"Meine Fingerspitzen waren eine verquollene Masse"

Von "Kornwestheim und Kreis Ludwigsburg" 

Kornwestheim "Ich bin nicht so ohne Weiteres nach Kornwestheim gereist. Ich musste mich überwinden", sagt Vera Friedländer. Die 83-Jährige war als Jugendliche Zwangsarbeiterin bei einem Salamander-Reparaturbetrieb in Berlin. Darüber hat sie jetzt auf Einladung der evangelischen Kirche in Kornwestheim gesprochen. Von Susanne Mathes

Kornwestheim "Ich bin nicht so ohne Weiteres nach Kornwestheim gereist. Ich musste mich überwinden", sagt Vera Friedländer. Die 83-Jährige war als Jugendliche Zwangsarbeiterin bei einem Salamander-Reparaturbetrieb in Berlin. Darüber hat sie jetzt auf Einladung der evangelischen Kirche in Kornwestheim gesprochen. Von Susanne Mathes

Mehr als 50 Jahre nach dem erlittenen Unrecht hat die Firma Salamander Vera Friedländer eine weitere Demütigung zugefügt. "Es hat nie einen Reparaturbetrieb in Berlin gegeben", behauptete das Unternehmen, als es im Jahr 1999 von einem Journalisten mit Friedländers Schicksal konfrontiert wurde. Ein Affront einer betagten Frau gegenüber, die im Frühjahr 1945 mehrere Monate lang für Salamander Schuhe auf ihre Reparaturbedürftigkeit überprüfen musste - mit den Fingernägeln, weil ihr das adäquate Arbeitsgerät verweigert wurde. Bis ihre Finger wund wurden und eiterten. Bis die Fingerspitzen "eine verquollene Masse" waren.

Mehr als 60 Jahre nach dem erlittenen Unrecht lauschen rund 80 Frauen, Männer und Jugendliche im evangelischen Johannesgemeindehaus - viele aus dem kirchlichen Umfeld, sehr vereinzelte aus dem Geschichtsverein, mit Walter Habenicht und Friedhelm Hoffmann nur zwei aus dem Gemeinderat und außer Stadtarchivarin Natascha Richter keine aus der Kommunalverwaltung - mit angehaltenem Atem, was Vera Friedländer damals im Reparaturbetrieb in der Köpenicker Straße 6a-7 in Berlin erlebte und ertrug. In dem Betrieb also, der nach Firmen-Angaben nie existiert haben soll - obwohl er in den 30er- und 40er-Jahren in den Berliner Telefonbüchern stand, obwohl in Vera Friedländers Arbeitsbuch der "Salamander A.-G."-Stempel prangt und obwohl belegt ist, dass Salamander in Berlin sogar betriebseigene Lager für seine Zwangsarbeiter hatte.

Dass sie als Tochter einer jüdischen Muter und eines frommen Katholiken zur Zwangsarbeit herangezogen wurde und nicht ins Konzentrationslager kam, verdanke sie ihrem Vater, berichtet die 83-Jährige. Auch unter Druck der Nazis ließ er sich nicht von seiner Frau scheiden. Er nahm in Kauf, deshalb ins Arbeitslager verschleppt zu werden. "3000 aufrechte Männer retteten auf diese Weise in Berlin ihren Familien das Leben. Ihre Angehörigen genossen einen gewissen Schutz. Hätte mein Vater sich scheiden lassen, wären wir verloren gewesen." Verloren wie 24 ihrer 27 Verwandten, die im Dritten Reich umgebracht wurden. Etwa die kleine Bella, die Vera Friedländer auf einem Foto aus dem Jahr 1942 auf dem Arm hält - das Titelbild ihrer Autobiografie "Man kann nicht eine halbe Jüdin sein". Bella mit dem karierten Kleidchen und den Kringellocken, auf dem Foto noch keine zwei Jahre alt, starb im Januar 1943 in der Gaskammer von Auschwitz.

