Mercedes-Cup in Stuttgart Der schönste Schlag im Tennis stirbt aus

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Die einhändige Rückhand ist etwas für Ästheten und Könner wie Roger Federer, Grigor Dimitrov und Philipp Kohlschreiber. Doch auch beim Tennis in Stuttgart dominiert die beidhändige Alternative.

Die einhändige Rückhand ist etwas für Ästheten und Könner wie Roger Federer, Grigor Dimitrov und Philipp Kohlschreiber. Foto: Getty
Die einhändige Rückhand ist etwas für Ästheten und Könner wie Roger Federer, Grigor Dimitrov und Philipp Kohlschreiber. Foto: Getty

Stuttgart - Zum Singen sind die drei Herren gewiss nicht auf den Stuttgarter Weissenhof gekommen – denn das haben Roger Federer, Tommy Haas und Grigor Dimitrov bereits Mitte März beim Masters-Turnier in Indian Wells erledigt. Da stellte das Trio das Tennisracket in die Ecke und drappierte sich hinter einen schwarzen Flügel, um begleitet vom Hitproduzenten David Foster den Chicago-Klassiker „Hard to say I’m sorry“ zum besten zu geben. Dabei erreichten die Drei eine beachtliche gesangliche Qualität. Doch der Hinweis eines Schweizer Online-Portals, die drei Tenniscracks würden alsbald ein Mini-Album mit weiteren Hits heraus geben, der entpuppte sich als Aprilscherz.

Wenn Federer, Haas und Dimitrov gemeinsam singen, tun sie das als die „One Handed Backhand Boys“ – was einerseits eine gelungene Anlehnung an die erfolgreichen „Backstreet Boys“ ist, für Tennis-Ästheten aber auch einen schmerzhaften Beigeschmack besitzt. Denn „der schönste Schlag des Tennissports“, wie die US-Legende John McEnroe die einhändige Rückhand nennt, er ist vom Aussterben bedroht.

Lange wird es diesen Schlag nicht mehr geben

Auf dem Killesberg sind die Könige der einhändigen Rückhand in dieser Woche noch verhältnismäßig zahlreich vertreten. Denn neben dem 18-fachen Grand-Slam-Champion Federer, dem ehemaligen Maria-Scharapowa-Freund Dimitrov sowie dem Altmeister Haas ist auch der Augsburger Philipp Kohlschreiber, der in Stuttgart in den Jahren 2013 und 2016 bis ins Finale vorstieß, ein Vertreter der alten Schule. „Macht Fotos“, ruft Paul Annacone, der ehemalige Trainer Federers, den Fotografen zu: „Denn lange wird es diesen Schlag nicht mehr zu sehen geben.“

Und tatsächlich: Wer sich etwa bei den World Junior Titelkämpfen 2016 in Tschechien umschaute, der erblickte eher einen Holzschläger denn einen Spieler mit einhändiger Rückhand. Weniger als 20 Prozent der Profis in den Top 100 der ATP World Tour spielen aktuell die herkömmliche Variante, bei den Frauen haben fast alle auf die beidhändige Alternative umgestellt – da muten die beiden einzigen Ausnahmen in den Top 50, die Spanierin Carlo Suarez Navarro und die Italienerin Roberta Vinci, bereits wie Fossile aus einer alten Zeit an.

Dabei ist die einhändige Rückhand, wie sie Roger Federer in zuvor ungekannter Perfektion und Leichtigkeit präsentiert, in vielerlei Hinsicht überlegen, weil sie ein variableres Spiel erlaubt. Mit ihr lassen sich die Bälle besser als Slice, als Drop-Ball, als Stopp oder als Volley spielen. Zudem ist die Reichweite größer und gute Spieler können extremere Winkel erzielen. Trotzdem ist der Siegeszug der beidhändigen Rückhand nicht mehr aufzuhalten, weil es gerade im modernen Profitennis vor allem auf Power und die Rotation des Balles ankommt.

Was für die beidhändige Variante spricht

In Zeiten, in denen modernes Material immer schneller Geschwindigkeiten zulässt, wird die Reaktionszeit beim Return immer kürzer – und die Beidhänder sind bei ihren Blocks eindeutig im Vorteil. Zudem haben Federer, Dimitrov und Co. gerade bei stark rotierenden und hoch abspringenden Bällen ihre Mühe, müssen immer wieder per Slice das Spiel verlangsamen.

„Es wird nicht mehr lange dauern, bis die einhändige Rückhand komplett verschwunden ist, denn sie wird in der Jugend so gut wie nicht mehr gelehrt“, sagt Carlos Rodriguez, der früher die ehemalige Nummer eins der Frauen, die Belgierin Justine Henin, betreute. Schließlich verlangt die einhändige Variante wesentlich mehr Gefühl, motorisches Talent, eine starke Schulter und eine erstklassige Koordination. Kurz gesagt: sie ist inzwischen nur etwas für die Ausnahmekönner. Denn die Zeiten, in denen etwa die 22-fache Grand-Slam-Siegerin Steffi Graf entweder die Rückhand umlaufen oder sie vornehmlich als Slice einsetzen konnte, die sind längst vorbei.

Dafür fliegen den „One Handed Backhand Boys“ als Vertretern einer aussterbenden Spezies die Herzen der Fans zu. Anne-Sophie Mutter etwa ist längst eine glühende Verehrerin der Spielkunst des Roger Federer: „Wenn die einhändige Rückhand sitzt, ist sie ein besonderer Genuss“, sagt die Star-Geigerin: „Das ist wie Ballett. Weit weg von der Draufdrescherei, die dem Tennis eigentlich nicht angemessen ist.“