Menschliche Fortpflanzung Rückgang der Fruchtbarkeit
Susanne Donner, 09.02.2011 08:14 Uhr
Männliche Alligatoren in Florida wurden durch Chemikalien weiblich. Foto: dpa
Männliche Alligatoren in Florida wurden durch Chemikalien weiblich. Foto: dpa
Stuttgart - Es begann mit einem schlimmen Verdacht: manche Chemikalien verweiblichen den Mann, sie schädigen Spermien und Eizellen und machen die Menschheit unfruchtbar. Mit diesem apokalyptischen Szenario landete vor rund 15 Jahren Theodora Colborns einen Bestseller. Ihr Buch "Die bedrohte Zukunft" stieß eine politische Debatte an, die heute heftiger denn je geführt wird. Eine der Folgen: vom Juni dieses Jahres an sind hormonell schädliche Pestizide verboten.

"Wenn Chemikalien die Fruchtbarkeit mindern, müssen wir uns Sorgen machen. Aus absolut menschlichen Gründen ist diese Debatte hochemotional", sagt Gilbert Schönfelder, Toxikologe an der Charité in Berlin. Doch die Fakten sind wenig eindeutig. Von rund 100.000 Chemikalien wirken nach einer vorläufigen Einschätzung der Europäischen Kommission 299 wie Hormone. Darunter sind Pestizide, kosmetische Wirkstoffe und Substanzen für Kunststoffe. Sie werden endokrine Disruptoren genannt, wobei das Englische "disrupt" auf die Störung des Hormonsystems hinweist. Dazu gehören Chemikalien, die an den Östrogenrezeptor in Zellen binden wie Bisphenol A und Weichmacher aus der Klasse der Phthalate. Aber auch Dioxine und Schwermetalle zählen dazu.

Viele Hormongifte wirken auf die Zellen verweiblichend


Bisher wurden viele endokrine Disruptoren zufällig entdeckt. Die hormonelle Wirkung wurde bei der Zulassung von Chemikalien bisher nicht gezielt abgefragt. Sie ergab sich als Nebenbefund oder aus Umweltbeobachtungen: Schiffsanstriche mit Tributylzinn ließen Meeresschnecken, Seesterne und Ruderfußkrebse verweiblichen. Männliche Alligatoren verschwanden in nur vier Jahren fast vollständig aus dem Apokasee in Florida, was auf Pestizide wie DDT und Dicofol zurückgeführt wurde. Fischotter und Nerze bringen bei hoher Belastung mit polychlorierten Biphenylen weniger Junge zur Welt.

Das lässt nichts Gutes für den Menschen erahnen. Der Chemiker Wolfgang Schäfer von der Uniklinik Freiburg warnt jedoch vor voreiligen Schlüssen: "Der menschliche Reproduktionszyklus unterscheidet sich grundlegend vom Tier und ist nur bei wenigen Affenarten vergleichbar", sagt er. "Deshalb eignen sich vor allem Tests an menschlichen Zellen, die hormonelle Wirkung von Chemikalien aufzudecken." Schäfer verwendet Zellen der Gebärmutterschleimhaut. Die meisten Hormongifte wirken auf die Zellen verweiblichend. Sie imitieren oder verstärken die weiblichen Östrogene oder unterdrücken die männlichen Androgene.

In jüngster Zeit entdecken Forscher aber auch mehr und mehr Chemikalien, die Progesteron hemmen, ein Hormon, das die Schwangerschaft aufrechterhält. Bisphenol A, ein Rohstoff für die Kunststoffproduktion, ebenso wie der in Sonnencremes verwendete Ultraviolettfilter Benzylidencamphor unterdrücken Progesteron. "Diese Substanzen haben dann eine empfängnisverhütende Wirkung", erläutert Schäfer. "Die Wirkung der Chemikalien ist aber recht schwach im Vergleich zu körpereigenen Hormonen oder Arzneimitteln wie der Antibabypille oder dem Brustkrebsmedikament Tamoxifen. Der Mensch ist diesen Substanzen nur in Spuren ausgesetzt." Nur Bevölkerungsstudien können klären, ob unsere Fruchtbarkeit trotz der geringen Mengen beeinträchtigt wird.

