Ministerialrat Wilfried Hegen "Touristen am Ort des Horrors"
Christine Keck, 11.03.2010 08:16 Uhr
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Zwei Tatorte: das Gutenberg-Gymnasium in Erfurt... Foto: dpa
Zwei Tatorte: das Gutenberg-Gymnasium in Erfurt... Foto: dpa


Andere haben sich versetzen lassen.


Es gab eine Lehrerin, die wollte unbedingt weg, aber kam dann wieder. An ihrer neuen Schule hatte sie niemand, um über das Erlebte zu reden. Das wollen andere nicht ständig anhören, das interessiert die nicht.

Haben manche weiterhin Gesprächsbedarf beim Therapeuten?


Ja, die Unfallkasse Thüringen zahlt noch immer für psychotherapeutische Behandlungen und Rentenansprüche. Die Folgekosten liegen bisher bei rund fünfeinhalb Millionen Euro.

Das Attentat ist acht Jahre her. Wie präsent ist das Geschehen vom 26. April 2002?


Es gab Zeiten, da fuhren Sightseeingbusse am Gutenberg vorbei, um sich mit wohligem Schauder diesen Ort des Horrors anzusehen. Es war so makaber, das werden die Menschen in Winnenden vermutlich auch noch erleben.

Da ändert auch ein Umbau nichts.


Sie können noch so viel reparieren und restaurieren, die Vergangenheit lässt sich nicht überpinseln. Als die Schule 2005 wieder eröffnet wurde, war es ein riesiges Problem, die Schule wieder zu betreten. Das muss auch in Winnenden gut begleitet werden, wenn es soweit ist. Wir haben das mit Psychologen vorbereitet, waren anfangs nur stundenweise mit den Schülern im Gebäude, um ihnen die Angst zu nehmen.

Ich werde nie vergessen, wie bei der Einweihungsfeier vor mir ein junges Pärchen lief. Alles war wie geleckt, alles glänzend. Da höre ich wie der Junge zu seiner Freundin sagt: "Schau mal, da starb der Lehrer sowieso." Die Orte, wo die Toten lagen, konnte jeder genau bestimmen. Das vergisst keiner. Um solche Dinge müssen sich die Psychologen kümmern.

Wie hat der Amoklauf ihr Leben verändert


Ich habe nach dem Attentat funktioniert ohne groß über das Geschehen nachzudenken - wie bei einer Übung. Aber ich muss gestehen, mich treibt das Ganze ziemlich um. Vor zehn Jahren hätte ich geschworen, dass so etwas in Deutschland nie passieren kann. Doch es kann überall geschehen. Die einzige Methode, um dagegen vorzugehen, ist ein möglichst gutes Schulklima, eines, in dem sich Lehrer um Schüler kümmern. Viele der Täter waren auffällig unauffällig. Sie rutschen durch die Maschen und drehen eines Tages durch.
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