftig auch zu prüfen, inwieweit „ursprüngliche Basismodelle der Betreuung“ das exzessive Schreien reduzieren können. Dazu zählt häufiger Körperkontakt am Tag und in der Nacht, häufigeres Stillen und späteres Abstillen. „Es gibt Hinweise auf ethnologische Unterschiede, die bislang aber wissenschaftlich nicht fundiert sind“, so Korczak.

Vor „schnellen Ratschlägen“ an betroffene Eltern warnt indes Jutta Kunde-Trommer, psychologische Psychotherapeutin am Kinderzentrum Maulbronn. Entgegen der Dimdi-Studie handle es sich bei Schreikindern, die in die Maulbronner Ambulanz kommen, „sehr häufig“ um Erstgeborene. Auch Frühgeborene seien überdurchschnittlich oft betroffen. Bei den Eltern dominieren ihrer Erfahrung nach sehr junge Eltern und Alleinerziehende. „Migrantenkinder trifft es eher selten. Da sorgt vermutlich die Großfamilie noch für genügend Entlastung.“

Unrealistische Erwartungen

Das Hauptproblem vieler Eltern sei heute, isoliert zu leben und alles perfekt machen zu wollen. „Die Großeltern sind häufig noch berufstätig, und oft fehlt das soziale Netz in der Stadt, vor allem, wenn man gerade zugezogen ist.“ Viele hätten ­zudem unrealistische Erwartungen. Je schneller Eltern wieder in den Beruf müssten, desto höher sei der Druck, dass das Kind durchschlafe. „Ein Kind schläft aber nicht so schnell durch, auch wenn das immer wieder anders propagiert wird.“

Die Ärztin bemängelt, dass Sondersituationen wie Früh- oder Mehrlingsgeburten vom Gesetzgeber nicht anders behandelt würden als Einkindgeburten. „Eigentlich müsste es das Elterngeld bei Zwillingen doch doppelt geben, genau wie den Anspruch auf Elternzeit.“ Stattdessen werde die „anstrengende Sondersituation nicht berücksichtigt“. Dabei bräuchten gerade solche Kinder eine andere Betreuung, in der Krippe seien die meisten überfordert.

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2 KommentareKommentar schreiben

Schreibaby: Teilweise wird das exzessive Schreien von Babys auch auf die für Neugeborene ungewohnte Umgebung außerhalb des Mutterleibs zurückgeführt. Bei vielen Kindern helfen daher Einschlafhilfen mit sogenannten Mutterleibsgeräuschen. Einen spannenden Artikel hierzu gibt es auf: http://www.schlaf-baby.de/blog/schreibaby-was-tun-wenn-das-kind-standig-schreit/

Aüssere Einflüsse ausschliessen: Mein subjektiver Eindruck ist, es gibt heute mehr Schreibabies als früher, aber das mag einen ganz banalen Grund haben: im Gegensatz zu früher wird den jungen Müttern heute geraten, die Babies zum Schlafen auf den Rücken zu legen. Das mag gute Gründe haben, hat aber auch Nachteile. Häufig zucken die Babies im Schlaf mit den Armen, erschrecken davon, wachen auf und weinen. Dieses Armzucken kann entweder durch Bauchlage oder durch einen sogenannten Pucksack, bei dem die Arme dicht am Körper mit eingepackt werden, verhindert werden. Wenn also Babies nur schreien, wenn sie in ihren Bettchen liegen, könnte das die Ursache sein. Ein Versuch ist es allemal wert, zumal bereits Babies Vorlieben haben und ein großer Teil davon sind sogenannte Bauchschläfer, zumal die Bauchlage mehr dem Kontakt mit der Mutter gleicht als die Rückenlage. Bei meiner Enkeltochter war nach rund 10 leidvollen Wochen, in denen sie nur auf dem Bauch ihrer Mutter schlief oder getragen wurde, der Pucksack die Erlösung über Nacht. Seit sie sich selbst drehen konnte, wurde sie zum 100%igen Bauchschläfer.

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