Untersuchungen zeigen Rückgang der Spermienproduktion


Solche Studien gibt es in großer Zahl. "Was wir wissen, ist, dass Bisphenol A und Phthalate die Spermienqualität beispielsweise von chinesischen Arbeitern vermindert haben, die damit in Kontakt gekommen sind", sagt Schönfelder. Shanna Swan von der University of Rochester im Bundesstaat New York beschrieb als eine der ersten das Phthalatsyndrom: Jungen, deren Mütter viel Phthalat im Urin hatten, hatten einen kleineren Penis und Hodensack als gleichaltrige Kinder. Doch andere Studien konnten das nicht bestätigen.

Dieser Widerspruch ist symptomatisch für Studien zu Hormonchemikalien. "Wir wissen einfach noch nicht, ob die Fruchtbarkeit der Normalbevölkerung - also nicht der hochbelasteten chinesischen Arbeiter in der Plastikfabrik - durch die Umweltchemikalien beeinträchtigt wird", sagt Schönfelder. Belegt ist dagegen, dass es um die Fruchtbarkeit in modernen Zivilisationen nicht zum Besten steht. Jedes sechste Paar in Deutschland hat Schwierigkeiten, Nachwuchs zu zeugen. Bei vielen kann die Ursache nie geklärt werden. Die Weltgesundheitsorganisation WHO senkte jüngst die Schwellwerte, anhand derer die Spermienqualität beurteilt wird. Zuvor mussten mindestens 30 Prozent der Spermien Normform - einen runden Kopf und ein bewegliches Schwänzchen - haben. Jetzt genügen vier Prozent.

Niels Skakkebaek von der Universität Kopenhagen rekonstruierte, dass sich die Zahl der Spermien von 1940 bis 1992 in Dänemark halbiert hat. Eine Fünftel der jungen Dänen haben heutzutage so wenig gesunde Keimzellen, dass sie als unfruchtbar gelten. In Deutschland raffte man sich nur zu einer einmaligen Bestandsaufnahme auf. Das war 2004. Man bat 791 junge Männer aus Hamburg und Leipzig um eine Samenspende und fand im Schnitt 42 Millionen Spermien je Milliliter. Schon unterhalb von 55 Millionen kann es mit dem Nachwuchs mühsam werden.

Kommentare (1)
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FEB
09
Ratgebervermeiderin, 15:55 Uhr

Zielgruppendasein

"Im Gegenteil: wenn Frauen nicht auf Anhieb schwanger werden, verdient eine florierende Reproduktionsindustrie." Oh ja. Erst wird man verrückt und arm gemacht, um schwanger zu werden. Das ist uns gottseidank erspart geblieben. Und dann, wenn man schwanger ist, geht es aber grad weiter: Ratgeber, Präparate, neue Produkte noch und nöcher, alles für den kostbaren seltenen Nachwuchs, und ununterbrochen muss man sich gegen das Gefühl zur Wehr setzen, man würde diesen kostbaren (weil ja auch Renten und Steuern zahlen sollenden) Nachwuchs vernachlässigen/nicht optimal fördern/am Ende gar schädigen, weil man statt 30€/Monat nur 3€/Monat für die unersetzliche Folsäure (in beiden Fällen die gleiche Dosierung) ausgibt. Oder nicht bereits im Mutterleib mit dem Französisch-Unterricht beginnt. Nicht alle wichtigen Angelegenheiten mit dem Ungeborenen bespricht, während man sich morgens nach dem Duschen mit dem besonderen Öl einreibt, nachmittags eine Stunde nur für sich und das Kleine reserviert, abends die halbe Stunde Schwangerengymnastik macht. Neben dem Job selbstredend, denn noch sollte frau ja selbst die Steuern zahlen können, die später vom Nachwuchs übernommen werden. Dass dieser Stress ganz gewiss nicht gut ist für das kostbare Ungeborene, steht auch überall - und zwar auf eine Weise, die ihn gleichzeitig noch erhöht. Möglicherweise ist allein die Existenz dieser Ratgeber-, Ernährungs-, Nahrungsergänzungsmittel- und Fortpflanzungsbeförderungs-Industriezweige schon ein Grund für die sinkende Fruchtbarkeit: wundern würds mich nicht.