"Nicht dass ich Zwangsarbeit leisten musste, veranlasst mich, den Namen Salamander immer wieder zu nennen", sagt Vera Friedländer. "Es sind die Schuhe, die mich dazu treiben." All die Schuhe, die im Reparaturbetrieb ausgebessert wurden: Lange hat sich Vera Friedländer gefragt, wo sie eigentlich herkamen. Seit der Lektüre von Anne Sudrows Buch "Der Schuh im Nationalsozialismus" habe sie Gewissheit, meint sie leise: Es seien zum großen Teil Schuhe von Deportierten, Schuhe aus den Konzentrationslagern gewesen. Damals ein kostbares Gut, seien sie nach der Reparatur an ausgebombte oder in den besetzten Gebieten angesiedelte Deutsche verteilt oder an industrielle und landwirtschaftliche Betriebe verkauft worden.

Sacht im Ton, aber klar und konzise in der Sache nimmt Vera Friedländer die spätere Salamander-Version über die Firmengeschichte im Dritten Reich auseinander. Eine "lupenreine weiße Weste" habe Unternehmenschronist Hanspeter Sturm der Firma bescheinigt, und das, obwohl sich Salamander zwischen 1933 bis 1945 zum führenden Schuhproduzenten im Reich entwickelt habe. Die Firmenchronik habe das "geschicktem politischen und wirtschaftlichem Taktieren des Generaldirektors Haffner" zugeschrieben. Dass der Erfolg von der rasch vollzogenen Anpassung an das NS-Regime herrühre, von der eiligen und systematischen Arisierung, von der Ausbeutung billiger Zwangsarbeiter und von den mörderischen Menschenversuchen auf der Schuhprüfstrecke im KZ Sachsenhausen, davon sei nicht die Rede.

Dank der "schützenden Hände von Haffner" sei auch kein bei Salamander beschäftigter Jude umgekommen, zitiert die Zeitzeugin die Salamander-Chronik. "Vielleicht gilt das für die paar wenigen jüdischen Kornwestheimer Beschäftigten - aber was war mit den Beschäftigten aus der Umgebung oder aus den anderen Produktionsstandorten?", fragt Friedländer. Einige der Kornwestheimer Biografien hat sie recherchiert: "Julius Löw, Kaufmann: 1938 entlassen, dann Hilfsarbeiter, überlebte Theresienstadt. Frida Singer: Überlebte, weil ihr Mann, ein leitender Salamander-Mitarbeiter, sich wie mein Vater nicht scheiden ließ und dafür zur Organisation Todt einberufen wurde. Familie Spenadel, Fritz Cahn, Saly Pressburger: Emigrierten nach England oder in die USA." Euphemistisch spreche die Chronik, "ganz Nazi-Terminologie, von Abwandern", und von den "guten Salamander-Kontakten zu den obersten Reichs- und Parteiorganisationen", die das ermöglicht hätten. "Man kann es auch andersherum sehen", sagt Vera Friedländer. "Diese Leute mussten ihr gesamtes Vermögen aufgeben oder brauchten Bürgen im Ausland, um auswandern zu können."

Weiter nennt Vera Friedländer den Namen Michael Wolff - der ehemalige Wirt des Gasthauses Schwanen, seit 1938 dann Kellner, sei aber nicht von Salamander beschützt worden, sondern von NSDAP-Kreisleiter Otto Trefz, ab 1942 Reichskommissar in Lettland. "Er hat Wolff seit der Kampfzeit gegen Sozialdemokraten und Kommunisten im Jahr 1931 gedeckt", sagt Friedländer. Dem bei Salamander beschäftigten Halbjuden Oscar Epstein hingegen sei die Anpassung gelungen. "Außerdem war er für die chemischen und physikalischen Neuheiten zuständig - Salamander brauchte ihn."

Mit Salamander und Kornwestheim habe sie lange nichts zu tun haben wollen, erklärt die emeritierte Germanistik-Professorin der Berliner Humboldt-Universität, deren Geschichte sogar in einem Theaterstück aufgearbeitet wurde. "Aber jetzt bin ich froh, dass ich gekommen bin. Mit so viel Zuspruch hätte ich nicht gerechnet."

Es sei dem Arbeitskreis 9. November ein Anliegen, Lebens- und Leidensschicksale vorzustellen, in welche die vorherige Generation verwickelt war, betont Isolde Gneiting-Tränkle von Veranstalterseite. Und Pfarrerin Fraukelind Braun dankt Vera Friedländer, "dass Sie überhaupt in diese Stadt gekommen sind, die so sehr mit dem Namen Salamander verbunden ist".