Nein, es ist wirklich nicht das richtige Wetter für eine Jungfernfahrt. Wenige Tage vor Weihnachten fegt der Wind kalt und heftig über die Einfahrbahn von Mercedes-Benz in Untertürkheim, und immer wieder kommt Regen auf, nur kurz unterbrochen von wenigen zögerlichen winterlichen Sonnenstrahlen. Für die diversen Versuchsfahrzeuge auf dem Parcours – darunter auch einige getarnte A-Klassen der nächsten Generation – sind diese Umstände kein Problem, für einen mattsilbern glänzenden Sonderling aber schon: Es ist der älteste noch existierende Mercedes SL, der gerade frisch restauriert wurde und jetzt seine ersten Meter auf eigenen Rädern zurücklegt. Behutsam drückt Michael Plag vom Mercedes-Benz Classic Center den silbernen Starterknopf und erweckt den Sechszylinder-Reihenmotor zum Leben. Der sorgt über einen dicken Auspuff, der seitlich aus der rechten Karosserieflanke ragt, für eine wahrhaft beeindruckende Geräuschkulisse.
Das war vor neun Monaten noch anders. Damals präsentierte sich der Flügeltürer noch als Puzzle, zerlegt in zahllose Einzelteile. Seither haben die Spezialisten von Mercedes-Benz Classic das Schmuckstück in einer rekordverdächtigen Zeit restauriert und wieder zusammengebaut. Der Zeitdruck kommt nicht von ungefähr: Im kommenden Jahr feiert der Mercedes SL seinen 60. Geburtstag, und wenn Anfang Januar auf der Autoshow in Detroit der neue SL seine Weltpremiere feiern wird, dann soll auch der älteste existierende seiner Art in neuem Glanz bei der Präsentation auf die Bühne rollen.
Dieses Fahrzeug gehört zu jenen SL-Prototypen, die 1952 für den Einsatz im Motorsport gebaut wurden. Lediglich elf Exemplare hat Mercedes vom Ur-Flügeltürer gebaut, vier Exemplare sind heute im Besitz des Unternehmens, zwei befinden sich in privater Sammlerhand in den USA. Der Wagen mit Fahrgestellnummer 2 (Nummer 1 kam schon vor Jahrzehnten bei Mercedes – wie viele andere Prototypen auch – in die Schrottpresse) besitzt eine Besonderheit: Fahrer und Beifahrer müssen durch winzige Flügelklappen über die breiten Karosserieflanken einsteigen.
Erst die späteren Modelle bekamen wegen des Reglements für das Langstreckenrennen in Le Mans größere Flügel verpasst – die Regelhüter wollten seinerzeit die kleinen Flügel nicht als Türen akzeptieren.
„Dieser Wagen wurde nie bei einem Rennen eingesetzt, aber er war bei Veranstaltungen als Trainings- und Ersatzfahrzeug dabei“, weiß Michael Plag, der in der Werkstatt von Mercedes-Benz Classic die Restaurierung maßgeblich begleitet hat. Ende der neunziger Jahre, als der SL Nr. 2 schon einige Oldtimer-Veranstaltungen hinter sich gebracht hatte, zeigte das gute Stück starke Verschleißerscheinungen. Es wurde zerlegt und die Einzelteile gut konserviert.


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