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Ministerialrat Wilfried Hegen "Touristen am Ort des Horrors"

Christine Keck, vom 11.03.2010 08:16 Uhr
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Zwei Tatorte: das Gutenberg-Gymnasium in Erfurt... Foto: dpa
Zwei Tatorte: das Gutenberg-Gymnasium in Erfurt... Foto: dpa
Erfurt/Winnenden - Nach dem Amoklauf von Erfurt 2002 hat Wilfried Hegen vom Thüringer Kultusministerium das Gutenberg-Gymnasium begleitet. Seine Erfahrungen hat der Leiter des Referats Umgang mit Krisen und Notfällen auch in Winnenden eingebracht.

Herr Hegen, Sie waren bereits am Tag nach dem Attentat vor Ort in Winnenden. Wie konnten Sie helfen?


Die Erfurter Tragödie hat uns leider einige Lektionen gelehrt. Wir kamen zu viert nach Winnenden, darunter auch eine Psychologin, und haben versucht, in der Situation der anfänglichen Hilflosigkeit und des Chaos ganz simple Tipps zu geben: Schreibt Protokolle von den Stabsgruppensitzungen. Legt genau fest, wer was zu tun hat und bis wann es zu erledigen ist. Macht euch rechtzeitig Gedanken über Versetzungsentscheidungen und Zeugnisse. Kümmert euch um Psychotherapie für die Schüler. Schaut, dass ihr sofort einen erfahrenen Rektor herbekommt, der die Schulleiterin unterstützt.

Wurde das umgesetzt?


Ich wollte auf keinen Fall als Besserwisser-Ossi auftreten und habe doch gestaunt, wie schnell fast alles realisiert wurde, was wir angeregt haben. Ich kann nur sagen, dass Winnenden zu einem sehr viel früheren Zeitpunkt nach dem Attentat sehr viel weiter war und geordneter handeln konnten, als wir nach dem Gutenberg-Massaker.

Die Aufarbeitung dauert bis heute an. Die Schule lädt an jedem Jahrestag zu einer gemeinsamen Gedenkfeier ein.


Dieses Ritual ist ungeheuer wichtig. Es rücken alle zusammen, die Gemeinschaft gibt Kraft und Trost. Die Schüler fangen an zu heulen, auch all jene, die die Tragödie gar nicht selbst miterlebt haben. Inzwischen sind alle Schüler von damals weg, sogar die Fünftklässler haben ihr Abitur hinter sich. Dennoch kocht bei so einer Feier noch einmal alles so richtig hoch, da steht auch den Lehrern das Wasser in den Augen. Und das ist für alle in Ordnung.

Es werden dabei die Namen der Getöteten vorgelesen.


Das machen die Schüler selbst. Außen am Gebäude ist eine schlichte Tafel angebracht mit den Namen der Opfer. Dort werden Blumen niedergelegt, die Rektorin spricht ein paar Worte. Es soll schlicht sein, so ist der Ansatz der Schule, sie will keine Gedenkstätte werden .

Der Amokläufer Robert Steinhäuser hat gezielt zwölf Lehrer exekutiert. Wie konnten die anderen danach weiterarbeiten?


Ich war als Vertreter des Ministeriums ein gutes halbes Jahre lang fast jeden Tag an der Schule und war beeindruckt, wie sich die Lehrer zusammengerissen haben, damit ihre Schüler das Schuljahr beenden konnten. Einige steckten das gut weg, andere fangen noch heute bei jedem ähnlichem Ereignis an wieder zu wackeln. Ich erinnere mich an einen Lehrer, der war lange so stabil wie eine Eiche. Irgendwann hat es ihn mitten im Unterricht erwischt. Er konnte nicht mehr, er war völlig aufgelöst, den hat der Schrecken eingeholt.

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