Milchkutscher in Oberschwaben Am Ende der Milchstraße

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Seit 36 Jahren kurvt Josef Brauchle mit seinem 40-Tonner durch Oberschwaben und holt die Milch bei den Viehbauern. Jetzt ist Schluss. Eine letzte Tour vor der Rente.

Brauchles Milchlaster im sattgrünen Rottal
Foto:Johannes Reichert Foto:  
Brauchles Milchlaster im sattgrünen Rottal Foto:Johannes Reichert

Bad Wurzach - Ins Führerhaus eines Mercedes Actros steigt man nicht ein, man erklimmt es. Josef Brauchle startet den Acht-Zylinder-Diesel wie zigtausendmal in den vergangenen 36 Jahren. Der weiße Vollbart strubbelig wie gewohnt. Ein Hemd unterm Blaumann, Stahlkappenschuhe. Wie immer wird Brauchle in den nächsten Stunden die Milch von Weideglück-Bauern einsammeln. Der kleine Grenzverkehr: Im Nordosten stößt sein Revier an das von Zott, im Südosten an Ehrmann, im Südwesten beginnt das Omira-Reich. Es ist seine letzte Fahrt, er geht in Rente. „Also gell, bei uns sagt man Josef.“ Gerne Josef, fahren wir ein Stück.

Landstriche, wo Madonnen am Straßenrand von gottesfürchtigen Leuten erzählen. Saftstrotzende Täler, grüne Hügel, Dörfer, Äcker, Viehhallen, turmhohe Silos. Milchland Oberschwaben. Wer hier nichts mit Landwirtschaft zu tun hat, schafft beim Liebherr in Kirchdorf und Ochsenhausen oder beim Böhringer in Biberach.

2,5 Millionen Kilometer ließ Brauchle in all den Jahren hinter sich, das hat er neulich spaßhalber ausgerechnet. Sein erster Lkw war ein MAN, Baujahr 76, noch mit ellenlangem Ganghebel. Heute schaltet er elektropneumatisch. Acht Gänge, und die noch mal in halbe Gänge unterteilt.

Brauchle, Jahrgang 1954, ist aus Hauerz. Ein Dorf am Rand des Allgäus, wo die Telefonnummern noch dreistellig sind und der Kirchenchor auf Beerdigungen das Hauerzer Lied anstimmt: „Wo meiner Kindheit Wiege stand und mich bewahrt die Mutterhand. Nur dort leb ich in Glück und Ruh, O Hauerz mein, wie schön bist du.“

Als Erstes baut man sich ein Haus

Seine Eltern hatten eine kleine Landwirtschaft, der Vater schaffte tagsüber im Hoch- und Tiefbau. Josef wuchs mit sieben Geschwistern auf – eine Schwester, sechs Brüder. „Mir send sieaba Briader, und a jeder hot a Schwester“, sagten sie immer.

Ein Feldweg bei Erolzheim. Der Jungbauer wartet schon, der Senior in Cordpantoffeln und Schaffhose kommt auch dazu. Sie wohnen im Ort und haben vor 20 Jahren hier draußen einen großen Kuhstall gebaut. Der 81-Jährige hilft jeden Tag mit: „Fuatter neigä, nach de Rinder luaga.“

Brauchle scannt den Chip am Milchtank des Bauern, dockt den Zapfschlauch des Lasters an. Zuerst wird immer ein Probenfläschle gefüllt für die Laboruntersuchung. Dann: Milch marsch. 2500 Liter.

In Hauerz ging Brauchle in die Hauptschule, im fünf Kilometer entfernten Ellwangen in die Lehre als Landmaschinenmechaniker, in Pfullendorf machte er seinen Wehrdienst. Acht Jahre schaffte er in einer Hauerzer Flaschnerei, bis er schließlich als Fahrer bei den Milchwerken anfing. Da hatte er schon geheiratet und sein Haus gebaut. Das macht man hier als Erstes. Alle Geschwister haben ein eigenes Haus, alle rund um Hauerz. Und jedes Haus war ein Familienprojekt, bei dem alle mitbauten.

Der älteste Bruder hätte gern Bauer sein wollen, aber es lohnte sich nicht mehr. 1974 verpachteten die Eltern den Hof, nach ihrem Tod wurde er verkauft und abgerissen. Manchmal fährt Brauchle dran vorbei.