Menschen in Haiti Die Rückkehr ins Nichts
Klaus Ehringfeld, 09.02.2010 18:19 Uhr
Die Verteilung von Hilfsgütern wie Reissäcken verläuft noch immer schleppend. Foto: AP
Die Verteilung von Hilfsgütern wie Reissäcken verläuft noch immer schleppend. Foto: AP
""Der Wiederaufbau beginnt nicht bei null, sondern unter null""
Edmond Mulet, Chef der UN-Mission Minustah

Stuttgart - Es gibt dieses Foto, das so viel aussagt über Haiti in diesen Tagen. Es zeigt einen schlanken Mann, der nackt, mit gesenktem Kopf und scheinbar traumatisiert eine der Straßen im Zentrum von Port-au-Prince entlanggeht. Rechts und links nur Trümmer, nur Zerstörung. Das Bild hat auch einen Monat nach dem Jahrhundertbeben noch Symbolkraft. Denn die Menschen in der in Ruinen liegenden Hauptstadt haben den Schock der Erdstöße vom 12. Januar noch immer nicht abgeschüttelt und kämpfen, oft schutzlos, um die Rückkehr zur Normalität. Im Dreitagesrhythmus erhöht die Regierung die Opferstatistik und zählt jetzt 212.000 Tote. Mehr als 300.000 Menschen sind demnach verletzt, rund zwei Millionen obdachlos.

Vor allem für diese zwei Millionen fehle es an Arbeit und Unterkünften, beklagen Hilfsorganisationen. Die Menschen hausen weiter unter hygienisch katastrophalen Bedingungen: dicht an dicht, Isomatte an Karton, auf Plätzen, Bürgersteigen oder den Mittelstreifen der Straßen. Ohne fließendes Wasser, ohne Kanalisation, ohne Müllentsorgung. Die Plastikplanen- und Zeltlager seien Seuchenherde, warnen Ärzte und Helfer. "Die Lebensbedingungen in den Lagern müssen umgehend verbessert werden, da auch die Regenzeit naht", sagt Marcel Stoessel von der Hilfsorganisation Oxfam.

Die Regierung ist nutzlos


Von der Regierung können sie keine Hilfe erwarten. Mehr als Statistiken bringen der Staatschef René Préval und seine Minister nicht zustande. Bis heute war der Präsident nicht einmal draußen in den Camps, den Kranken- oder Waisenhäusern. Täglich verschiebt Préval den angekündigten Umzug in ein Zelt vor den eingestürzten Präsidentenpalast und verschanzt sich weiter in seinem provisorischen Regierungssitz am Flughafen, geschützt von US-Soldaten.

Dort kam am Wochenende auch der UN-Sondergesandte Bill Clinton an, der die Hilfe für Haiti koordinieren soll. Clinton sah sich bei seiner Ankunft umgehend Hunderten von Menschen gegenüber, die gegen die zögerliche Verteilung der Hilfsmittel protestierten. Sie verlangten vor allem Zelte. "Es tut mir leid, dass das so lange dauert", sagte er. "Ich versuche herauszufinden, wo die Engpässe sind."

Nach einer Umfrage von Oxfam weigern sich die meisten Menschen trotz der schwierigen Bedingungen, in die von der UN bereitgestellten Auffanglager außerhalb von Port-au-Prince umzusiedeln. Nur ein Drittel sei bereit, ihre vertraute Umgebung zu verlassen. Das Wichtigste sei jetzt, die Menschen wieder in Arbeit zu bringen, sagt Michael Kühn von der Welthungerhilfe.

Industrienationen erlassen teilweise Schulden


Ähnlich wie die UN und andere Hilfsorganisationen plant die Welthungerhilfe in den schwer getroffenen Städten Petit-Goave und Jacmel "Cash-for-Work-Projekte". Dabei erhalten die Menschen einen kleinen Lohn für die Beseitigung von Trümmern. Die Welthungerhilfe hat bis Anfang des Monats mehr als 14 Millionen Euro an Spenden für Haiti eingenommen. Damit will sie ein Fünfjahresprogramm zum Wiederaufbau finanzieren.

Der Chef der UN-Mission Minustah, Edmond Mulet, geht davon aus, dass Dreiviertel von Port-au-Prince neu aufgebaut werden muss. Er schätzt, dass es mehr als zehn Jahre dauern dürfte, da auch die kleinen Fortschritte der vergangenen Jahre durch das Beben zunichte gemacht worden seien. "Der Wiederaufbau beginnt nicht bei null, sondern unter null", sagt Mulet.

Unterdessen haben die sieben führenden Industrienationen dem Land seine Schulden erlassen. Zudem wollten sie andere internationale Geldgeber davon überzeugen, das Gleiche zu tun, sagte der kanadische Finanzminister Jim Flaherty.
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