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Messerstecherei in Esslingen Ein Bandenkrieg mit tödlichen Folgen

Jürgen Veit, 23.12.2012 18:10 Uhr

Esslingen - Am Sonntagvormittag flattern noch immer die Reste der Polizeiabsperrbänder an den Begrenzungspfosten entlang der Esslinger Entengrabenstraße nahe dem Obertor. Sie sind die verbliebenen Hinweise auf einen Tatort, an dem am späten Freitagabend ein 22 Jahre alter Mann bei einer Massenschlägerei durch mehrere Messerstiche getötet worden ist. Zudem wurden ein 21-Jähriger – der Bruder des Erstochenen – schwer und drei weitere Männer im Alter von 17, 22 und 24 Jahren leicht verletzt.

Noch am Freitagabend und am Samstagmittag wurden drei ebenfalls leicht verletzte Tatverdächtige im Alter von 20, 25 und 26 Jahren festgenommen. Sie stammen aus dem Landkreis Esslingen und sind bei der Polizei durchaus bekannt. Sie sitzen in­zwischen nach der Vorführung vor einem Richter wegen des Verdachts des gemeinschaftlichen Mordes in Untersuchungshaft. Ob sie direkt an der Tötung des 22-Jährigen beteiligt waren, steht laut der Polizei noch nicht fest.

Auch die genauen Motive für den Überfall sind unklar. Möglicherweise geht es um die Verteidigung von Gebietsansprüchen. Fest steht aber, dass sich die zwei miteinander verfeindeten Banden Red Legion und Black Jackets – die Polizei bezeichnet sie als „rockerähnliche Gruppierungen“ – am vergangenen Freitag nicht zum ersten Mal bekriegt haben. Bereits am 8. Mai 2010 war es in Nürtingen zu einer Schlägerei gekommen. Mitglieder der beiden Gruppen hatten sich am Rande der Veranstaltung Musiknacht eine wüste Schlägerei geliefert, bei der mehrere Personen verletzt worden waren. Am 15. Januar dieses Jahres hatte eine Gruppe der Red Legion eine Kneipe in der Ludwigsburger Solitudestraße überfallen, um einem darin befindlichen Mitglied der Black Jackets eine Abreibung zu verpassen.

Straßenschlacht vor der Bar

Am vergangenen Freitag hatten sich die   beiden verfeindeten Banden gegen 23.45 Uhr vor einer Bar mit Messern und Schlagwerkzeugen in der Esslinger Innenstadt eine Straßenschlacht geliefert, an der nach Angaben der Polizei mindestens 30 Personen beteiligt waren. Bei dem Getöteten und den Verletzten handelt es sich nach ersten Erkenntnissen um Anhänger der Black Jackets, deren Gruppe von den Red Legion aus der Bar gelockt und dort überfallen worden war. Seit Samstagvormittag arbeitet die Sonderkommission „Obertor“ an der Aufklärung der Tat. Laut Matthias Bellmer, dem Sprecher der Polizei Esslingen, werden die 35 Beamten auch über die Weihnachtsfeiertage auf Hochtouren ermitteln. „Es wäre fatal, würde man die Ermittlungen erst danach fortsetzen“, sagt Bellmer.

Inzwischen sind den Kriminalbeamten weitere Namen von Personen bekannt, die sich am Freitagabend am Tatort aufgehalten haben. Noch sei nicht geklärt, ob es sich dabei um Tatverdächtige, Opfer oder Zeugen handle. Am Samstagnachmittag sei der Bereich um das Esslinger Obertor von rund 20 Beamten der Schutz- und Kriminalpolizei noch einmal abgesucht worden. Zudem seien bei der Durchsuchung verdächtiger Wohnungen Handys und Computer beschlagnahmt worden, auf denen sich die Polizei Hinweise zu den Tatbeteiligten erhofft. Bei einem Tatverdächtigen wurde ein Kleidungsstück sichergestellt, das auf dessen Zugehörigkeit zu den Red Legion hindeute. Die Ermittler der Sonderkommission hoffen, durch Zeugenaussagen in ihrer Arbeit weiterzukommen. Dafür ist eigens ein Hinweistelefon mit der Rufnummer 07 11/39 90-5 55 eingerichtet worden.

Die beiden Banden, deren Mitglieder laut der Polizei vorwiegend zwischen 18 und 25 Jahre alt sind, sind in der Vergangenheit immer wieder durch ihre große Gewaltbereitschaft und Brutalität aufgefallen. Etwa am 26. Juni 2009 in Esslingen, als mehr als 20 Mitglieder der Black Jackets auf dem Innenhof der Waisenhofschule eine Gruppe von 15 Männern überfallen und mit Schlagstöcken, Baseballschlägern und Eisenstangen traktiert hatten. Dabei war ein unbeteiligter 26-Jähriger beinahe zu Tode gekommen, er lang wochenlang Koma. Wegen dieser Tat waren 21 Angeklagte vom Landgericht Stuttgart zu Freiheitsstrafen von bis zu sieben Jahren und neun Monaten verurteilt worden.