Medizin Wo es in Krankenhäusern hakt

Von Wolfgang Borgmann 

Drei Stuttgarter Oberärzte beschreiben im StZ-Gespräch den Zustand des Gesundheitssystems: Ärzte und Pfleger müssten innehalten, fordern sie, um den Trend zu immer mehr Technik und ökonomischem Denken zu korrigieren.

Die Oberärzte Udo Suss, Michael Martin und Manfred Fromme (von links) im Stuttgarter Klinikum, das gerade modernisiert wird Foto: Gottfried Stoppel
Die Oberärzte Udo Suss, Michael Martin und Manfred Fromme (von links) im Stuttgarter Klinikum, das gerade modernisiert wirdFoto: Gottfried Stoppel

Stuttgart - Oberärzte sind zentrale Schaltstellen im Medizinbetrieb. Sie sind am Ende einer langen Karriere frei genug, Klartext zu reden: was sie an der heutigen Medizin gut und was sie nicht so gut finden. Ihr Wort müsste Gewicht haben, denn sie haben im strapaziösen Klinikalltag genug praktische Erfahrungen gesammelt, die ihnen ein fundiertes Urteil erlauben. Drei von ihnen haben wir zu einem Gespräch eingeladen. Sie alle kennen sich von ihrer langjährigen Krankenhausarbeit in Stuttgart her, kennen Stärken und Schwächen: der Nierenspezialist Manfred Fromme, der Chirurg Michael Martin und der HNO-Spezialist Udo Schuss (siehe persönliche Statements auf den folgenden Seiten).

Dabei wirken die Ärzte, die alle mindesten 20 bis 30 Krankenhausjahre auf dem Buckel haben, auch am Ende ihrer Dienstzeit keineswegs ausgebrannt, sehen aber entspannter und distanzierter auf den heutigen Medizinalltag. Sie stellen das System nicht infrage, attestieren ihm ein gutes Niveau, weisen aber auch auf Schwachstellen hin. Dass heute Manager weitaus mehr Einfluss nehmen als früher und damit auch die einstige Allmacht von Chefärzten beschnitten worden ist, halten sie so lange für vertretbar, wie die Ökonomen nicht zu mächtig werden. Denn die Chefärzte und ihre Vertreter bleiben letztendlich medizinisch verantwortlich, auch und gerade für das Wohl der Patienten.

Der leitende Oberarzt und Marburger-Bund-Veteran Udo Schuss hat während seiner langen Zeit am Stuttgarter Katharinenhospital, dem heutigen Klinikum, nicht vergessen, wie der Blick aus Patientensicht aussieht. „Sie sind in der Regel voller Angst und Befürchtungen, zumal dann, wenn es zum ersten Mal um Eingriffe in ihren Körper geht.“ Umso wichtiger sei es, auf den Patienten zuzugehen und ihr oder ihm im Gespräch wenigstens einen Teil der Sorgen zu nehmen. Es komme eben vor allem auf die menschliche Qualität von Ärzten und pflegendem Personal an, wenn es um den Ruf von Krankenhäusern gehe, nicht nur auf Fallpauschalen und Bettenzahl.

Der Faktor Zeit ist in Kliniken ein knappes Gut

In der Gesprächsrunde wird zu bedenken gegeben, dass es unter dem Druck von Ökonomisierung und Arbeitsverdichtung schwieriger geworden sei, diesem Anspruch gerecht zu werden. Der Faktor Zeit ist das knappste Gut im ­Medizinbetrieb. Darunter leiden vor allem Kassenpatienten, die nicht darauf bestehen können, dass der Chefarzt oder sein leitender Oberarzt für sie von Anfang bis zum Ende der Behandlung ansprechbar sind. Aber das sei, neben früherem Chefarzttermin und „Komfortzimmer“, auch der wichtigste Vorteil für Privatpatienten. Im Kerngebiet der medizinischen Betreuung gebe es keinen Unterschied.

Anspruch und Wirklichkeit – das ist auch im modernen Krankenhaus oft genug nicht zur Deckung zu bringen. Die Ärzterunde wird im Gespräch mit einer Erfahrung von Angehörigen konfrontiert, die erleben mussten, wie drei schwer kranke Kassenpatienten in einem Dreibettzimmer sich gegenseitig in ihrem Kampf um Besserung behinderten: einer verwirrt und inkontinent, der zweite nach einem schweren Eingriff extrem ruhebedürftig und der dritte Patient in einer kritischen Situation nach einer Transplantation. Die Schwestern überfordert, die Ärzte überstrapaziert und die Patienten ohne eine wirkliche Chance, Ruhe zu finden. Nur ein Einzelfall?

Betroffen hören die Ärzte zu. Sie wissen aus eigener Erfahrung, dass mit einer alternden Bevölkerung diese Probleme zunehmen. Mit dem rasanten medizinischen Fortschritt, der heute auch bei älteren Patienten komplizierte Eingriffe erlaubt, steigt das Risiko von Komplikationen. Dass man die Folgen dieser Entwicklung nicht frühzeitig und ausreichend genug bedacht, den Bedarf an medizinischem und pflegerischem Personal unterschätzt habe, das sei das zentrale Problem.

Ökonomischer Druck und realitätsfremde Zwänge

Mit der Einführung eines einheitlichen, diagnoseabhängigen Vergütungssystems (DRG) und den damit verbundenen Fallpauschalen sollte versucht werden, die Kostenentwicklung zu bremsen. Damit sei, so die Ärzte, eine problematische Weichenstellung verbunden gewesen: Jeder Patient dürfe nur wegen seines Einweisungsgrundes, der ihn einer bestimmten Fallpauschale zuordnet, behandelt werden. Zusätzliche Probleme könnten nur begrenzt mitbehandelt werden, da sie nicht separat abgerechnet werden können. Es sei durchaus nicht unüblich, Patienten, wenn dies medizinisch vertretbar sei, zunächst zu entlassen, um sie dann für das nächste Krankheitsbild wieder einzubestellen. Wie solle da die immer wieder geforderte ganzheitliche Behandlung funktionieren? Eine Korrektur sei dringend nötig.

Dabei sind sich die drei Spezialisten, die den Blick für das Ganze nicht verloren haben, einig darin, dass es richtig gewesen sei, ökonomische Begrenzungen in das System einzubauen. Sie dürften nur nicht zum wirklichkeitsfremden Diktat werden. Was sie fordern, ist eine Art von gedanklicher Einkehr, einen auch von Ärzten, Schwestern und Pflegern mitgetragenen Versuch, die Freiräume so gut wie möglich zu nutzen, um im bestehenden und zukünftigen Medizinsystem mit den absehbaren Problemen einer alternden Bevölkerung den Standard zu halten. Zu den Fehlentwicklungen rechnen sie auch die ungewöhnlich hohe Anzahl von Operationen beispielsweise bei Gelenkersatz, die medizinisch nicht in jedem Fall geboten, aber aufgrund der relativ hohen Fallpauschalen für die Kasse der Krankenhäuser günstig seien.

Drei langjährige Oberärzte, deren Gruppe nach wie vor unverzichtbar ist für einen gut funktionierenden und für den Patienten erträglichen Krankenhausalltag, plädieren am Ende eines langen, intensiven und befriedigenden Berufslebens für eine Grundsatzdiskussion über Möglichkeiten und Grenzen der heutigen Medizin, und zwar zu einem Zeitpunkt, in dem das Umkippen noch zu vermeiden sei.

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