Mercedescup Der große Plan als Klein-Wimbledon

Johannes Nedo, 04.12.2012 09:31 Uhr

Stuttgart - Als der altehrwürdige All England Lawn Tennis and Croquet Club am 19. Juli diesen Jahres mitgeteilt hat, sein Turnier werde von 2015 an eine Woche später stattfinden, war klar, dass sich der internationale Tenniskalender deutlich verändern würde. Sein Turnier ist ja nicht irgendeines: es ist Wimbledon. Und auf den Stuttgarter Mercedescup könnte diese Terminverschiebung kolossalen Einfluss haben, im besten Fall könnte sie dem Männerturnier einen ungeahnten Aufschwung bescheren. Denn die Veranstaltung auf dem Killesberg findet zwar auf dem Gelände des ebenfalls altehrwürdigen TC Weissenhof statt, aber sie ist bei weitem nicht mehr so bedeutend wie früher.

Das könnte sich bald wieder ändern, eben aufgrund der Entscheidung in London. Die Engländer haben durchgesetzt, dass von 2015 an die Zeitspanne zwischen den zwei europäischen Grand-Slam-Turnieren, den French Open und Wimbledon, von zwei Wochen auf drei verlängert wird. Die Idee dahinter ist, den Spielern mehr Zeit zu geben, sich nach dem Sandplatz-Höhepunkt in Paris besser auf Rasen umzustellen – also auf Wimbledon. Für diese dazugewonnenen sieben Tage auf grünem Untergrund, konkret die erste Woche nach den French Open, bewirbt sich auch Stuttgart – wie das „Tennis-Magazin“ kürzlich berichtete. Und langsam wird es spannend, die Frist dafür endet am Freitag. Bis dahin müssen alle Unterlagen bei der Spielerorganisation ATP eingereicht werden.

„Es ist noch nichts entschieden“

„Wir sind sehr stark an dem Weg zum Rasenturnier in Stuttgart interessiert“, sagt der Turnierdirektor Edwin Weindorfer. „Ich hoffe, dass bis Ende des Jahres Klarheit herrscht.“ Die ATP kommentiert den Prozess nur knapp: „Es ist noch nichts entschieden. Wir führen intern Gespräche.“ Einen Zeitpunkt, wann das Ergebnis bekannt gegeben wird, nannte ein ATP-Sprecher ebenfalls nicht.

Weindorfer, der den Mercedescup mit seiner Agentur veranstaltet, strebt also einen radikalen Wandel an – von Sand auf Rasen. Auf dem Weissenhof wurde 1916 zum ersten Mal ein internationales Turnier ausgetragen, auf Sand. Daran hat sich seitdem nichts geändert. Doch der rote Untergrund ist auch ein Grund dafür, warum der Mercedescup in den vergangenen Jahren stetig sinkende Zuschauerzahlen hinnehmen musste. Da der aktuelle Termin hinter Paris und Wimbledon liegt, konzentrieren sich die Topspieler dann bereits auf die Hartplatzsaison. Somit ist Stuttgart für die Superstars wie Roger Federer, Novak Djokovic, Rafael Nadal oder Andy Murray seit langem nicht mehr interessant.

Weindorfer und seine Mitstreiter versprechen sich von einer möglichen Umstellung, dass dann zumindest wieder einer dieser großen Namen in Stuttgart aufschlägt. So sagt Bernd Nusch, der 33 Jahre lang Turnierdirektor auf dem Weissenhof war und Weindorfer nun berät: „Die Qualität des Teilnehmerfeldes wird sicher besser. Und das kann eine Kettenreaktion in Gang setzen.“ Es würde wahrscheinlich mehr Besucher und außerdem eine größere Fernsehpräsenz bedeuten. Auch der Hauptsponsor hofft auf einen Wechsel. „Mercedes-Benz steht einer Aufwertung des Turniers generell positiv gegenüber“, sagt die Sprecherin des Automobilherstellers, Claudia Merzbach.

Die Spielerorganisation verlangt fünf Rasenplätze

Der TC Weissenhof befürwortet ebenfalls Weindorfers Vorhaben. Der Vertrag zwischen dem Club und der veranstaltenden Agentur des Österreichers läuft noch bis 2015, und beide Seiten bekunden regelmäßig, dass die Zusammenarbeit weit darüber hinausgehen soll. Die ehrgeizige Rasenvision ist ein weiterer Beleg dafür. Auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung am 23. Oktober hat Weindorfer die Zukunftspläne vorgestellt – und 99 Prozent der anwesenden Mitglieder stimmten ihnen zu. Das ist beeindruckend, war aber nicht selbstverständlich, schließlich würde sich bei einem ATP-Zuschlag einiges auf der Weissenhof-Anlage ändern.

Die Spielerorganisation verlangt fünf Rasenplätze, drei davon zum Training. So sollen fünf der 17 bisherigen Sandplätze auf dem Killesberg umgewandelt werden – auf jeden Fall die zwei Tribünencourts, und das nicht nur für die Dauer des Turniers. Die Mitglieder des TC Weissenhof könnten von 2015 an also wählen, ob sie auf Rasen oder Sand spielen. Der zweite Grund für die große Zustimmung: Weindorfer will die Kosten für die Investitionen komplett mit seiner Agentur tragen. Die Verantwortlichen des All England Clubs haben bereits zugesichert, die Stuttgarter bei der Umstellung zu unterstützen – mit dem entsprechenden Originalsaatgut aus Wimbledon und einem Rasenwart.

Trotz der scheinbar guten Ausgangslage: sicher ist die Zusage nicht. Denn es gibt Konkurrenten, der härteste dürfte Gstaad sein. Die Schweizer haben bereits Ende Juli offensiv verkündet, von Sand auf Rasen umzustellen und sich für den neuen Termin zu bewerben. Weindorfer und Co. handeln auch deshalb nach der Devise: Zurückhalten und bloß nicht zu früh nach vorne preschen. Der Mercedescup musste zuletzt genug Rückschläge einstecken.