Missbrauch in St. Blasien Vatikan unterstützt Aufklärung
sie/dpa/apn, vom 03.02.2010 06:22 Uhr
Das Jesuitenkolleg in St. Blasien (Kreis Waldshut). Foto: dpa
St. Blasien - Die Staatsanwaltschaft Waldshut-Tiengen will die Missbrauchsfälle durch einen früheren Jesuitenpater im Kolleg in St. Blasien untersuchen. Ausgelöst durch die Medienberichte habe man ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, gab die Behörde gestern bekannt. Eine Anzeige sei nicht erfolgt. Der Zweck des Verfahrens sei es, die der Schulleitung bekannten Missbrauchsfälle insbesondere im Hinblick auf die Tatzeit aufzudecken. Es soll auch geprüft werden, ob eine strafrechtliche Verfolgung überhaupt noch möglich ist. Die Taten könnten schon verjährt sein.
Während in Berlin, Hamburg, Göttingen und Hildesheim mehr als 20 Kinder von zwei Lehrern am Canisius-Kolleg misshandelt worden sein sollen, haben sich in St. Blasien zwei ehemalige Schüler als Betroffene gemeldet. Einer der beiden beschuldigten Patres war von 1982 bis 1984 Lehrer in St. Blasien. Die Schulleitung rechnet damit, dass weitere Fällen bekannt werden.
Opfer berichten erstmals der Öffentlichkeit
Erstmals haben sich Opfer öffentlich zu Wort gemeldet. Ein 45 Jahre alter früherer Schüler des Berliner Canisius-Gymnasiums sagte der Zeitung "B.Z.", er sei von einem Lehrer gezüchtigt worden. "Ich sollte mir die Jeans ausziehen, mich über sein Bein legen. Dann zog er meinen Schlüpfer herunter. Zehn Schläge auf den nackten Po, fünfmal hintereinander. Es hat richtig wehgetan." Während der Prozedur sei die Tür aufgegangen, und jemand habe ein Foto gemacht. "Dass es sich um sexuellen Missbrauch handelte, da wäre ich damals im Leben nicht darauf gekommen", zitierte das Blatt das Opfer. Ein anderes Opfer sagte der "Bild"-Zeitung: "Ich war 14, hatte eine Vorhautverengung und sollte operiert werden. Bei einem Einzelgespräch sollte ich mich auf den Schoß von Pater R. setzen und ihm mein Glied zeigen. Ich sagte Nein - an mehr erinnere ich mich nicht."
Das Bistum Hildesheim räumte am Dienstag unterdessen Fehler im Umgang mit einem der beiden beschuldigten Patres ein. Dem Geistlichen sei nach dem Bekanntwerden der Vorwürfe 1993 die Jugendarbeit verboten worden, dieses Verbot sei aber nicht konsequent durchgehalten worden. 1997 sei der Mann nach dem Vorwurf weiterer sexueller Belästigungen versetzt worden. "Aus heutiger Sicht haben wir die Vorwürfe zu wenig ernst genommen und die Tragweite der weiteren Entwicklungen eindeutig unterschätzt", sagte der damalige Bischof Josef Homeyer. "Ich bedaure dies zutiefst." Das Bistum rief mögliche weitere Opfer auf, sich zu melden.
Vatikan unterstützt scharfe Verurteilung
Der Hildesheimer Domkapitular Heinz-Günter Bongartz teilte mit, mittlerweile gehe man jedem Verdacht auf sexuellen Missbrauch entschieden nach und setze sich intensiv mit Opfer und Täter auseinander. Der Vatikan unterstützt die scharfe Verurteilung des sexuellen Missbrauchs an deutschen Jesuitenschulen. Der Vatikan sehe die Bitte um Entschuldigung, wie sie der deutsche Jesuitenchef Stefan Dartmann in dem Missbrauchsskandal vorgebracht hat, als "umfassend" an, sagte der Vatikansprecher Pater Ciro Benedettini am Dienstag. Er werde sich daher nicht noch in einer eigenen Stellungnahme äußern, sei aber in "völliger Übereinstimmung" mit dem, was Dartmann dazu gesagt habe.
Die Katholische Elternschaft Deutschlands fordert eine Verschärfung von kirchlichen Regelungen. Die 2002 von der Bischofskonferenz verabschiedeten Leitlinien zum Umgang mit Missbrauch müssten verpflichtend sein, sagte die Geschäftsführerin Elisabeth Brauckmann. Künftig sollten auch diejenigen bestraft werden, die von Missbrauch wussten und sich nicht um Aufklärung bemühten.
Orden mit einem hohen intellektuellen Anspruch
Reformbewegung
Bereits 1548 gründete der acht Jahre zuvor vom Papst anerkannte Jesuitenorden die erste Schule. Leitend war dabei die Absicht, Kirche und Gesellschaft mittels Bildung zu erneuern, eigenen, gut qualifizierten Nachwuchs zu gewinnen und die seelsorgerlichen Aktivitäten auf diese Weise zu verstärken. Beim Tode des Ordensgründers Ignatius von Loyola 1556 soll es insgesamt 24 der bis heute sogenannten Kollegien gegeben haben, an denen 300 Jesuiten vor allem die humanistischen Fächer unterrichteten und die Grundlagen des Glaubens vermittelten.
Schulen und Hochschulen
Die Jesuiten gelten als Mitbegründer des modernen Bildungssystems. "Schlaue Jungs" nennt man sie in Anspielung auf die Abkürzung "SJ" hinter ihrem Namen (für die Ordensbezeichnung: Societas Jesu). Rund 2600 Schulen weltweit sind ihrer Tradition verpflichtet. Im deutschsprachigen Raum gibt es Gymnasien in Bonn-Bad Godesberg, St. Blasien, Berlin, Hamburg, Linz und Wien. Sie wollen Wissen vermitteln und zur Verantwortung erziehen. Die Ordenshochschulen in Frankfurt und München sind bekannt für ihre intellektuelle Freiheit.
Kaderschmiede
Mitgliederschwund und Überalterung machen heute den Jesuiten zu schaffen. Zählte der Orden in den 60er Jahren noch 36.000 Männer, sind es jetzt weltweit nur 19.000 (in Deutschland rund 400). So musste die Gemeinschaft viele Schulen und Konvikte aufgeben. Gleichwohl haben die Bildungsstätten in der Vergangenheit berühmte Personen geprägt. Voltaire, James Joyce, Alfred Hitchcock und Heiner Geißler sind Jesuitenzöglinge. Die Gemeinschaft will aber keine Kaderschmiede sein und hat ihre Schulen stets auch den Armen geöffnet. (Michael Trauthig)
Wenn er denn nun schon mal namentlich benannt wurde, könnte man ja Herrn Heiner Geißler fragen, wie zu seiner Zeit dort alles so "gelaufen" ist. Sexuell scheint sich die Überalterung des Ordens leider Gottes nicht auszuwirken. J.Müller